Berlin: Sozialarbeit ist auch nicht mehr das, was es einmal war…

Berlin: Sozialarbeit ist auch nicht mehr das, was es einmal war…

Jugendbeirat in Berlin Neukölln: Gruppenbild mit Bezirksbürgermeister

Gewalt in den Stadtteilen wird insbesondere in den sogenannten Problemquartieren diskutiert. Das Phänomen ist nicht neu und die Antworten seit vielen Jahren dieselben: Sozialarbeiter, Stadtplaner und allerlei aktivierender Schnickschnack sollen die Konflikte befrieden und eine positive Quartiersentwicklung ermöglichen. Soweit die Idee. Zwei Ereignisse der letzten Tage zeigen, dass diese Rechnung nicht immer aufgeht – vor allem nicht, wenn die Sozialarbeiter, Quartiersplaner und Streitschlichter selbst das Faustrecht ausüben.

In Neukölln endete die Auseinanersetzung zwischen Jugendlichen und zwei Männern nach einer Messerstecherei tödlich. Das Opfer: Streitschlichter im Jugendbeirat des Quartiersmanagements. Einer der beteiligten Männer: Sozialarbeiter im Gebiet.

In Charlottenburg berichteten Mieter/innen von einem Faustschlag gegen einen Kiezaktivisten auf einer vom Bezirksamt öffentlich eingeladenen Veranstaltung zum Klimaschutzkonzept des Quartiers. Der Täter hier: ein Mitarbeiter von argus, der Arbeitsgruppe für Gemeinwesenarbeit und Stadtteilplanung.

Auch wenn die beiden Fälle nicht vergleichbar sind, erschrickt doch, das ausgerechnet Sozialarbeiter, Streitschlichter und Gemeinwesenarbeiter in solche Auseinandersetzungen involviert sind.

Neukölln: Treffen sich ein Streitschlichter und eine Sozialarbeiter …

Die Berliner Tageszeitungen (1 / 2 / 3 / 4) berichteten in den letzten Tagen ausführlich über einen tödlichen Streit in einer Neuköllner Großwohnsiedlung (Weiße Siedlung). Nach einem Streit auf einem Fussballplatz eskalierte die Situation zu einer Auseinandersetzung zwischen etwa 20, zum Teil mit Messern bewaffneten, Jugendlichen und zwei ebenfalls mit Messern bewaffneten Männern. Am Ende bleib einer der Jugendlichen tödlich getroffen liegen und der vermutliche Täter liegt mit einem Schädelbasisbruch im Krankenhaus. Was klingt wie eine schaurig typische Geschichte aus der Neuköllner Unterklasse, offenbart bei genauerer Betrachtung einen tragischen Einblick in die Grenzen der Sozialarbeit. Denn mindestens zwei Beteiligte der Auseinandersetzung waren eigentlich dafür ausgebildet, genau solche Situationen zu vermeiden und zu schlichten. Jusuf El-A. – der tödlich verletzte Jugendliche – war im Jugendbeirat des Quartiers und seit ein paar Monaten als sogenannter Streitschlicher  aktiv (Berliner Zeitung). Auch einer der beteiligten Männer – Oliver H. – war eigentlich für Schlichtung solcher Situationen ausgebildet und arbeitete als Sozialarbeiter im Gebiet. In einem ersten Bericht hieß es:

Die Polizei geht bisher davon aus, dass die aufgehetzten Fans des Neuköllner Fußballclubs nach dem Spiel zu einem Sportplatz in die Aronsstraße weiterzogen. Dort kam es offenbar erneut zu Streitereien, diesmal zwischen den Fußballfans und einem Deutschen, dem 39-jährigen Oliver H. Worum es ging, ist unklar. Oliver H. verließ schließlich den Platz und ging nach Hause. Eine Stunde später waren ihm die Jugendlichen zu seiner Wohnung in der Fritzi-Massary-Straße gefolgt. Oliver H. arbeitete als Sozialarbeiter und sei daher im Kiez bekannt, erzählten Jugendliche am Montag.

Im Versuch, den Tathergang und den Anlass zu rekonstruieren vermutet der Tagesspiegel, dass es um die Ehre ging: “Vielleicht war es nur ein einziger Satz“.

Charlottenburg: Faustrecht für den Klimschutz

Zumindest der Anlass der Auseinandersetzung in Charlottenburg ist bekannt. Im Kiezblog Klausener Platz wird die Situation wie folgt beschrieben:

Anlass war ein Flyer des Mieterbeirates bei der GEWOBAG, der sich kritisch mit dem Ökokonzept des Bezirkesauseinandersetzte. Die Flyer waren bereits verteilt, als die zurückgebliebenen Exemplare nicht auf dem Auslage-Tisch verblieben, sondern vom ARGUS-Geschäftsführer und Vertreter des Kiezbündnisses entfernt – wohl eher “beschlagnahmt” – wurden. Die “Schmähschrift” – wie sie später im Verlaufe der Diskussion auch noch denunziert wurde – schien wohl die Kiezruhe zu stören.
Als “Dank” bekam der anwesende Vertreter des Mieterbeirates von dem ARGUS-Vertreter auch noch einen klassischen Schlag ins Gesicht verpaßt – ohne jegliche Resonanz vom Podium. Dieses hätte – mit dem Hausrecht ausgestattet – einschreiten und Fairness und Informationsfreiheit einfordern müssen. Die Geschichte endete dann mit der Polizei auf dem Hof.

Berlin: Sozialarbeit ist auch nicht mehr das, was es einmal war…Das umstrittenen Schriftstück des Mieterbeirats stellte offenbar unangenehme Frage zur Finanzierung und Umsetzung zu Klimaschutzkonzeptes. Unter anderem wird darauf verwiesen, dass die immer gleiche Firma für jeweils etwa 100.000 Euro Handlungskonzepte für lokale Klimaschutzkonzepte erarbeitet, die sich in den Handlungsvorschlägen kaum voneinander unterscheiden würden. Im Text heißt es u.a.:

Warum hat das Bezirksamt/ Umweltamt nicht einfach schon längst mal ins Internet geschaut und sich von dort kostenlos Ideen geholt?

Warum werden von Bezirksamt/ Umweltamt gerade diese beiden Firmen immer wieder mit Steuermitteln bedacht?

Ob der schlagfertige Vertreter der derart angsprochenen Firma (argus - arbeitsgruppe gemeinwesenarbeit und stadtteilplanung argus gmbh) sich in der Ehre seiner Firma gekränkt fühlte oder schlicht um die künftigen Auftragslage bangte, ist nicht bekannt.

Wie im Neuköllner Beispiel scheint jedoch auch hier die professionelle Distanz zum Gegenstand der Gemeinwesenarbeit verloren gegangen zu sein. Die für die neue Planungskultur quartiersbezogener Ansätze konstitutive und typische Personalisierung und Emotionalisierung der Intervention zeigt hier seine hässliche Seite. Statt formaler Aushandlungsmechanismen werden Konflikte als Fragen der persönlichen Ehre und der privaten Auseinandersetzung verstanden und ausgefochten. Für die Kritiker/innen der in Mode geratenen Sozialpädagogisierung von Stadtteilarbeit zeigen die Beispiele, dass nicht nur die Effekte von Quartiersmanagement und Co.  begrenzt sind, sondern auch deren Handlungskonzepte selbst.



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