Blumenmann: Gekommen, um zu gehen

Blumenmann: Gekommen, um zu gehenEr war wie seine Stadt, arm, alt, wortkarg und langsam, und nun ist er nicht mehr. Siegfried Pohl war einer der DDR-Bürger, denen nie Integrationsangebote im neuen Deutschland gemacht worden waren. In der alten Arbeiterrepublik noch Teil der herrschenden Klasse, stürzte der kantige Charakterkopf, der früher einmal, in jenem anderen Land, das ihm immer Heimat blieb, ein stolzer Staplerfahrer gewesen war, ab zu einem von den Saturierten belächelten Original.
Pohl, ohne Sprachkurs, Sozialarbeiter und gesellschaftliche Großdebatte in sein Schicksal geworfen, diskutierte nicht, mit niemandem. Er eröffnete zwar auch keinen türkischen Gemüsehandler, weil der türkisch Gemüsehandel in seiner Heimatstadt durchweg von Kurden betrieben wird. Doch er wurde der "Blumenmann", ein städtisches Original, ein Zitterreinhold der Moderne, der jahrein, jahraus eisern auf dem eiskalten Boden hockte, während anderswo Rasenflächen beheizt wurden. Und Blumensträußchen anbot, der Charme ausschließlich in ihrer naturbelassenen Nähe zu reiner Grasmahd lag.
Blumenmann: Gekommen, um zu gehenDieser Mensch, das konnte jeder sehen, der einen seinen seiner Stammplätze passierte, war angekommen im gemeinsamen Deutschland von Helmut Kohl und Angela Merkel. Er hatte verinnerlicht, dass sich jeder um sich selbst sorgen muss und Integration eine Bringeschuld derer ist, die dagelieben sind. Woher Siegfried Pohl seine Blumen hatte, wohin er verschwand, wenn er den Laden schloss - nur Gerüchte kursierten darüber. Er sei der Vater des Jungen, der im berühmten Kreuzworträtselfall ermordet wurde, wisperte es. Er habe einstmals drei Flaschen Klaren am Tag zu sich genommen, um den Schmerz zu ersäufen, erinnerten sich Leute, die ihn früher gekannt haben wollte, als er noch mehr als ein Wort hintereinander sprach.
Lange her. Siegfried Pohl, keineswegs verwandt oder verschwägert mit dem Präsidenten des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, der Rüdiger Pohl heißt, war nur noch ein verwittertes Gesicht, gezeichnet und gegerbt wie die Hauswand, vor der er saß. Seine Blumentöpfchen legte er abends unter einen Zaun, morgens ganz früh zog er sie hier wieder hervor, um ein neues Tagesgeschäft anzufangen, das wieder vier, sechs oder neun Euro Umsatz bringen würde.
Nicht auf die Menge kam es ihm an, sondern auf die Geste. Pohl wollte der Welt zeigen, dass er begriffen habe, dass er nützlich sei, dass er das Leben aller schöner machen helfen könne. "Siggi", nannten ihn die Menschen vertraulich, ein Original mit dem Charme eines Stadtstreichers, schlug sich sitzend durch, egal ob Regen, Schnee oder Sonnenbrand. Niemand schrieb Bücher über ihn, keiner sah in dem Gesicht unter der selbstgestrickten Pudelmütze ein gesellschaftliches Problem, auf das Heerscharen von Betreuern, Erziehern und Spezialistenrunden anzusetzen wären.
Bis er eines Tages verschwand. "Florist vermisst" titelte PPQ, seit den ganz frühen Tagen offizielles Blumenmann-Board . Blumenmann-Fans riefen per Grafitto nach ihm: "Blumenmann, wo bist du?" Zu spät. Monate später erst tauchte Siegfried Pohl in einem eleganten Altenheim wieder auf, ohne Blumen, ohne seine handgehäkelten Topflappen. Doch es gehe ihm gut, berichtet die auf Integration spezialisierte Zeitung "Bild", der arme Tropf habe sogar seinen Geburtstag ganz groß mit den anderen Insassen gefeiert.
Es sollte sein letzter gewesen sein. Vor einigen Tagen ist Siegfried Pohl, der Blumenmann, den alle Siggi nannten, als hätten sie mit ihm einst ganze Güterwaggons Klaren ausgetrunken, seinen Lasten und der Leere inmitten der großen Stadt entkommen. Er starb in einem Altenheim, nur ein paar hundert Meter entfernt vom letzten Sitz seines mobilen Blumenstandes.


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