Auf dem Weg zur Erleuchtung (Teil 1)

Es war mal wieder so weit, ich hatte Notarzt-Dienst. Ivan beäugt mich kritisch, als ich meine Tasche für den 24h-Dienst packte. Es war 7 Uhr am Morgen und ich war in Eile. Energisch schob ich ihn zur Seite, als er versuchte, in meine Tasche zu kriechen. Seitdem er von Blondie entführt wurde, führt er sich echt auf uns kann es nicht ertragen, wenn man ihn alleine lässt. Ich richtete ihm noch schnell seine diversen Müslis und Getränke für die nächsten 24 Sunden, nahm mein Tasche  und beeilte mich dann, um aus der Tür zu kommen. Ich schaffte es gerade noch so zur Tram und war völlig abgehetzt, bis ich in der Klinik ankam. Zur Strafe war dann auch erstmal nichts los. So hatte ich genügend Zeit, die Zeitung zu lesen und ein wenig vor mich hin zu dösen. Gegen 10 Uhr kam die Putzfrau und scheuchte mich aus meinem Zimmer. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als meine Tasche zu nehmen und Phillip im Zimmer der Berufsfeuerwehr zu besuchen. Dieser hatte gerade die Notfallkoffer aus dem Auto geholt und breitete deren Inhalt auf dem Boden seines Zimmer aus.
“Was tust du da?” fragte ich.
“Ich überprüfe die Verfallsdaten.” antwortete er mir. “In der Garage ist es mir zu kalt.”
“Verständlich.” sagte ich, warf meine Tasche in die Ecke und setzt mich auf die Couch. Interessiert betrachtete ich Phillips reges Treiben auf dem Boden. Es gibt doch nichts Schöneres, als anderen Leuten bei der Arbeit zuzusehen. Ich hatte mir gerade zu einer Tasse Tee verholfen, als Phillip unvermittelt aufsprang.
“Anna!” er klang angespannt und zeigte hektisch auf meine Tasche.
“Was denn?” fragte ich. Nichts in der Welt würde nun mich von meinem Tee und dieser Couch trennen.
“Da, in deiner Tasche!” er ruderte jetzt mit den Armen.
“Was ist denn da?” Ich sah gar nicht hin sondern betrachtete lieber meinen Kräutertee, während ich meine Beine in einen entspannten halben Lotussitz brachte.
“DA BEWEGT SICH WAS!” Jetzt hatte er meine Aufmerksamkeit. Mt einem Satz stand ich, wobei sich mein geliebter Kräutertee halb über meiner Hose verteilte. Er hatte recht. In meiner Tasche bewegt sich definitiv etwas. Langsam umrundete ich die Tasche, die ich nun in die Mitte des Raumes gezogen hatte. Phillip tat es mir gleich. Ich nahm schließlich all meinen Mut zusammen und öffnete vorsichtig den Reißverschluss. Heraus sprang – natürlich – Ivan. Phillip kreischte wie ein kleines Mädchen. Ich kreischte, wie ich nun mal kreische, und Ivan kreischte erleichtert ob des plötzlich dramatisch gestiegenen Sauerstoffgehalts in der Umgebungsluft. Dann sprang er galant auf Phillips Bett und sah sich erst einmal um.
“Was ist das?” Phillip zeigte auf Ivan.
“Das ist Ivan. Ihr kennt Euch schon.” erklärte ich ihm nüchtern. “So sieht er aus, wenn ihm das Fell wieder nachgewachsen ist und ihm kein Tubus im Maul steckt.”
“Ich weiß, dass das Ivan ist, ich frage mich nur, was macht er in MEINEM Zimmer?”
“Das gleiche wie wir beide. Nichts wirklich Sinnvolles.”
“Das Vieh muss sofort verschwinden. Das ist ein Krankenhaus, verdammt.” blaffte Phillip mich an.
“Is ja gut. Fahren wir ihn halt zurück…”
Das war leichter gesagt als getan, denn in diesem Moment ging der Funk. Mehrere Funks, genau genommen. Meiner und auch Phillips, und das zusammen gab einen riesigen Lärm. Phillip packte hektisch den Inhalt der Koffers wieder ein, Ivan flüchtete sich schnell unter das Bett. Oder die Couch. Es ging so schnell, dass ich dem nicht genau folgen konnte. Als wir aus der Tür rennen wollten, rief Phillip: “Wo ist Ivan?” Ich sah mich suchend um. Ich sah unter dem Bett nach, hinter der Couch. Ich fand ihn nicht.
“Er ist weg!” sagte ich.
“Er kann ja nicht weg sein! Wo soll er denn hin?” Wir sahen uns an.
“Wir müssen gehen.” befand ich. “Wir machen einfach die Tür zu, dann kann er nicht raus.”
Was anderes blieb uns ja auch nicht übrig. Wir rannten schnellstens zum Auto und verstauten unsere Koffer. Das Fax der Leitstelle war noch nicht angekommen.
“Fax kaputt?” fragte ich Phillip. Der zuckte mit den Achseln. Dann drückte er mir etwas zum Schreiben in die Hand.
“Wir haben kein Fax.” erklärte er der Leitstelle über Funk.
“Es geht in die Schillerstraße 39, das ist wohl ein Ladenlokal. Dort unklar bewusstlos.” tönte es aus dem Funk. “Gemeldet von einem Herrn Champi oder so.”
“Champi?” versicherte sich Phillip nochmals.
“Irgendwie sowas. Komische Geschichte, hab’s nicht ganz verstanden. Naja, seht es Euch mal an.” erklärte uns der Leitstellendisponent.
“Ok, Ladenlokal, Schillerstraße 39, unklar bewusstlos. Sind unterwegs.” Phillip ließ den Motor aufheulen und schaltete das Sondersignal ein.
“Champi… sehr seltsam.” murmelte er dann.
“Das ist ganz bei mir in der Nähe.” sagte ich. Dann überlegte ich kurz. “Phillip…?”
“Ja?” fragte er gedankenabwesend zurück.
“Ich fürchte, ich habe da so eine Idee, wer und was uns da erwarten könnte…” sagte ich zögerlich. “So oder so… es ist bestimmt nicht von dieser Welt.”
Phillip sah mich überrascht an. “Du weißt, wo wir jetzt hinfahren?” fragte er.
“Ich glaube schon.” seufzte ich.

Ach je… auch wenn ich schon eine Ahnung hatte, wo es uns da hin verschlagen würde… Mit dem, was dann kam, hätte ich wirklich nicht gerechnet…


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