Aspetto oder: Wenn ein Illustrator wartet

Wer je beim Film, im Theater oder bei der Oper gearbeitet hat, weiß, hier wird vor allem eins: gewartet! Das hat auch Illustrator Michael Luz kürzlich erfahren und das Beste draus gemacht. "Meine Schwester erzählte mir, dass die Oper Stuttgart einen großen Typ für die Rolle des Tambourmajor in Puccini's La Bohème sucht. Ich hab mich dann vorgestellt und gemeint: Kinder, habt ihr auf mich gewartet? Daraufhin hab ich eine ganze Weile nichts mehr von der Crew gehört. Ich dachte schon, ich war vielleicht zu frech", erinnert sich Michael Luz und schmunzelt.
Doch seine Vorstellung beim "Komparsen-Casting" überzeugte und schon bald gings zur ersten Probe, der zahlreiche weitere folgten. Mit Witz und manchmal auch mit Tolpatschigkeit sorgte Michael Luz für einigen Wirbel in der Truppe: "Einmal hatte ich Kreislauf und ein anderes Mal, stand ich zu früh auf der Bühne. Ein Inspizient sorgt ja dafür, dass alle rechtzeitig erscheinen. Die Durchsage hört sich dann so an: `Tambourmajor, bitte kommen´. Dann gehts ab durch die Katakomben bis zum Saal. Irgendwie hab ich da was missverstanden und stand viel zu früh auf der Bühne. 150 Leute, der ganze Chor, war versammelt und ich stolper da rein. Natürlich brechen die dann die Probe nicht ab nur weil der Komparse zu blöd ist, rechtzeitig da zu sein, da muss man halt improvisieren", hat Michael Luz gelernt.
Doch die meiste Zeit stand Warten auf dem Plan. "Ich dachte mir: toll, dann kann ich doch zeichnen und hatte immer meinen Skizzenblock parat. Diese Opernatmosphäre war zudem die optimale Inspiration für einen neuen Stil den ich gerne zeigen möchte." Zwei Monate war Michael Luz täglich bei Proben im Großen Haus, obwohl sein Auftritt als Tambourmajor "gerade mal 20 Sekunden dauert". Genug Zeit also, sich hinter den Kulissen umzusehen.
In seinem druckfrisch erschienen Buch "Aspetto. Die kurze Geschichte über das lange Warten eines überragenden Statisten" sind jetzt die schönsten Szenen zu sehen: "Das Buch zeigt im Grunde meine Sicht auf den Probenalltag und Opernbetrieb: Den Inspizienten, die Kulissenbauer, den Orchestergraben oder die Situation in der Garderobe", erklärt Michael Luz. Auch der Chor ist dabei. "150 Leute die gemeinsam auf der Bühne singen. Das ist schon ein Gänsehaut-Erlebnis. Überhaupt ist es unvorstellbar, was für ein Aufwand für so eine Produktion betrieben wird. Allein mein Kostüm zum Beispiel, das wurde mir individuell angeschneidert, mit goldenem Lametta." Achso: Die Premiere wurde natürlich ein Erfolg! Und wer sich den Tamboumajor live und in Farbe ansehen möchte, kann sich bis Dezember 2014 einen Vorstellungstermin aussuchen. Vorausgesetzt, der überragende Statist muss sich nicht vom Bühnenstress erholen: "Wie es sich für für einen Ausnahme-Statisten gehört, habe ich auch eine Zweitbesetzung. Schließlich muss ich ja auch mal Urlaub machen oder etwa nicht?" Mehr Gezeichnetes von Michael Luz gibts regelmäßig in den Stuttgarter Nachrichten, auf seiner Homepage oder in unserer Kunstsammlung G:sichtet "humaNature". www.michaelluz.de www.oper-stuttgart.de