Beschneidung: Ignoranz und Sexismus

Die Beschneidungsdebatte ist geprägt von Ignoranz und Sexismus. Ignoranz in Bezug auf die sexu­elle Anatomie des Mannes und in Bezug auf die frau­en­ver­ach­ten­den Ursprünge des Amputationsrituals. So kommt es zur Tabuisierung jeg­li­chen Vergleichs von weib­li­cher und männ­li­cher Genitalverstümmelung. Dieses Tabu ist sexis­tisch aus Ignoranz, und damit der eigent­li­che Skandal die­ser Debatte.

von Harald Stücker

pro kinderrechte quadrat300 Beschneidung: Ignoranz und Sexismus

Kampagne-Logo (Foto: E. Frerk)

Bis zum Kölner Beschneidungsurteil war ich wie fast jeder der Über­zeu­gung, dass die weib­li­che Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) eine schwere Menschenrechtsverletzung sei, die männ­li­che „Beschneidung“ (Male Genital Mutilation, MGM) jedoch eigent­lich kein Problem dar­stelle. Die Debatte der letz­ten Wochen und die Flut an Informationen über männ­li­che „Beschneidung“ haben das gründ­lich geän­dert. Informationen im Übri­gen, die für alle frei zugäng­lich sind.

Die Tabuisierung jeg­li­chen Vergleichs von männ­li­cher mit weib­li­cher Genitalverstümmelung ist der große Skandal der Debatte. In bei­den Fällen wird der emp­find­samste und ero­genste Teil des mensch­li­chen Körpers ampu­tiert oder schwer beschä­digt. In bei­den Fällen geht es in ers­ter Linie um die Beschneidung mensch­li­cher Sexualität.

Der Intaktivist und erklärte Feminist Travis Wisdom spricht sich in sei­nem Artikel Questioning Circumcisionism dafür aus, auch die männ­li­che Genitalverstümmelung als femi­nis­ti­sches Anliegen zu begrei­fen, inso­fern der Feminismus keine Bewegung gegen Männer, son­dern eine Menschenrechtsbewegung gegen Sexismus ist. Die Ungleichbehandlung von Kindern allein auf­grund des Geschlechts ist ein kla­rer Fall von Sexismus. Er defi­niert „Circumcisionism“ als herr­schen­den Diskurs, der sys­te­ma­tisch und erfolg­reich eine Realität kon­stru­iert, in der Kinder mit einem Geburtsfehler zur Welt kom­men, der chir­ur­gisch zu behe­ben sei. In den jüdisch-christlich gepräg­ten USA trifft es Jungen, in ande­ren Kulturen Mädchen. Der Unterschied besteht vor allem darin, dass es gegen FGM welt­weit Gesetze gibt, sogar in den Staaten, in denen die Tradition ver­brei­tet ist, wäh­rend MGM gesell­schaft­lich akzep­tierte Praxis ist. Travis Wisdom erin­nert daran, dass gerade femi­nis­ti­sche Aktivistinnen sehr viel Erfahrung mit struk­tu­rel­ler Gewalt haben, die durch herr­schende Diskurse kon­stru­iert, bana­li­siert und ver­fes­tigt wird, und dass gerade sie die nötige Sensibilität haben soll­ten, um gegen gesell­schaft­lich akzep­tierte und baga­tel­li­sierte Diskriminierungen und sexis­ti­sche Ungerechtigkeiten aktiv zu wer­den.

Der größte Erfolg die­ses Beschneidungsdiskurses in unse­rer Kultur ist wohl, dass die Meinung vor­herrscht, eine Vorhaut schade viel­leicht nicht, aber sie nütze auch nichts. Daher habe ein Mann ohne Vorhaut im Grunde nichts ver­lo­ren. Diese Ansicht ist so weit ver­brei­tet, dass sie sich sogar in dem hoch­ge­lob­ten Aufklärungsbuch der Sexologin Ann-Marlene Henning fin­det:

Die sexu­elle Lust wird durch die Beschneidung nicht gemin­dert, sofern alles rich­tig gemacht wurde und gut ver­heilt ist.

Dieser Satz in einem – ansons­ten her­vor­ra­gen­den – sexu­el­len Aufklärungsbuch macht aber noch etwas ande­res deut­lich: Der Beschneidungsdiskurs ist in ers­ter Linie ein Diskurs der Desinformation. Die Ignoranz in Bezug auf die männ­li­che sexu­elle Anatomie ist der Normalfall. Viele Aktivistinnen in der Bewegung gegen männ­li­che Beschneidung in den USA sind trau­ma­ti­sierte Mütter, die an ihrer Ignoranz ver­zwei­feln, weil sie erst nach der Routinebeschneidung ihrer Söhne auf die ent­schei­den­den Informationen stie­ßen (Dazu zählt auch Marylin Faire Milos, die Gründerin von NoCirc.) Oft sagen sie: „Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiß, dann hätte ich nie­mals zuge­stimmt.“ Daher ist gerade bei die­sem Thema Information eine wirk­same Waffe. Und daher auch der Slogan: Beschneidung. Je mehr Du weißt, desto mehr bist Du dage­gen.

