Bücherlese: Karl Ove Knausgård, "Sterben" und "Lieben"

Karl Ove Knausgård: Damit beginne ich die neue Reihe "Bücherlese - aus meinen Bücherregalen", in der ich an nicht mehr ganz frische Bücher erinnere (in der Regel Belletristik). Der Büchermarkt ist heute dermaßen schnelllebig!

Der Norweger Karl Ove Knausgård allerdings ist derzeit noch in vieler Munde, denn gerade ist der fünfte von sechs Bänden einer autobiografischen Reihe in deutscher Sprache erschienen (Übersetzer Paul Berf), die im Norwegischen "Min kamp" (Mein Kampf) heißt - ein Reihentitel, den kein deutschsprachiger Verleger übernehmen kann. Mir liegen Band eins und Band zwei vor - "Sterben" und "Lieben".

Karl Ove  Knausgård - Sterben  Karl Ove  Knausgård - Lieben

Karl Ove Knausgård: Nein, ich mag seine "Romane" nicht und schwimme damit, ich weiß, gegen den Strom. Und das obwohl er Norweger ist, denn da bin ich positiv befangen, meine Mutter war Norwegerin. Schon die große Beliebtheit in Norwegen ist für mich ein Phänomen, das ich kaum verstehen kann und nur durch den melancholischen Grundzug norwegischer Menschen einigermaßen erklären kann. Aber auch bei uns gelten seine Bücher als Bestseller! Vielleicht eine Generationenfrage? Die Beliebtheit dieser radikal persönlich-subjektiven Erzählweise lässt sich möglicherweise direkt ableiten aus dem persönlichen Mitteilungsstil, wie er ursprünglich in Blogs, heute eher bei Twitter gepflegt wird?

Das stimmt jedenfalls, was bei "Sterben" auf dem Klappentext steht: seine Erzählweise sei "radikal ehrlich" und "radikal persönlich" - das genau ist es wohl, was die moderne Leserin, den modernen Leser anspricht, und das genau ist es, was ich nicht mag und teilweise unerträglich finde. Darf so etwas "Roman" genannt werden, ist es literarisch im Sinne von künstlerisch? Denn bei seinem direkten, ungefilterten Erzählen ist nichts auf eine höhere Ebene gebracht, entsteht fast keine Vielschichtigkeit. Eine kleine Kostprobe auf S. 303 von 576 Seiten - der Erzähler hat gerade vom Tod des Vaters erfahren: "Mein Vater ist tot und ich denke an das Geld, das mir sein Tod einbringen wird. Na und? Ich denke, was ich denke, kann nichts dafür, dass ich so denke, oder?... Sollte ich etwas essen? Etwas trinken? Rausgehen und etwas kaufen? Ich trottete in den Flur, dann ins Schlafzimmer, das breite, ungemachte Bett, dahinter die Tür zum Bad. Das könnte ich tun, dachte ich, duschen, das war eine gute Idee, immerhin würde ich in Kürze verreisen. Raus aus den Kleidern, das Wasser aufdrehen und dampfend heiß, auf den Kopf, den Körper hinablaufen lassen. Sollte ich wichsen? Nein, verdammt, immerhin war Vater gestorben. Tot, tot, Vater war tot. Tot, tot, Vater war tot. Es brachte mir auch nichts, unter dem Wasserstrahl zu stehen, so dass ich wieder abdrehte und mich mit einem großen Handtuch abtrocknete ..." usw.

Hauptthema von "Sterben" ist der Tod des Vaters, genauer die Arbeit, die die beiden Brüder Karl Ove und Yngve damit haben, das verkommene Haus des Vaters aufzuräumen - er war Alkoholiker - und überhaupt mit ihm abzurechnen. Viel zu lange hatte der ungeliebte Vater ihr Leben überschattet. Um so weniger verständlich ist, warum den Autor nach dem Tod des Vaters ein dermaßen großes Selbstmitleid ergreift, warum er immer wieder in Tränen ausbricht. Die minutiöse Beschreibung des Elends, das der Vater hinterlassen hat, hat auch etwas Unwürdiges, womit ich die Würde des Vaters meine. (Der Autor mag ja gegen seine eigene Würde bei seinen Schilderungen verstoßen, schlimmer ist, wenn Mitmenschen betroffen sind.) Im Haus lebt auch noch die Mutter des Vaters, also die Großmutter der beiden Brüder - sie ist schlicht verwahrlost (offenbar ebenfalls alkoholkrank), und die Enkel können sich nicht entschließen, ihr konkret zu helfen. Wahrscheinlich ist es das, was mich an diesen Büchern stört: es fehlt der Respekt, der Respekt vor sich selber, der Respekt vor anderen Menschen. Verstoß gegen die eigene Würde bedeuten, um ein weiteres Beispiel zu nennen, ebenfalls die ausführliche Schilderung von Alkoholexzessen und deren Nachwirkungsphasen. Der Prozess der Loslösung vom Vater der beiden Brüder - erst nach dem Tod! - zeigt sich auch darin, dass sie den Bestatter ausdrücklich bitten, die Leiche noch einmal sehen zu dürfen; erst dann glauben sie, dass er wirklich tot ist.

In dem zweiten Band, "Lieben", wird hauptsächlich das Zusammenleben von Karl Ove und Linda mit schließlich drei Kindern geschildert, das immer schwieriger wird und zu immer häufigeren Ehekrächen führt. "Was bleibt von all der Romantik und Leidenschaft" - ich zitiere den Klappentext - "wenn der Alltag Einzug hält ins Leben zweier moderner, auf Selbstverwirklichung bedachter Menschen mit kleinen Kindern? Anspruch und Wirklichkeit prallen aufeinander. Das tägliche Ringen um Freiräume, Lebensfreude und Zeit wird zum unauflösbaren Konflikt. Die eigene Identität muss mit Klauen verteidigt, die Liebe immer wieder neu gefunden werden ..." Wem kommt das nicht bekannt vor? Vielleicht ist es auch genau dieser "Wiedererkennungseffekt", der zahlreiche Leserinnen und Leser anspricht.

Hier ein informatives Video des Schweizer Fernsehens zu Karl Ove Knausgård.

Karl Ove Knausgård: Sterben. Roman. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand: München 2011. 576 Seiten, 22,99 Euro. ders.: Lieben. Roman. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand: München 2012. 764 Seiten, 24,99 Euro.

Verlagsinformationen.

Text: Dr. Helge Mücke, Hannover; die Bilder zeigen die Schutzumschläge des Verlags.

Bücherlese: Karl Knausgård,

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