Bücherschau: Best of 2010

Ungleich viel schwieriger als bei den Platten ist es, eine Bestenliste der Bücher 2010 zu erstellen. Zum einen, weil Lesen eine Beschäftigung ist, die man nicht nebenher betreibt – die neue Dead-Weather-Scheibe dagegen kann man durchaus beim Geschirrspülen kennen und schätzen lernen. Zum anderen natürlich, weil es immens teuer ist, in puncto Literatur auf dem neuesten Stand zu bleiben. Selbst, wenn man das eine oder andere Rezensionsexemplar abstaubt. Außerdem steht die „schöne Literatur“ ja immer in Konkurrenz zu den Leseverpflichtungen in Form von Tages- und Wochenzeitungen bzw. Magazinen. (Von den ganzen Online-Medien, die man zumindest streifen sollte, und der Vielzahl an Links, die einem im Lauf der Arbeitswoche um die Ohren fliegen, mal ganz zu schweigen.) Im abgelaufenen Jahr kam der Umstand der beruflichen Neuorientierung dazu, der noch einmal weniger Zeit zum entspannten Schmökern gelassen hat. Sei’s drum: Hier sind meine Leseempfehlungen 2010 – nicht primär das, was in diesem Jahr erschienen ist, sondern was mein Lesejahr prägte.

Belletristik:

1. Henri Charrière – Papillon (1970): „Das Buch begleitet mich insofern schon ein Leben lang, als ich es seit frühesten Kindertagen – zumindest, seit ich lesen kann – jede Ferien aufs Neue bei Oma im Bücherregal sah. Unlängst war ich wieder auf Besuch und hab’s mir mitgenommen. Und, was soll ich sagen: packend!“ – Dieser Feststellung vom 20. November ist wenig hinzu zu fügen. Mittlerweile habe ich mich durch die mehr als 600 Seiten gelesen und darf sagen, schon sehr lange nicht mehr so sehr bei einer Erzählung mitgefiebert zu haben. Die Fortsetzung des autobiografischen Abenteuerromans, Banco, lag unter dem Weihnachtsbaum und wird mir den Jahresbeginn 2011 versüßen.

2. Franz Kabelka – Tone-Hagen-Trilogie (2004 bis 2008): Band 2, Letzte Herberge, habe ich bereits vor drei Jahren gelesen. Vergangenen Sommer folgten Band 1, Heimkehr, und der abschließende Band 3, Dünne Haut, aus der Feder des Vorarlberger Krimi-Autors. In der Regel kann ich wenig mit Kriminalromanen anfangen, aber die authentische Schilderung der Vorarlberger Gesellschaft und der ungewöhnlich vielseitige Plot zogen mich doch sehr tief in ihren Bann. Die folgenden Zeilen habe ich kurz nach der Lektüre formuliert:

3. Thor Kunkel – Schaumschwester (2010): Nach dem Feuilleton-Skandal 2004 rund um Kunkels Endstufe hatte ich das Buch lange Zeit auf meiner Leseliste und dann noch ein paar Monate im Bücherregal, bis ich 2009 endlich dazu kam, es zu lesen. Ich fand mich von Endstufe großartig unterhalten und empfehle nachhaltig, einen feuchten Dreck auf die Kritik zu geben und sich diesen Abenteuerroman nicht entgehen zu lassen. Als ich im Frühjahr zufällig von der Neuerscheinung Schaumschwester erfuhr, war ich zuerst skeptisch – der Plot interessierte mich überhaupt nicht. Irgendwann reingeblättert, hängen geblieben, und wieder begeistert: Es ist keine „schöne“ Literatur, aber eine intensive. Es ist keiner von den Texten, den man in der Shortlist des Deutschen Bücherpreises finden würde, aber tausend Mal kurzweiliger als viele der dorthin gelobten Bücher. Es sei von der Handlung nicht mehr verraten als dies: Ein deutscher Geheimagent ist in einer nur vage bestimmten Zukunft in Frankreich unterwegs, um einen Computer zu knacken und Daten zu rauben. Höheres Ziel ist, einem äußerst erfolgreichen Hersteller von Sexpuppen das Handwerk zu legen. Klingt schäbig? Ist es auch. Und wunderbar abwechslungsreich.

