Buchpräsentation: Die Gezeichneten – Gulag-Häftlinge nach der Entlassung

Buchpräsentation: Die Gezeichneten – Gulag-Häftlinge nach der Entlassung
In den Räumen der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur stellte Meinhard Stark vor kurzem sein Buch „Die Gezeichneten – Gulag-Häftlinge nach der Entlassung“ vor. Auf dem Podium saßen neben Stark auch die ehemaligen Gulag-Häftlinge Karl Heinz Vogeley und Lothar Scholz. Starks sachliche Buchvorstellung bildete einen starken Kontrast zur lebendigen, detailreichen Erzählweise der geladenen Gäste. Der Autor berichtete von mehreren 100.000 Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg als „Politische“, gemeinsam mit russischen Kriminellen und Verschleppten aus 26 anderen Nationen, schwere Zwangsarbeit verrichten mussten. Der Entlassung folgten oft neue Gerichtsverfahren, der Weg in die Verbannung oder die Überwachung durch KGB oder Stasi. Den „Entlassenen“ wurde so jede Hoffnung auf eine selbstbestimmte Zukunft genommen.
Besonders Karl Heinz Vogeley war deutlich anzumerken, dass er bisher selten öffentlich über das Erlebte berichtet hatte. Mit beiden Händen umklammerte er das Mikrofon und erzählte, dass er gerade einmal 16 war, als er zu 15 Jahren Zwangsarbeit in Stalins Gulag-System verurteilt wird. Sein Vergehen: Gemeinsam mit elf anderen Jungen hatte er in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs so genannte „Wolfsangeln“, das Erkennungszeichen des nationalsozialistischen „Werwolfs“, an Hauswände geschmiert. Von einem Militärgericht wurden die Jugendlichen der Sabotage beschuldigt und zu 15 Jahren Straflager verurteilt. Von zwölf verschleppten Jungen kamen nach 1950 nur sechs aus der Gefangenschaft zurück. Der zweite Gast der Veranstaltung, Lothar Scholz, berichtete, wie er nach seiner Verhaftung 1947 acht Jahre lang, anstatt mit Stiefeln, „in Wattestrümpfen über den Polarkreis lief“. Erst nach dem Tod Stalins, am 5. März 1953, rückte seine Entlassung in greifbare Nähe. Trotzdem musste er weitere zwei Jahre in verschiedenen Lagern zubringen, bis er in die Bundesrepublik überstellt wurde.
Im Gegensatz zu Lothar Scholz begann Karl Heinz Vogeley sein Leben in der DDR unter wesentlich ungünstigeren Voraussetzungen. Während die Heimkehrer im Westen, wie Scholz immer noch gerührt berichtete, „wie Helden gefeiert“ wurden, die beste gesundheitliche Versorgung und einen Arbeitsplatz erhielten, erfuhr Vogeley in der DDR von offizieller Seite ausschließlich Ablehnung. Eine Berufsausbildung wurde ihm verwehrt, an eine Arbeitsstelle als Hofarbeiter kam er nur durch die Fürsprache einer Nachbarin. Vogeley erzählt, erst an diesem Punkt, vier Monate nach seiner Rückkehr nach Deutschland, habe er gemerkt, dass er nicht nur „Verbrecher“ sei. Trotz ungünstiger Umstände erarbeitete sich Vogeley im Laufe der Jahre eine leitende Position; wichtige Entscheidungen ließ man ihn jedoch nie treffen. Das Stigma des „politisch Unzuverlässigen“ hing ihm bis zum Untergang der DDR nach.
Der Abend gewann durch die Erzählungen der beiden Männer eine eigene Dynamik. Das eigentliche Thema der Veranstaltung, Gulag-Häftlinge nach der Entlassung, verlor sich dadurch ein wenig. Um so mehr dient das Buch als Nachlese: „Die Gezeichneten – Gulag-Häftlinge nach der Entlassung“ von Meinhard Stark. Der Band erschien im April im Metropol Verlag und kostet 24,00 Euro (Metropol Verlag).
Martina Lehnigk

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