Bild, du meine Meinung

Bild, du meine MeinungSeht euch das Bild mal ganz genau an. Ist das der Dank der Asylanten? Da stellt man ihnen Unterkünfte hin, beschenkt sie mit Utensilien und dann lassen sie alles verwahrlosen. Müsste man solche Dreckschleudern nicht eigentlich gleich an den Flughafen fahren und wieder ausfliegen? Zurück dorthin, wo Dreck zwar nicht Speck macht, aber offenbar ganz normal ist? So weit ist es letztlich gekommen. Undankbarkeit dafür, dass man hilft. Es ist traurig. Nur traurig. Da sieht man eben mal, was wir uns alles ins Land holen. Und mit diesen Leuten sollen wir Staat machen?

Problem an dem Bild ist nur, dass es keine Zeltstadt für Flüchtlinge darstellt. Es ist ein Auszug von einem Foto des St. Galler Openair von vor drei Jahren. Die Gestalten sind Festivalsbesucher, keine Asylbewerber. Der Dreck ist die Normalität bei jedem dieser Events. Man braucht keine Fremden, um mal zuzusehen, wie es eigentlich ist, im Unrat von vielen Tagen zu leben. In der netten kleinen Provinz, in der ich lebe, da steht seit einigen Tagen eine Zeltstadt. Flüchtlinge leben dort. Und langsam summieren sich Horrorgeschichten. Eine handelt von Fotos, die die Verwahrlosung im Camp dokumentieren sollen. Die dortigen Bewohner hätten die Spenden an sie zerpflückt und über die Wiese geworfen. Ob es stimmt oder nicht, sagt das Bild nicht. Es ist einfach nur ein Bild. Vielleicht Abbild der Wirklichkeit - vielleicht aber auch nicht. Doch man ist hier natürlich gewillt, die Bilder als zutreffend anzuerkennen.
Susan Sontag hat die (Kriegs-)Fotographie in ihrem Buch  »Das Leiden anderer betrachten« behandelt und kommt zu dem Resultat, dass Bilder nie einfach nur das Abbild der Wirklichkeit sind, sondern ein Stück aus einer Gesamtkomposition, das nicht zwangsläufig das dokumentiert, was die Wirklichkeit vorgab. Man muss also gar nicht manipulieren, um etwas zu entstellen. Unlängst befasste sich auch ein »Zeit«-Artikel mit dieser Materie. Die technischen Möglichkeiten zur Verfälschung seien so groß wie nie. Aber man braucht eben gar keine Überarbeitung, folgt man Sontag. Es kommt auf dem Blickwinkel an, den man wählt, auf das, was in der Komposition der Wirklichkeit stattfindet, aber auf dem Bild unterschlagen wird. Indem man das nicht zeigt, was war, gerät das was man zeigt, in ein ganz anderes Licht. Bilder sind also letzten Endes Schnipsel einer Momentaufnahme, die stark von den Motiven, Vorlieben oder Sendungsbewusstsein ihrer Macher gefärbt sind.
Also auch wenn die Bilder von der Verwüstung im Flüchtlingslager hier um die Ecke tatsächlich dort aufgenommen wurden, muss das noch lange nicht das sein, was unter dem Bild als Text angeboten wird. Es sieht wild aus, keine Frage. Aber es ist nur ein Auszug, ein Stück Momentaufnahme, das vom Fotografen bewusst gewählt wurde. Das so und nicht anders abgelichtet wurde und das damit keinen Anspruch auf Dokumentation dessen hat, was der Text als unterstützende Erklärung der Realität vorgibt zu sein. Das Lager ist groß - wenn es in einer Ecke so aussieht, ist das nicht der Zustand überall dort. Außerdem unterschlagen Bild und Text, dass Zelten immer eine unsaubere Sache ist. Wie gesagt, man gehe auf Festivals. Wenn von dreißig Leuten nur drei zum Herumwerfen von Müll neigen, dann sieht es so aus und man könnte meinen, eine ganze Legion habe sich hier ausgetobt.
Das Bild aber zeigt Dreck und sagt, das sei der Zustand im Lager. Es interpretiert das, was der Fotograf (vielleicht ein anwesender Ordner oder jemand vom Rettungsdienst, der dort ständig präsent ist) als fotografierenswert erachtet. Vielleicht fühlte er seinen Ordnungssinn angesprochen, merkte wie der rebellierte und wollte der Welt da draußen mal zeigen, wie es ausartet. Damit war das Bild aber vorgeprägt, denn die sauberen Ecken des Lagers hat er nicht festgehalten und Bilder von gepflegten Bereichen gehen nun nicht von Bürger zu Bürger.