4. Richard K. Breuer – Die Liebesnacht des Dichters Tiret (2008): Klotzen, nicht kleckern, dachte sich der Autor wohl bei der Wahl des Metatitels: Mosaik der Französischen Revolution in mehreren Bänden. Band 1, Mirabeau – 1788, ist ein flotter historischer Krimi: „Man lernt ordentlich etwas bei der Lektüre, die durch Fußnoten, seitenweise Anmerkungen und ein Quellenverzeichnis ergänzt wird. Mittelpunkt ist die Werdung des titelgebenden Helden, der auf der Suche nach seinen Wurzeln ist – und sich damit in große Gefahr begibt. Abgesehen von der wunderschönen Aufmachung beeindruckt der Roman durch Wortwitz, raffinierte Wendungen, tolle Dialoge und, essentiell für den Krimi: viel Spannung.“

5. Johannes Schmidl – Die Kalte Fusion (2009): Während meiner Recherchen für einen Artikel zur Kernfusionstechnologie bin ich in der Stadtbücherei zufällig auf diesen flotten Kurzroman gestoßen. Der Autor studierte Physik und arbeitete als Journalist – ganz brauchbare Vorerfahrungen also. Die Geschichte: Ein Klimaforscher wird von einer jungen, attraktiven Journalistin aufgesucht, die ihn zur prinzipiellen Möglichkeit der Kalten Fusion befragt. In der Folge erfährt der Leser, dass einem von seiner Regierung verfolgter Physiker diese Fusion gelungen ist – und die beiden Hauptfiguren machen sich auf, ihn zu finden und sein Wissen der Öffentlichkeit zukommen zu lassen. Kurzweilig und sprachlich interessant.

Weiters gelesen:

Airen – Strobo/I Am Airen Man (2009/10): Flotte Techno-Pop-Romane, deren Autor schlussendlich von der Helene-Hegemann-Misere profitieren konnte, und deren Axolottl-Roadkill-Mist bei weitem überflügelt.

Wolfgang Bergmann – Die kleinere Sünde (2010): Im Mittelpunkt der Handlung steht Norbert Kranzl, Journalist und Absolvent des Knabenseminars, in dem „Kummermund“ sein Unwesen trieb und sich an mehreren Schützlingen vergangen hat. Als Redakteur für die Chronik-Seiten vom Tagesgeschehen unterfordert und von zwanghaft-originellen Recherchen im Rotlichtmilieu genervt, reagiert Kranzl besonders sensibel, als ein ehemaliger Mitschüler – der „Sexual-Onkel“ – beim Klassentreffen vom erzwungenen fleischlichen Kontakt mit der Vertrauensperson erzählt. (…) Nicht zuletzt die theologisch-philosophischen Diskussionen, die aus dem E-Mail-Verkehr Kranzls mit einem in Rom sitzenden Bischof entstehen, machen dieses Buch lesenswert. – Vollständige Rezension: hier.

Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind / Alle sieben Wellen (2006/09): „Dufte. Unterhaltsam, witzig, voll sprühendem Witz und prickelnder Erotik. Ein gerechter Erfolg.“ – Mehr dazu: hier.

Markus Köhle – Dorfdefektmutanten (2010): „Man kann bei Markus Köhles Dorfdefektmutanten an die Piefke-Saga denken und liegt damit gar nicht so falsch, denn auch in diesem „Heimatroman“ geht es um den Blick hinter die Kulissen des Tourismuswahns.“ Nähere Auseinandersetzung: hier.

David Schalko: Weiße Nacht (2009): Fast so unterhaltsam wie der Prozess, den Stefan „Lebensmensch“ Petzner gegen den Autor anstrengte – und natürlich hoffnungslos verlor. Ich erinnere mich gerne an meine zugehörigen Artikel.

