Bildungspolitik: Allianz-Policen statt Friedrich Schiller

Die Debatte ist nicht neu. Dass sie jetzt in den Medien wieder mit aller Vehemenz geführt wird, scheint kein Zufall zu sein. Die Frage, ob, das, was in deutschen Schulen gelehrt wird, die Schülerinnen und Schüler tatsächlich für das wahre Leben vorbereitet, ist berechtigt. Das war sie immer schon. Die Maxime des Humanismus, non scholae, sed vitae hat die Frage selbst aufgeworfen. Da stellt sich die Frage, was das wahre Leben ist. In einer Epoche des exzessiven Technizismus ist es nur logisch, dass die Orientierung in einer technisierten Welt einen gewissen Stellenwert hat. Wie immer argumentieren die staatlichen Vertreter der Bildungsinstitutionen, dass vor allem das Elternhaus in dieser Frage gefragt sei. Die Schule sei dazu da, vor allem Wissen zu vermitteln, dass dazu befähigt, es in die Lebenspraxis zu transferieren. Aber genau das gelingt den Bildungsinstitutionen nicht so gut, ist es doch genau die Kritik, die aus den PISA-Untersuchungen resultiert. Es mangelt an der Fähigkeit, das Gelernte anzuwenden.

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Über manche bildungspolitische Vorstöße kann man nur lachen – – Foto: © public domain / wikimedia commons

Dazu zwei Aspekte, die bedacht werden sollten. Zum einen ist die Trennung von Bildung und Erziehung ein deutscher Sonderweg, der aus der Vergangenheit resultiert.
Die Vermittlung von Werten und gesellschaftlich tragfähigen Verhaltensweisen sollte keinem Staatsmonopol mehr anvertraut werden. Diese Fragen, so der nachvollziehbare Gedanke, sollte von den Erziehungsberechtigten bearbeitet werden. Das Problem, mit der dieses Konzept konfrontiert ist, sind die zunehmend aufgelösten klassischen Familienstrukturen. Dort wird diese Aufgabe immer weniger erfüllt.

Bildung wiederum unterliegt dem staatlichen Schulmonopol. Die Vermittlung von Wissen findet dort nach wie vor statt, aber sie hat sich lange darauf zurück gezogen, es dabei zu belassen und die Frage nach dem Transfer des Gelernten in die Alltagspraxis den Erziehenden zuzuweisen, welche es immer weniger leisten. Das ist ein Desaster, dass die staatlichen Institutionen kaum interessiert. Und die Erziehungsinstitution ist immer weniger dazu in der Lage. Eine Lösung muss dringend her, eine Revision des Sonderweges scheint mehr als angebracht.

Die wohl dürftigste Schlussfolgerung aus der Malaise ist die nun entbrannte Diskussion um die Änderung von Lehrplänen, die sich provokativ mit der Formulierung übersetzen ließe, weniger Lyrik und Prosa, dafür aber mehr Anwendungskenntnisse in Bezug auf das Einlesen von Barcodes oder den rechtssicheren Abschluss von Versicherungspolicen zu vermitteln. Das ist, was den Zeitgeist anbetrifft, folgerichtig, was eine Strategie anbetrifft, aus der wachsenden Unfähigkeit, sich in einer komplexen und ungeordneten Welt zu orientieren, ist es ein Fehlschluss ersten Ranges.

Die Fähigkeit, Literatur zu lesen, zu begreifen und aus ihr kritische und ethische Kernaussagen herauszufiltern, ist eine der größten Errungenschaften des reflexiven Geistes. Genau das, was in den Feuilletons in Bezug auf die wachsende Unruhe in der Welt, die eskalierenden Konflikte und die immer schwieriger werdende Bewertung all dessen beklagt wird, wird nun als eine Ursache für die Orientierungslosigkeit ausgemacht. Da scheint eine ganze Zunft etwas nicht begriffen zu haben. Die Verdächtigung, die bei dieser Diskussion aus jeder Zeile scheint, ist die, dass die Vermittlung der geistigen Techniken aufklärerischen Geistes die Ursache für die wachsende Diffusion in den Köpfen sei.

Der als wohl gemeinter Pragmatismus daher kommende Vorschlag, Texte von Heinrich von Kleist oder Friedrich Schiller durch Standardverträge der Allianz zu ersetzen, ist eine impertinente wie erbärmliche Avance der Technokratenkaste. Das einzige, was angesichts der Diskurs- und Konfliktunfähigkeit in der Sphäre der Politik bleibt, ist über diesen Unsinn lauthals zu lachen. Es wäre der Gipfel in dem seit langem lancierten Prozess der Entmündigung.

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