Aufklärung oder Blasphemie?

Von Michaela Preiner

„The Who and the What“ (Foto: Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz) 6. Juni 2018 Theater Er ist einer der wichtigsten Dramatiker unserer Zeit. Er arbeitet in den USA, seine Werke haben aber aufgrund unserer sozialen Globalisierung Allgemeingültigkeit. Ja sie brennen den westlichen Gesellschaften förmlich unter den Nägeln.

A yad Akhtar wurde 1970 in New York geboren, seine familiären Wurzeln liegen jedoch in Pakistan. Mit „Geächtet“, das in Österreich im Burgtheater und im Schauspielhaus Graz gespielt wurde, erlangte er in seinem Heimatland den Pulitzer Preis und wurde hier mit dem Nestroy-Autorenpreis ausgezeichnet.

Nun präsentierte abermals das Schauspielhaus Graz sein Stück „The Who and the What“ in einem intimen Surrounding – im 3. Stock des Hauses Zwei. Das Publikum sitzt sich auf Rängen gegenüber, die Bühne dazwischen ist in zwei Segmente geteilt. (Bühne Frank Holldack, Kostüme Tanja Kramberger) Ein kleines Wohnzimmer und eine freie Fläche, die meist als „Außenraum“ bespielt wird. Stefan Suske, ehemaliges Ensemblemitglied in Graz wurde für die Rolle von Afzal vom Wiener Volkstheater zurückgeholt. Er verkörpert einen streng gläubigen, verwitweten Taxiunternehmer mit zwei erwachsenen Töchtern, dessen Lebensaufgabe „Geld verdienen und Geld verschenken“ ist. Dieser steht vor der Aufgabe, für seine ältere, Zarina, einen Ehemann zu finden, da Mahwish, die jüngere, gerne ihren Langzeitfreund heiraten möchte. Ganz der muslimischen Tradition verpflichtet, nach der die jüngeren erst heiraten dürfen, wenn die älteren Frauen schon unter der Haube sind, macht er sich auf die Suche im Internet und findet einen geeigneten Kandidaten: Eli. Akhtar stellt zuerst seine Personen vor und verdeutlicht rasch, dass Zarina mit herausragender Intelligenz gesegnet, den Koran hinterfragt und den Propheten Mohammed als Mensch zu begreifen versucht. Den Inhalt des Buches, das sie über ihn schreibt, hält sie wohlweislich vor ihrer Familie geheim. Anhand der Charaktere zeigt der Autor die unterschiedlichen Religionszugänge – nicht nur der Beteiligten auf. Die einzelnen Positionen, die pars pro toto für die muslimische Bevölkerung weltweit angesehen werden können, arbeitet Akhtar nicht nur intelligent, sondern packend und teilweise auch höchst amüsant heraus. Aufklärung oder Blasphemie? „The Who and the What“ (Foto: Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz) Aufklärung oder Blasphemie? „The Who and the What“ (Foto: Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz)

Zarina – herausragend gespielt von Henriette Blumenau – lässt weder Dogmen gelten, noch sich mit Interpretationen abspeisen, die dem Patriarchat in die Hände spielen – wie dem Verschleierungsgebot. Ihre Schwester Mahwish, Tamara Semzov, fügt sich in jede Korananweisung bis hin zur körperlichen Ausbeutung, die ihr Verlobter an ihr jahrelang sexuell begeht. Der trockene Kommentar Zarinas dazu: „Ich glaube, niemand hier sollte sich in Sachen Sex vom Propheten beraten lassen“, wird vom Publikum lachend quittiert. Eli, stimmmächtig von Nico Link gespielt, der tatsächlich Zarinas Ehemann wird, versucht als konvertierter Muslim, der als Imam einer muslimischen Gemeinde vorsteht, seiner Frau größtmögliche Freiheiten zu lassen. Er erkennt jedoch den sozialen Sprengstoff, den Zarina in ihrem Buch aufbereitet hat und meldet höchste Bedenken an. Die absolute Zurückweisung und Verachtung des Vaters, das Entsetzen der Schwester über die Blasphemie, die Zarina begangen hat, sind das eine. Eli hingegen schwankt zwischen Zustimmung und Bestärkung seiner Frau und Angst vor Repressionen, die schließlich die gesamte Familie tatsächlich erfahren muss. Der Geist der Aufklärung, den die junge Zarina in sich trägt und der eine Frage nach der anderen in Zusammenhang mit muslimischen Traditionen aufwirft, zerrüttet die Familie und lässt Vater und Schwester in ihren moralischen Grundfesten erbeben. Das Ensemble darf dabei eine permanente, emotionale Hochschaubahn befahren. Wut, Angst, Unverständnis, aber auch tief empfundene Liebe wechseln im Minutentakt. In Streitereien, kleineren und größeren, werden en passant auch Stationen von Mohammeds Leben beleuchtet und diskutiert. Dies ergibt eine Art Schnellsiedekurs in Sachen Koran und macht zugleich Lust, tiefer in die Materie einzutauchen. Jan Stephan Schmieding arbeitet in seiner Regie die einzelnen Charaktere psychologisch nachvollziehbar heraus und zeigt durch die häufige Tuchfühlung der Schwestern und ihrem Vater auch auf, wie schwer es für sie ist, aus tradierten ethisch-moralischen Überlieferungen und einem eng gestrickten Familiengeflecht auszubrechen.

Aufklärung oder Blasphemie? Aufklärung oder Blasphemie? „The Who and the What“ (Foto: Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz)

Die große Leistung des Autors besteht darin, aufzuzeigen, welche Auswirkungen eine patriarchalisch interpretierte Religionsausübung auf ein Familien- und letztlich auch Sozialgefüge hat. Dass er das nicht mit dem belehrenden Zeigefinger tut, macht das Stück unglaublich attraktiv.

Der Mann, der im Mittelpunkt steht, die Frau, die gebrochen werden muss, all das ist für den Vater in keiner Weise hinterfragenswert. Zugleich wird aber auch das Ringen der jüngeren Generation spürbar, sich gegen diese Tradition zu wehren und sie zumindest ansatzweise zu hinterfragen. Ein Stück mit jeder Menge Diskussionspotential, nicht nur unter muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern.

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