Wer Miriam Pollack zuhört – und vor allem ihr dabei zusieht, wie sie über ihren Schmerz und ihre Schuldgefühle spricht – der ver­steht viel­leicht bes­ser, warum auch Frauen zu Opfern der Tradition der männ­li­chen „Beschneidung“ wer­den.

Wir erwar­ten nor­ma­ler­weise, dass die Frontlinie des Feminismus zwi­schen den Geschlechtern ver­läuft. Aber in die­sem Fall ist der Mann ein Säugling oder ein Kind, und er ist kein Feind. In die­sem Fall ver­läuft die Frontlinie zwi­schen den Verfechtern einer vor­mo­der­nen, von Göttern dik­tier­ten Moral, und den Anhängern einer moder­nen, von Menschen ver­ein­bar­ten Moral. Die Frontlinie ver­läuft zwi­schen den­je­ni­gen, die in den Menschenrechten eine ärger­li­che und zu über­win­dende Ablenkung vom gött­li­chen Gesetz sehen, und den­je­ni­gen, die eben genau in die­sen Menschenrechten die epo­chale Über­win­dung eines jahr­tau­sen­de­al­ten Kollektivismus sehen, die Befreiung des Individuums vom Zwang durch Kollektiv, Volk, Sippe und Religion.

Die hane­bü­chenste Begründung dafür, beide Formen der Genitalverstümmelung unter­schied­lich zu behan­deln, habe ich in einer Erklärung des Zentralrats der Juden gele­sen:

Es sollte nicht über­se­hen wer­den, dass die Beschneidung einer Frau nicht auf reli­giö­sen Gründen basiert, son­dern auf kul­tu­rel­len Traditionen und Mythen.

Die Implikation die­ser nack­ten Unverschämtheit ande­ren „kul­tu­rel­len Traditionen und Mythen“ gegen­über dürfte den Kämpfern gegen die FGM kaum gefal­len: Wären die Traditionen keine bloß „kul­tu­rel­len“, son­dern eben­falls „reli­giöse“, so wäre die Verstümmelung der weib­li­chen Geschlechtsteile genauso in Ordnung wie die der männ­li­chen! Wer also FGM ver­bie­ten und MGM zulas­sen möchte, muss zusam­men mit den ortho­do­xen Juden dafür argu­men­tie­ren, dass Religion etwas ande­res ist als eine Sammlung „kul­tu­rel­ler Traditionen und Mythen“. Ein sehr dün­ner Faden, an dem ein Verbot weib­li­cher Genitalverstümmelung dann hinge.

Auch Leonard B. Glick schreibt in sei­nem Buch Marked in your Flesh, dass die Praxis der MGM vor allem von der Ignoranz der Menschen lebt, und von ihrer Bereitschaft, eine gesell­schaft­li­che Norm ein­fach zu akzep­tie­ren, ohne sie zu hin­ter­fra­gen. Das gilt vor allem für die Beschneidung als reli­giöse Norm.

Glick beschreibt die Entstehung des bizar­ren Rituals der Vorhautamputation in Gesellschaften, in denen Frauen nichts wei­ter waren als männ­li­cher Besitz. Entweder sie gehör­ten ihrem Vater oder ihrem Ehemann. Emblematisch für den Status der Frau in bron­ze­zeit­li­chen Gesellschaften ist das 10. Gebot aus der Bibel gewor­den: „Du sollst nicht nach der Frau dei­nes Nächsten ver­lan­gen, nach sei­nem Sklaven oder sei­ner Sklavin, sei­nem Rind oder sei­nem Esel oder nach irgend­et­was, das dei­nem Nächsten gehört.“

Es ist mir fast schon pein­lich, das über­haupt hin­schrei­ben zu müs­sen, aber offen­bar ver­steht es sich nicht von selbst (und auch Glick sieht sich genö­tigt, auf seine historisch-kritische Perspektive expli­zit hin­zu­wei­sen): Die Beschneidung wurde den Juden nicht wirk­lich von Gott abver­langt. Das ist ein „kul­tu­rel­ler Mythos“. Die Juden haben die­ses Ritual von benach­bar­ten Völkern über­nom­men und sich die Geschichte vom abra­ha­mi­ti­schen Bund aus­ge­dacht. Durch die Beschneidung wur­den die männ­li­chen Kinder ver­edelt, sie wur­den durch Beschneidung – in einer seman­ti­schen Perversion, wie sie für Religionen typisch ist – erst voll­kom­men.

