Bedingungslos mit Israel? - Gastbeitrag von Achim Müller

Die Autoren der Freiheitsliebe haben mich vor einigen Tagen gebeten, über meine Sicht zu dem Palästinensisch/Israelischen "Konflikt" zu schreiben, da sie wissen, dass ich mich schon seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftige.
Ich habe lange überlegt, wie ich anfange, denn eigentlich begleiten mich Erzählungen über Menschen jüdischen Glaubens, aber auch die Nazi-Zeit seit meiner Kindheit. Mit dem Staat "Israel" beschäftige ich mich, seit ich begonnen habe mich für Politik zu interessieren, also seit über 40 Jahren.
Die Zeit des dritten Reichs
Um auch den Menschen, die selbst oder deren Eltern im Laufe der Jahre aus dem arabischen Sprachraum nach Deutschland gekommen sind, und hier eine neue Heimat gefunden haben, einen besseren Einblick zu geben, möchte ich mit der Geschichte meiner Eltern beginnen, die sich 1938 kennen gelernt haben.
Mein Vater, Jahrgang 1913 und meine Mutter, Jahrgang 1921 hatten sich gerade zerstritten, als eine Welle der Gewalt durch Deutschland zog. Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Die beschönigend "Reichskristallnacht" genannt wurde. Es war die vom Nazi-Regime organisierte und gelenkte Zerstörung von Einrichtungen jüdischer Bürger  im gesamten Deutschen Reich. Etwa 400 Menschen wurden ermordet oder in den Selbstmord getrieben. Über 1.400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört.
Meine Mutter war an diesem Tag mit ihren Eltern zu einem Ausflug am Rhein. Auf der Rückfahrt am späten Nachmittag bemerkten sie die ersten Ausschreitungen.
Mein Großvater war beunruhigt. Er war kein Nazi und hatte auch immer lautstark zum Besten gegeben, was er von Nazis hielt. Garnichts. Er war gläubiger Christ, hatte Zentrum gewählt(vergleichbar mit der CDU). Er hatte mehrere jüdische Freunde und auch sein bester Freund, Sally (Salomon Goldschmidt), war Jude. Mehrfach war er von Nazis darauf angesprochen worden doch den Kontakt zu "diesem Juden" abzubrechen. Ohne Erfolg. Sie trafen sich zwar nicht mehr öffentlich, weil dies zu dieser Zeit schon zu gefährlich war, aber sie trafen sich heimlich im Haus meines Großvaters.
Aber heimlich ist nicht unbemerkt.
Als sie nun die Szenen auf der Straße sahen, rief mein Großvater zu Hause an, um zu fragen, wie die Lage in Limburg sei. Die Haushälterin riet ihm dringend davon ab nach Hause zu kommen, da sich die ersten Massen bereits vor seinem Haus versammelt hatten und riefen (auf meine Großmutter gemünzt) "Judenhure komm raus", sowie "Judenfreund komm raus". Sie suchten sich also am Rhein ein Hotel, in dem sie schon öfter übernachtet hatten, und kehrten erst am nächsten Tag nach Limburg zurück. Der Mob hatte das Haus verwüstet und unter Wasser gesetzt. Judensterne waren mit Farbe an die Wände geschmiert worden, und auch das Geschäft war mit Judensternen beschmiert.
In dieser Situation ist mein Vater zu meiner Mutter gegangen und hat sie gefragt, ob sie es nicht wieder miteinander versuchen sollen. Die Hochzeit war 1939. Im gleichen Jahr wurde mein Vater zur Wehrmacht eingezogen, war zuerst in Frankreich, danach in Russland, wo er im Winter 1941/42 schwer verwundet wurde. Zur selben Zeit fiel sein Bruder, der ebenfalls in Russland war.
Meine Großmutter beantragte dann (das ging damals) meinen Vater als Namensträger an "rückwärtige Fronten" versetzen zu lassen. Die Rückwärtige Front hieß für meinen Vater Jugoslavien, wo er am Kriegsende auch in Gefangenschaft ging . Dort gefoltert, um Geständnisse zu erpressen, kam er Ende 1951 aus der Gefangenschaft zurück.
Während des Krieges lebte meine Mutter mit ihren Eltern mehr oder weniger von dem Geld, dass mein Vater ihnen zukommen liess, denn an große Geschäfte war nicht zu denken. Wer kaufte schon bei einem "Judenfreund".
"Onkel" Sally war auf drängen meines Großvaters (er wollte nicht - meinte es werde nicht so schlimm) mit dem letzten Schiff nach Amerika (USA) gekommen. Der Rest der Familie starb in Vernichtungslagern. Eine der besten Freundinnen meiner Mutter, Lore Behringer, auch eine Jüdin, war von ihren Eltern in die USA geschickt worden. Sie war die Einzige aus der Familie, die überlebt hatte.

