Auf China, auf die Weltherrschaft!

Vorarlberger Theater in Wien

Es tut sich was in der Theaterszene im Ländle – hat man zumindest den Eindruck, wenn man die Gastspiele im Schauspielhaus in Wien bedenkt, die in diesem Jahr eingeladen waren. Der neueste Coup stammt vom Kosmos Theater in Bregenz und trägt den Titel „Das Reich der Mitte“. Geschrieben wurde das Stück vom jungen Autor Max Lang, der dafür 2012 das Dramatikerstipendium der Stadt Wien erhielt.

Ein ungleiches Paar

Darin trifft ein alter, einsamer Tiroler auf einen jungen, nicht minder einsamen Chinesen, der – Ende 20 – seit seinem fünften Lebensjahr in Österreich lebt und in Wien mit seinem Vater eine kleine Trinkausschank betreibt. Beiden ist ihre Familie abhandengekommen. Der alte Tiroler hat seinen Sohn vor dessen endgültiger Ausreise nach China noch einmal treffen wollen, aber dessen Flugzeug verpasst. Der Vater des jungen Barbesitzers, dessen Mutter jung verstarb, liegt siech im Krankenhaus. Der eine, angekommen am Ende seines Lebens, zieht noch einmal Resümée. Der andere wird sich durch diese Begegnung seiner eigenen Lage erst richtig bewusst und beginnt eine neue Lebensplanung.

Auf China, auf die Weltherrschaft!

Günter Baumann und Benedikt Uy im Stück “Reich der Mitte” (Foto: Gerhard Kresser | Theater KOSMOS)

Das Stück ist über eine sehr lange Strecke als Monolog angelegt. Günter Baumann beeindruckt darin als 70jähriger Mann, der sich seiner Einsamkeit bewusst wird, uneingeschränkt. Er erzählt seinem jungen Gastgeber ungefragt die wichtigsten Stationen in seinem Leben, ohne sich bewusst zu sein, dass sich dieser nach und nach in das Gespräch mit einbringt. Der Text folgt gleichsam einem musikalischen Schema, in dem sich nach der solistischen Einleitung ganz langsam ein Duett entwickelt, das schließlich in einem furiosen Finale gipfelt. Dabei ist es reich an subtilen Zwischentönen und an Momenten, in denen erkennbar wird, dass die beiden Männer viel gemeinsam haben. Das Unausgesprochene in den verschiedenen Familienbeziehungen belastet beide und lässt sie oft zu Schlüssen kommen, an denen sie schwer tragen. Die Versäumnisse der Vergangenheit interpretiert der alte Mann als seine eigene Schuld. Wenngleich er diese nicht bewusst, sondern aufgrund seines Wesens auf sich geladen zu haben scheint. Der Übermacht seines Bruders, der schon verstorben ist, konnte er zeitlebens nicht entkommen. Er leidet unter dem Umstand, keine große Familie gehabt zu haben und nun am Ende seines Lebens nicht auf ein „eigenes kleines Reich“ zurückschauen zu können. Nur die Aussicht, einmal alles vergessen zu haben, bringt ihm am Ende Erleichterung.

Das Verlassen der eigenen Lethargie als Herausforderung

Was dem einen an diesem Abend zur bitteren Lebenserkenntnis wird, gibt dem anderen den Anstoß, sein Leben zu ändern. Benedikt UY, nicht nur Schauspieler, sondern auch Sinologe, schweigt über eine lange Strecke und verharrt in der Attitüde des ruhigen Kellners, der sich in die Angelegenheiten seiner Kunden nicht einmischt. So lange, bis er die Parallelen der beiden Lebenswege erkennt und beginnt, gegen sein eigenes Schicksal zu rebellieren. Der ruhige junge Mann, dessen Gesicht zu Beginn keine Gefühle ausdrückt, wird zunehmend empathischer aber auch selbstbewusster. Das Schicksal, das in Form eines alten, beredten Gastes in sein kleines Lokal eingetreten ist, dieses Schicksal weiß er schließlich anzunehmen.

Max Lang gelingt mit seinem Text eine wunderschöne Parabel auf das Verlorensein in dieser Welt, auf den Wunsch, etwas zu erleben und zu hinterlassen. Aber auch auf das Unvermögen, seine eigenen Gefühle auszudrücken und sich auf sein Gegenüber vollkommen einzulassen. Schuld daran sind einerseits in der Kindheit erlebte Demütigungen. „Die Rollen werden sehr früh verteilt. Man kriegt das nicht mehr los, was man mit 10, 12 Jahren gemacht hat“. Bitter blickt der alte Mann auf seine Schulzeit zurück, in der er vor der Klasse bloßgestellt und gehänselt wurde. Erlebnisse wie diese sind es, die auch im Alter noch den Movens darstellen, es allen „zeigen“ zu wollen. Und so ist er trotz der Trauer allein gelassen worden zu sein immens stolz auf seinen Sohn, dem es gelungen ist, das kleine Dorf zu verlassen und in die „neue Weltmacht“ auszuwandern. „Die im Gasthaus haben geschaut!“ Max Lang zeigt aber auch auf, dass es genauso gut auch eigene Schranken sein können, die man sich aufgebaut hat, die einen sein Leben lang einengen. „Mir hat nie jemand gesagt, was ich zu machen habe. Ich wurde zu nichts gezwungen, ich habe alles freiwillig gemacht“ – so blickt der junge Chinese auf sein Leben zurück. Dabei erkennt er aber zugleich, dass das einzige Rollenvorbild, sein Vater, ihm zumindest unbewusst ein Leben diktiert hat, das er eigentlich gar nicht leben will. „Das hier ist ein Un-Ort, ein Siechenhaus. Die Leute wollen einen langsamen Tod, einen Tod durch viele Wiederholungen“, so charakterisiert er seine Arbeitssituation und die Menschen, die in diesem kleinen Lokal ihren letzten Trost im Alkohol suchen.

Trotz aller Schwere die dem Stück anhaftet streut der Autor immer wieder Szenen ein, die deutlich machen, dass der Tragik auch oft eine gehörige Portion Humor gegenübersteht. So in der Aussage „Ich bin in vielen Urlaubsalben drin“ die der alte Mann trifft, während er weiter erläutert, dass die Touristen in Wien seinen Hut immer so interessant finden. Oder die Feststellung „die meisten Chinesen sind in Tirol willkommener als die Wiener“, die Lang noch mit der historischen Tatsache der napoleonischen Besatzung verknüpft.

Das reduzierte Bühnenbild – ein schwarzer Gasthaustisch mit Sesseln, ein Wandbord und eine kleine Ausschank – wird zu Beginn und am Ende lichttechnisch geschickt in Szene gesetzt. Austria meets China, was zum Teil auch in der stimmigen Musik anklingt. Die unaufgeregte Regie von Augustin Jagg, die dafür sorgt, dass bei beiden Männern die inneren Vorgänge sichtbar werden, kommt dem Text sehr zugute. Alles in allem ein sehenswerter, berührender Abend mit einem tollen schauspielerischen Team von einem jungen Autor, dessen Weg man weiter verfolgen sollte.


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