Benzinpreis: Zu hoch, wenn er niedrig ist

Benzinpreis: Zu hoch, wenn er niedrig istZweieinhalb Jahre intensiver Forschungen der Preisbewegungen an jeweils 100 Tankstellen in Hamburg, Köln, Leipzig und München, 200 Seiten Papier und schon ist die Erkenntnis unter den Menschen: In Deutschland gibt es fünf große Mineralölkonzerne, die Tankstellen betreiben. Keiner von ihnen legt seine Benzinpreis mit dem Würfelbecher fest. Sondern jeder Tankstellenpächter guckt, was die Konkurrenz rundherum macht. Und verkauft sein Benzin dann zu einem etwa ähnlichen Preis.
Für diese Erkenntnis braucht es in Deutschland nicht gesunden Menschenverstand, sondern eine Bundeskartellbehörde. Die hat jetzt aufgedeckt, dass die großen Mineralölkonzerne gar nicht, wie von Anhängern der sozialistischen Planwirtschaft stets vermutet, in geheimen Kungelrunden zusammensitzen und die Preisbewegungen langfristig miteinander absprechen müssen. Sondern dass es reicht, Preise abzugucken.
Ein Schlag ins Kontor alles Verschwörungstheoretiker. Doch die Kartellwächter trösten: Die Benzinpreise in Deutschland seien trotzdem "höher als sie sein müssten". Schuld daran sei ein "marktbeherrschendes Oligopol" aus den fünf großen Konzernen Aral/BP, Shell, Jet, Esso und Total, die zusammen auf einen Marktanteil von rund 70 Prozent kommen. Damit bestätigt sich festes Wissen eines großen Teils der Bevölkerung, dem vorher schon gelegentlich aufgefallen war, dass es nur fünf große Ketten gibt. es bestätigt sich aber auch eine Theorie der Kratellwächter: "Wir haben schon seit Längerem die Arbeitshypothese eines Oligopols", sagt Kartellamtssprecher Kay Weidner. Das spreche die Preise letztlich informell ab, indem es sie abschaue. Dadurch seien die Preise "häufig zu hoch".
Allerdings kommen die Kartellwächter mit dieser These gerade in einem Moment um die Ecke, in dem der Benzinpreis gemessen am Ölpreis etwa auf fairem Niveau liegt. Bereinigt um Wechselkursschwankungen tut er das nicht immer. Wie der Chart des Ölpreises in Euro (grüne Linie) und des Preises von Superbenzin in Euro (blaue Linie) oben zeigt, ist Benzin in Deutschland nämlich vor allem zu teuer, wenn der Ölpreis niedrig ist. Schuld daran aber ist nicht ein geheimnisvolles Oligopol, sondern die Preismacht des Staates: Zwei Drittel des Benzinpreises sind Steuern, also etwa 90 Cent je Liter, davon 65,45 Cent fallen völlig unabhängig von der Höhe des Benzinpreises an.
Der Effekt ist deutlich: Steigt der Ölpreis, steigt der Benzinpreis mit. Fällt aber Ölpreis, bleibt der Benzinpreis dennoch hoch. Mit der Aufregung über den Benzinpreis verhält es sich genau andersherum: Örientiert sich der Benzinpreis am Ölpreis, macht er Schlagzeilen und in den Medien herrscht große Empörung darüber, wie der arme Autofahrer abgezockt wird. Wird aber der arme Autofahrer trotz niedriger Ölpreis an der Tankstelle mit hohen Benzinpreisen gnadenlos abgezockt, schweigt die von einem drögen Dreisatz wie Ölpreis mal Benzinpreis durch Dollarkurs heillos überforderte Qualitätspresse feinstill.


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