Niedersächsische Musiktage 2015: Rückblick - Mittagskonzert in Hannover

Es ist schon eine Weile Brauch, dass eines der Mittagskonzerte der Niedersächsischen Sparkassenstiftung - ich wusste gar nicht, dass es solche gibt - in den Rahmen der  Niedersächsischen Musiktage eingefügt wird. In diesem Jahr fand das betreffende Mittagskonzert bereits am 29. September statt, ich komme darauf zurück.

Gerade lese ich die Biografie und die Gedichte der Selma Merbaum, geschrieben und herausgegeben von Marion Tauschwitz: "Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben".  Selma Merbaum starb 1942 mit 18 Jahren in dem deutschen Zwangsarbeiterlager Michailowka in der Ukraine. 58 Gedichte sind von ihr erhalten und zählen heute zur Weltliteratur.
Warum ich das hier erwähne? Es ist für mich eine Parallele zu dem Komponisten, der in dem Mittagskonzert vorgestellt wurde, auch er konnte nicht zuende komponieren ... Rudi Stephan fiel mit 28 Jahren im Ersten Weltkrieg. Wenige Stücke von ihm sind überliefert, fast sein gesamter Nachlass ist im Zweiten Weltkrieg verbrannt. "Er wird die bedeutendste musikalische Kraft des jungen Deutschland gewesen sein", schrieb sein Freund Kasimir Edschmid in einem Nachruf im "ZeitEcho". Die Parallele hat mich sehr berührt.

Das Konzert fand genau am 100. Todestag Rudi Stephans (1887 - 1915) statt. Der Pianist Hinrich Alpers, die Violinistin Agata Szymczewska und die Sopranistin Martha Guth stellten drei seiner Werke bzw. Werkgruppen vor: eine Groteske für Violine und Klavier, 6 Lieder auf Texte von Gerda von Robertus ("Ich will Dir singen ein Hohelied"), Sieben Lieder nach verschiedenen Dichtern für Singstimme und Klavier. Hinzugesellt wurde die Sonate op. 11 Nr. 1 für Violine und Klavier in Es-Dur von Paul Hindemith (1895 - 1963), die vielleicht andeuten kann, wohin sich Rudi Stephan noch hätte entwickeln können (2. Satz "Im Zeitmaß eines langsamen, feierlichen Tanzes. Ins erste Zeitmaß übergehen").

Stephan "hatte bereits als 18-Jähriger mit dem Kompositionsstudium begonnen und sich dabei schon früh auf die Suche nach einer Musik begeben, die ohne programmatischen Hintergrund und ohne symbolische Aussage ganz allein 'aus sich' und 'für sich' zu wirken vermag" (aus dem Begleittext der Musiktage).

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Die Interpretation der drei Ausführenden ließ das erleben. Für den in Uelzen geborenen Pianisten Hinrich Alpers gab es einen biografischen Kreuzungspunkt, wie er anfangs in einer kleinen Vorrede öffentlich bekannte: Als Kind hatte er sich bei einem Konzert des Hannoverschen Staatsorchesters für Stephans Musik begeistert, seitdem vergeblich nach Noten gefahndet und war erst im Rahmen seiner Ausbildung an der hannoverschen Musikhochschule fündig geworden. 

Ich bin kein Musikfachmann, doch meinem Eindruck nach hatte die "Liedbegleitung", der Part des Pianisten, hier mehr Eigenständigkeit als bei den Liedvertonungen der Romantik üblich. Ein lohnendes Musikerlebnis im Sparkassen-Forum in Hannover! Dank an die PlanerInnen und OrganisatorInnen der Niedersächsischen Musiktage, dass sie uns das Abenteuer derartiger Entdeckungen ermöglichen! Weitere Informationen hier. Das nächste Mittagskonzert findet am 20. Oktober statt, Informationen hier.

Text: Dr. Helge Mücke, Hannover; Bild (das Hinrich Alpers zeigt): Chad Jonston (als Pressefoto nicht frei verfügbar).

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