Dirk Stermann – Sechs Österreicher unter den ersten fünf (2010): „Dirk Stermann, seit den frühen 90er-Jahren als alemannische Hälfte des Komikerduos Stermann & Grissemann aus Funk und Fernsehen bekannt, hat seinen Migrationshintergrund in Buchform gebracht. (…)Einerseits regiert natürlich der Brachialhumor, den der Autor mit Christoph Grissemann geprägt hat wie kaum jemand in diesem Land. (…)Daneben gibt es den Stermann, der seinem „vita contemplativa“ nachgeht, aus dem er manchmal aufschreckt, um die brennenden Themen der Zeit ironisch zu kommentieren: „Die beiden Türme der Karlskirche und die Kuppel wirkten unweigerlich wie eine Moschee mit Minaretten. Als schneite es in Istanbul.“ – Auch dazu gibt es bereits einen längeren Artikel.

John Updike: Terrorist (2006): Mein erster Updike entpuppt sich als eher lahmes Werk. Ein junger Amerikaner mit arabischen Wurzeln lässt sich von radikalislamistischen Predigern so weit beeinflussen, dass er mittels sprengstoffbeladenem Lastwagen einen Terroranschlag ausführen will. Ein Lehrer kommt ihm auf die Spur und versucht sein Möglichstes, um das zu verhindern. In der literarischen Umsetzung wird dieser spannende Ansatz zu oft durch menschliche Abgründe, versuchte Romanzen und pseudojugendliches Denken durchbrochen. Im letzten Drittel habe ich das Buch nur mehr überflogen. Keine Empfehlung.

Sach-/Fachbuch:

1. Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab (2010): Wer, wenn nicht er? Keiner hat (im deutschen Sprachraum) so gut provoziert wie Sarrazin, keiner wurde zugleich so geliebt und gehasst. Und kaum einer kam dabei so authentisch daher: Sarrazin im Interview oder in der Talkshow – der Mann kommt dermaßen ungecoacht her, dass man meint, es müsse schon wieder eine Strategie dahinter stecken. Was den Inhalt des Buchs betrifft, soll sich Sarrazins Denken ja gemeinhin gegen das wenden, was wir lieben GutmenschInnen sonst so vertreten. Dem ist aber nicht so. Sarrazin zeigt – zugegeben, mit teils haarsträubenden und in der Tat nicht immer nachvollziehbaren Statistiken – auf, in welche Teile/Schichten der Gesellschaft von Staats wegen Investitionen und Interventionen nötig wären. (So kann man es nämlich auch ausdrücken.) Und natürlich hat Sarrazin recht, wenn wer sich wünscht, dass die Gesellschaft insgesamt intelligenter und wertschöpfender werden soll, und dass bestimmte Gruppen insgesamt mehr und andere insgesamt weniger dazu beitragen. Dies allerdings – und spätestens hier fängt die Verantwortung des Lesers an, nicht nur nachzuplappern oder anzugreifen, sondern selbst zu reflektieren – nicht nur in Zuwanderervierteln und durch Arbeitslosengeld finanzierten Familien. Man hat übrigens auch Sarrazin immer wieder vorgeworfen, er argumentiere unreflektiert bzw. kenne sich in der Materie, über die er schreibt, wenig aus. Da möchte man aber schon zurück fragen, wie viele seiner Kritiker sich z.B. mit den Schriften von Navid Kermani und Kirsten Heisig auseinander gesetzt haben. Unbelesenheit, zumindest, kann man Sarrazin nicht unterstellen. Und wer mitreden will, steht hier ausnahmsweise einmal wirklich vor einem Buch, das dafür gelesen werden MUSS.

2. Tom Segev – Simon Wiesenthal. Die Biographie (2010): Wer rasch und umfassend über Simon Wiesenthal informiert werden will, dem sei die Dokumentation Ich habe euch nicht vergessen. Simon Wiesenthals Leben und Vermächtnis ans Herz gelegt. Aber Vorsicht: Das ist nichts für schwache Nerven. Wer etwas mehr in die Tiefe gehen will und zudem Unterhaltungswert sucht (Stichwort: Kreisky-Abhörvorwürfe!), dem sei Tom Segevs Buch empfohlen. Ein spannendes Leben, spannend erzählt.