Wie mein Weltbild sich verändert

Mit diesen Erzählungen und dem Bewusstsein, dass uns die USA befreit hatten, bin ich aufgewachsen. Ich fand die USA toll.
Anfang der 60er Jahre "traute" sich Sally, er hatte inzwischen in den USA geheiratet, zum ersten mal wieder nach Deutschland. Es wurden viele Gespräche geführt. Sally ging es in den USA wirtschaftlich nicht sehr gut, und so fragte mein Vater ihn, warum er nicht nach "Israel" ziehe. Die Antwort, die damals für mich vollkommen unverständlich war, "die Politik dort gefalle ihm nicht". Wie gesagt zu diesem Zeitpunkt war das für mich vollkommen unverständlich. Ich hatte in der Schule von "Israel" gehört. Davon, das die Zionisten die die Wüste urbar gemacht hatten, in Kibuzzen lebten und blühende Gärten anlegten. Ich fand das toll. Im Laufe der nächsten Jahre kamen viele der jüdischen Freunde, die meist im Ausland überlebt hatten, zu Besuch. Es waren alles tolle Menschen die aber alle (aus den verschiedensten Gründen) nicht nach Israel wollten.
Später begann der Vietnamkrieg. Ich sah, wie die Menschen dort litten. Die USA sanken in meinem Ansehen. Ich verachtete sie für das was sie dort taten. Ich hörte und las von Mi Lai (1), las von Dingen, die für mich unvorstellbar waren, von Vergewaltigungen, davon, dass einer jungen Frau, nachdem sie vergewaltigt worden war ein Bajonett in die Scheide gestochen wurde. Ich war froh, als die Nordvietnamesen die Amerikaner wieder dort hin gejagt hatten, wo sie herkamen.
Der Vietnam-Krieg wurde prägend für mein politisches Denken.
Ich lehnte Imperialismus, Kolonialismus und seine Wurzeln, den Kapitalismus ab, was nicht heisst, dass ich deshalb Kommunist geworden wäre. Denn das was der Welt als Kommunismus verkauft wurde war auch nur eine "Spielart" des o.g. mit dem Unterschied, dass hier noch mehr Menschen NICHTS hatten, dafür aber sehr wenige sich ALLES leisten konnten.
Bedinungslos mit Israel?
Ich war lange, sehr lange ein Anhänger des Staates Israel, wollte sogar für ein Jahr in einen Kibbuz gehen - vielleicht sogar ganz dort leben. Mein Lebensweg verlief anders. Das änderte aber nichts an meiner Einstellung zu Israel.
Ich begann mich mit den Thema Israel/Palästina genauer zu beschäftigen, durch die -  durch dessen Flyer ausgelöste - "Möllemann-Affäre". Durch das Internet war es inzwischen möglich geworden, sich umfassender zu informieren.
Ich stellte fest, dass nicht nur unsere Mainstreem-Medien, sondern auch die Literatur uns, um es vorsichtig auszudrücken, einiges verschwiegen hatten. Ich stellte fest, dass die Zionisten nicht wie es uns immer wieder erzählt wurde, "die Wüste fruchtbar gemacht", sondern fruchtbares Land durch Vertreibung "übernommen" hatten.
Die militärische Eroberung von Schlüsselgebieten, die schon vor der israelischen Staatsgründung geplant und bis Anfang 1948 umgesetzt wurde, führte zu Flucht und Vertreibung von rund  -700.000 Palästinensern - .
Von Anfang an machte sich der junge Staat Israel daran, die Erinnerung an die früheren Einwohner auszumerzen, indem er rund 400 arabische Dörfer vollständig zerstörte und die dort lebenden Menschen z. T. umbrachte (2). Zugleich wurde jede Forderung nach Rückkehr der Flüchtlinge, wie sie vom UN-Sicherheitsrat in unzähligen Resolutionen angemahnt wurde, schlicht ignoriert. In der Sprache unserer Tage müsste man, in Anlehnung an die Balkankriege, von einer "ethnischen Säuberung" sprechen.
Diese ethnische Säuberung zieht sich durch die ganzen Jahre der Existenz des Staates Israel.
Ich habe einmal in einer privaten Diskussion von einem Staat voller "Borderliner" (3) gesprochen. Entstanden durch das, was die Juden über Jahrhunderte an Verfolgung und ähnlichem erlebt haben, bis hin zur wohl traumatischsten Erfahrung. Dem Versuch der totalen Ausrottung durch die Vernichtungsmaschinerie der Nazis.
Vergleiche zwischen dem zionistischen Staat Israel und Nazi-Deutschland sollen nicht gezogen werden. Trotzdem drängen sich mir, wenn ich sehe, wie die israelischen Soldaten die Palästinenser behandeln die Bilder aus "Nazi-Deutschland" auf.
Wenn ich sehe, wie israelische Soldaten mutwillig die Einrichtung der palästinensischen Häuser bei Durchsuchungen zerstören. Wenn ich sehe, wie für die "Herrenmenschen?" Strassen gebaut werden, auf denen die Palästinenser nicht fahren dürfen. Wenn ich sehe, dass Kinder, die zu dicht an der Grenze spielen erschossen werden oder von Soldaten die Arme gebrochen bekommen, weil sie sie mit Steinen beworfen haben. Frauen an den Checkpoints auf der Strasse ihre Kinder gebären müssen, ohne dass auch nur einer der Soldaten die Hand rührt und Hilfe leistet. Wenn Gaza ausgehungert wird, wie das Warschauer Ghetto, wo die Kinder versuchten essbares durch die Kanalisation ins Ghetto zu bringen - es wird ja nach Gaza gerade noch genug herein gelassen, dass die Menschen dort nicht verhungern und, und, und.............
Nein, Vergleiche sind nicht zulässig, weil .......?
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Trotzdem habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich alles noch zum Guten wendet. Aber dafür muss sich die Einstellung zu den Palästinensern in Israel ändern.
Wenn Israel die Palästinenser wie gleichberechtigte Partner betrachtet und nicht wie etwas, dass man ungestraft misshandeln oder in den Dreck treten kann, würde den Palästinensern  die Möglichkeit geben an ein FRIEDLICHES MITEINANDER zu glauben, dass Israel sich ja angeblich so wünscht. Davon können beide Seiten nur profitieren.
(1) Mi Lai: http://de.wikipedia.org/wiki/Mi_lai
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Deir_Jassin
(3) Persönlichkeitsstörung, hervorgerufen durch einen Zustand von extremer Angst und Hilflosigkeit, der die Verarbeitungsmöglichkeiten des Individuums überfordert
Ein Gastbeitrag von Achim Müller
www.nasira.de.vu
www.dietzenbach.de.be
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