Frauen hat­ten nie­mals die Chance, auf diese Weise voll­kom­men zu wer­den. Die Juden bib­li­scher Zeiten kann­ten zwei Arten von Blut. Das männ­li­che Blut, als Inbegriff einer hei­li­gen Substanz, und das weib­li­che Blut, als Inbegriff der Unreinheit (siehe Levitikus 12). Durch Menstruation wer­den Frauen unrein. Sie müs­sen sich dann durch ritu­elle Tieropfer erst wie­der rei­ni­gen. Auch die Geburt macht Frauen unrein. Auch danach muss eine ritu­elle Reinigung erfol­gen. Allerdings ist auch das männ­li­che Kind durch den Kontakt mit dem weib­li­chen Blut zunächst unrein, und zwar sie­ben Tage lang. Am ach­ten Tag ist das Kind lange genug nicht mehr in Kontakt mit dem weib­li­chen Blut, jetzt kann es durch das Vergießen sei­nes eige­nen Blutes ver­edelt wer­den. Die ritu­elle Vorschrift, dass Jungen am ach­ten Tag beschnit­ten wer­den sol­len, hat also nicht etwa irgend­et­was mit einer Rücksicht auf die Schwäche der Säuglinge zu tun, mit der Sorge etwa, dass sie die Folter vor­her nicht durch­ste­hen könn­ten, nein, es hat alles nur mit den reli­giö­sen Wahnvorstellungen von rei­nem und unrei­nem Blut zu tun!

Die Religion schafft es also tat­säch­lich, selbst aus der ritu­el­len Folterung männ­li­cher Kinder einen frau­en­ver­ach­ten­den Akt zu machen. Respekt!

Es gibt noch ein prag­ma­ti­sches Argument dafür, sich als FGM-Aktivist nicht allzu laut­stark gegen männ­li­che Beschneidung ein­zu­set­zen. Sami Aldeeb erzählt in sei­ner Rezension zu Glicks Buch fol­gende Anekdote:

January 12, 1992, I paid a visit to the World Health Organisation (WHO) in Geneva, where I met Dr. Leila Mehra. [...] I asked her: “Why the WHO is con­cer­ned only with female cir­cum­ci­sion and doesn’t con­sider male cir­cum­ci­sion?” She respon­ded: “Male cir­cum­ci­sion is men­tio­ned in the Bible. Do you want to create pro­blems for us with the Jews?”

„Wollen Sie, dass wir Probleme mit den Juden bekom­men?“ Das ist viel­leicht ein prag­ma­tisch gül­ti­ges Argument, und es ist selbst nicht sexis­tisch, aber dafür ist es anti­se­mi­tisch. Es baut die „ein­fluss­rei­chen jüdi­schen Kreise“ vor uns auf, die selbst der WHO im Handumdrehen den Geldhahn abdre­hen könn­ten. Dabei dürfte die Erwähnung der Beschneidung in der Bibel aber nur ortho­doxe Juden inter­es­sie­ren. Unterschlagen wer­den dabei die gan­zen inner­jü­di­schen Bestrebungen, jetzt end­lich die­sen bar­ba­ri­schen Atavismus der eige­nen Kultur zu über­win­den. Die Chancen stan­den noch nie so gut. Frühere Beschneidungsgegner waren tat­säch­lich meist Antisemiten, und die Kinder waren ihnen egal. Das ist jetzt anders. Jetzt geht es nur um die Kinder und um ihre Rechte, um ihre Menschenrechte. Jetzt geht es eigent­lich über­haupt nicht um Juden. Die aktu­elle Opposition gegen die Beschneidung ist nicht anti­se­mi­tisch. Zwei klare Indizien spre­chen dafür:

  1. Das Kölner Urteil bezieht sich auf den Fall eines Kindes mus­li­mi­scher Eltern.
  2. Die erklär­ten Todfeinde der Juden, die Islamisten, ste­hen in die­ser Debatte mit den ortho­do­xen Juden auf der glei­chen Seite, und zwar der fal­schen Seite der Geschichte.

Allen Kämpfern gegen FGM, die sich zwei­fel­los für das Gute enga­gie­ren möch­ten, sei ver­si­chert: Es wird nicht funk­tio­nie­ren, die bei­den Formen der Genitalverstümmelung gegen­ein­an­der aus­zu­spie­len! Menschenrechte gel­ten indi­vi­du­ell, sie gel­ten uni­ver­sell und sie sind unteil­bar. Dazu noch ein­mal Sami Aldeeb:

Western intel­lec­tu­als, activists and poli­ti­ci­ans do not hesi­tate to attack the Africans wit­hout any res­traint or respect for their fee­lings, pro­bably to show their “moral” supe­rio­rity. Instead of attacking female cir­cum­ci­sion, they should first clean their own house by abolis­hing male cir­cum­ci­sion. They for­get one import­ant prin­ciple: wit­hout abolis­hing male cir­cum­ci­sion, it is impos­si­ble to abolish female cir­cum­ci­sion.

[Erstveröffentlichung: evidentist.wordpress.com]


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