3. Robert Dachs – Oskar Werner. Abgründe eines Giganten (2010): Bewusst gesehen habe ich nur einen Film mit Oskar Werner, nämlich Fahrenheit 451. Aber die Werner-Legende ist auch an mir nicht vorbei gegangen, weshalb ich mit einiger Neugier an dieses Buch heran gegangen bin. Der Schreibstil von Robert Dachs, immer wieder durchbrochen von Originaldokumenten aus und um Werners Leben, ist etwas gewöhnungsbedürftig – macht aber dann umso mehr Spaß. Der Schauspieler wird bei all seinen Skurillitäten doch sympathisch (und bemitleidenswert) gezeichnet, und vor allem Werners Kampf gegen das Vergessen des nationalsozialistischen Terrors ist absolut erinnernswert.

4. Wolfgang Petritsch – Bruno Kreisky (2010): Ich bin 31 und habe wenig Ahnung von Bruno Kreisky als Person. Natürlich, seine politischen Verdienste kennt man aus der Schulzeit und hat sich als politisch interessierter Mensch natürlich später weiter darin verdient. Aber der „Kult“ um den „Sonnenkönig“ – den konnte ich nie nachvollziehen. Würde jemand Vranzitzky, Klima, Schüssel, Gusenbauer oder Faymann vergöttern? Nein. Irgendeinen anderen Politiker? Niemals. Und warum war das bei Kreisky anders? – Ich kann es nach diesem Buch noch immer nicht nachvollziehen, v.a. aufgrund der Auseinandersetzung Kreiskys mit Simon Wiesenthal: Da schwebt noch zuviel ungeklärte Sauerei herum. Dennoch: interessante Lektüre von einem, der es wirklich wissen muss: Petritsch war Kreiskys persönlicher Sekretär.

5. Wendelin Schmidt-Dengler: Der Übertreibungskünstler. Zu Thomas Bernhard (2010): Erweiterte Neuauflage mit zahlreichen Bernhard-Texten des vor zwei Jahren verstorbenen Literaturwissenschaftlers. Unterhaltsam, lesenswert.

Weiters gelesen:

Markus Gasser – Das Königreich im Meer. Daniel Kehlmanns Geheimnis (2010): Interessant, wie sehr sich Literaturwissenschaft und –betrieb mit einem noch so jungen Autor auseinander setzen, wenn er zufällig das meistverkaufte und -übersetzte deutschsprachige Buch seit vielen Jahren schreibt. Kenner wissen ohnehin, dass Kehlmann weit mehr kann als Die Vermessung der Welt. Allen anderen seien Ruhm oder auch Ich und Kaminski ans Herz gelegt. Ach ja: Gasser legt hiermit eh ein überaus lesenswertes Buch vor. Für den reinen Romanliebhaber aber wohl eher weniger packend.

Karl-Heinz Paqué: Wachstum. Die Zukunft des globalen Kapitalismus (2010): Der ehemalige FDP-Finanzminister in Sachsen-Anhalt (2002 bis 2006) nimmt sich des Wachstums-Begriffs an: „Wachstum sei sicher ‚nicht der falsche Weg’ – sondern vielmehr die einzige Möglichkeit, ‚wie überhaupt die großen Ziele der Menschheit erreicht werden können’. Vom Erhalt unserer Lebensqualität und dauerhafter sozialer Sicherheit ganz zu schweigen.“ – Meine vollständige Rezension gibt’s im aktuellen atello nachzulesen, noch bis Mitte Jänner am Kio.

Ekkehard D. Schulz – 55 Gründe, Ingenieur zu werden (2010): Der Titel sagt eh schon alles. Allen Mädels und Jungs ans Herz zu legen, die in den nächsten zwei, drei Jahren mit der Frage der weiterführenden Schule oder des passenden Studiums konfrontiert werden. Techniker/innen sind gefragt! Mein Interview mit dem Autor: hier.

An dieser Stelle wünsche ich meinen Leserinnen und Lesern einen guten Rutsch ins neue Jahr und das Allerbeste für 2011! Man liest sich!


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