Bastian Vivès: "Der Geschmack von Chlor"

Bastian Vivès: Der Geschmack von Chlor [Reprodukt]. Ein Kammerstück in Chlorgrün.
Ich möchte der Besprechung dieses Comics ein paar Zahlen voranschicken, welche illustrieren sollen weshalb dieser Titel etwas wirklich Außergewöhnliches ist.
Der Autor Bastian Vivès war, als er im Sommer 2007 mit der Arbeit zu diesem Szenario begann, gerade mal 23 Lenze jung und doch strotzt die Handlung bei aller Jugendlichkeit vor nahezu alterskluger Beobachtungsgabe. Ein naives kindliches Staunen trifft auf einen anrührenden melancholischen Strich - die Virtuosität dieses Künstlers ist atemberaubend.
Auch wenn mich nun manch einer, wegen der vermeintlichen Pedanterie des Versuchs oder der nicht notwendigen Fleißarbeit, als Sonderling bezeichnen mag, ich hab mit einmal die Mühe gemacht den Titel zu sezieren, denn auch andere numerische Überlegungen erstaunen. 
Der sich auf 128 Seite erstreckende Comic ist in 622 Panels unterteilt, in welchen exakt 1273 Worte eingebunden sind - summa summarum also etwa 2,04 Worte pro Panel - lautsprecheriche Geschwätzigkeit sieht anders aus. Was aber bringt einen Autor dazu so verschwenderisch mit Bildern und so zaghaft mit Worten zu sein? 
Ich kann diese Frage auf keinem Fall befriedigend beantworten, aber was ich versprechen kann, ist, dass dieser Comic ein Lesevergnügen der besonderen Art darstellt. Die Handlung ist fast nebensächlich, alleine die atmosphärische Wirkung entwickelt diesen sehr speziellen Sog. 
Ein namenlos bleibender Protagonist wird durch seinem Physiotherapeuten und durch sanfte Überredungsgewalt dazu gebracht schwimmen zu gehen - in einem Hallenbad. Fakt ist, dass diese Örtlichkeit ohnehin einen eigensinnigen Raum darstellt, welcher anders als bei einem Freibad, welches mit Liegewiesen und einem entspannten Sonnenbad lockt, ein reiner Funktionsort bleibt, der keinerlei Ablenkung abseits des Schwimmens verspricht. Diese Erfahrung macht auch der Protagonist, sein Fremdeln, sein Unbehagen wird kongenial in den grünlichen Bilder eingefangen. 
Erst als er eine begnadete Schwimmerin kennenlernt, welche ihn ein wenig in die hohe Kunst des Tauchens einführt, verschwindet diese Haltung. Gleichzeitig entwickelt sich jedoch eine starke Sehnsucht nach der Vertrauten in diesem künstlichen Gewässer.
Im Verlauf der Geschichte entwickelt sich zwischen beiden, zwischen der Athletin und dem schwächelnden Schwimmer, eine sanfte Zuneigung, eine subtile Beziehung, welche einfach fesselt. 
Vivès gelingt es mit sublimen Dialogen, einer bildgewaltigen, fast greifbaren Atmosphäre und einer  begnadeten erzählerischen Dichte eine kleine Geschichte der Sehnsucht zu erzählen, die niemals kitschig oder bemüht wirkt. Aber er berichtet nicht nur von diesem süßen Schmerz der Erwartung, sondern auch von der schlussendlichen Emanzipation des Protagonisten, welcher auf den letzten Seiten auch alleine seine Bahnen ziehen kann und sein Unbehagen überwindet. Ein Kammerstück in Chlorgrün, wunderschön und sicherlich nicht zu Ende, wenn man den Comic zuklappt.
Hier findet ihr eine Leseprobe der ersten Seiten des Comic, käuflich erwerbbar ist er hier - und ich spreche diesem leisen, vorsichtigen, fast unauffälligen Comic eine sehr deutlich Flaneurempfehlung aus, denn dieser Titel ist eigen und dieser Mut zur Eigenheit muss belohnt werden. 
Desweiteren bin ich sehr gespannt auf den nächsten Titel dieses jungen Autors, welchen Reprodukt im Oktober dieses Jahres verlegen will. "In meinem Augen" scheint ähnlich sinnlich, behutsam und aufmerksam erzählt zu sein - möglicherweise entwickelt sich hier jemand zu meinem neuen Lieblingszeichner, es bleibt abzuwarten, aber nach diesem tollen Debut mache ich mir keine allzu große Sorgen über die Folgetitel.


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