Ich nehme nicht an, dass die Bilder, die herumgereicht werden und empören sollen, so wie ich es oben angestellt habe, einfach von einer anderen Veranstaltung genommen wurden, um es dann mit dem örtlichen Camp in Verbindung zu bringen. Das haben bestimmte Kreise auch schon gemacht. Letztlich glauben Betrachter mehr dem Text unter dem Bild, als dem, was man auf Bildern sieht. Oder sagen wir, sie glauben dem Bild, lassen sich aber erst in eine bestimmte Richtung auf das Gesehene ein, wenn man ihnen einen textlichen Wink gibt. Man muss wie gesagt Bilder nicht manipulieren, um etwas Bestimmtes mit ihnen ausdrücken zu wollen. Manipulation auf softer Ebene ist der Begleittext. Wenn man also schreibt, dass dieses Chaos entstand, nachdem die Flüchtlinge Geschenke und Spenden auspackten und zerpflückten, dann will man den Betrachter in ein bestimmtes Gefühl bringen. Er soll empört sein, weil da Undankbarkeit am Werk war. Aber woher weiß man guten Gewissens, dass es genau so war. Das Bild zeigte Verwüstung und undefinierbaren Unrat. Papier und Pappe. Andere Dinge, die man nicht richtig erkannte. Klar könnte es, dass es so war. Oder eben nicht. Eindeutig ist das Bild nicht. Es wird erst eindeutig, wenn man es mit Worten flankiert. Und so glaubt man mehr dem Wort als dem Bild.
Bilder sind letztlich immer manipulativ. Sie treffen ja nicht auf Betrachter, die völlig unabhängig von ihren Gefühlen und Erfahrungen sind. Und sie klammern das zeitliche Geschehen aus, weil sie ein festgefrorenes Zeitdokument sind. Sie zeigen ein Ist-Zustand, aber nicht, wie es dazu kommen konnte. Bilder sagen tatsächlich mehr als tausend Worte, weil sie in uns etwas ansprechen, Konnotationen schaffen. Das Wort erlaubt einen solchen Umgang nur im begrenzten Maßstab, ist präziser und daher nur bedingt interpretierbar. Aber ein Bilddokument ist nach allen Seiten offen. Und daher besonders anfällig für manipulative Begleittexte, das das Vage kanalisieren.
Man darf nicht davon ausgehen, dass die Bilder aus dem Camp hier im Städtchen von einem besonderen Neonazi gemacht worden wären. Ziemlich sicher, dass es sich um jemanden ohne diesen Hintergrund handelte, der voreingenommen fotografierte und damit eine bestimmte Wirkung erzielen wollte bei denen, die es sich anschauen. Neonazis greifen solche Fotos dann auf und fühlen sich bestätigt. Wenn man kritischere Bildanalyse von normalen Bürgern nicht erwarten kann, wie dann von diesen Gesellen? Vor dem Camp spielt übrigens täglich eine Gruppe dunkelhäutiger Männer Cricket. Vielleicht Pakistanis, dort ist Cricket ja Volkssport. Sie bauen sich aus Müll Markierungen und legen los. Der Vorplatz ist danach immer sauber. Sie lassen nichts liegen. Das wäre auch mal ein schönes Foto. Ich sollte eines machen und drunterschreiben, dass es so überall im Camp aussieht. Und das dürfte so manipulativ sein wie das Gegenteil, das hier Thema war.
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