Artificial Pleasure: Der doppelte David

Artificial Pleasure: Der doppelte DavidArtificial Pleasure
„The Bitter End“

(East City Rockers)
Kurz noch mal vergewissert – nein, nichts. Die beiden Davids, also Bowie und Byrne, haben  sich mit Sicherheit gekannt und werden sich bei diversen Gelegenheiten auch die Hände geschüttelt haben, wie das unter Genies diesen Grades nicht ausbleibt. Nachweislich aber hat nur der Byrne den Bowie gecovert und nicht umgekehrt, von gemeinsamen Auftritten ist derweil nichts überliefert. Und genau an dieser Leerstelle scheint seit 2016 die Londoner Post-Punk-Kapelle Artificial Pleasure anzusetzen, klingen die vier Herren doch genau so, als wären Ziggy Stardust und der Psycho Killer bei einem zufälligen Treffen übereingekommen, ein ganzes Album mit herrlich funkig-fuzzigen Stücken aufzunehmen. Einige dieser Songs existieren ja schon geraume Zeit, jetzt erst wurde das komplette Debüt veröffentlicht und  Phil McDonnell (Gesang/Gitarre), Dom Brennan (Keyboard), Rich Zbaraski (Bass) und Drummer Lee Jordan, meistenteils zuvor bei der Band Night Engine angestellt, geben sich keine große Mühe, ihre Vorbilder zu verschweigen.

Im Gegenteil, freimütig geben sie weitere zu Protokoll, letztendlich nimmt sich die Liste wie das Who is Who der alternativen Tanzmusik aus: LCD Soundsystem, Gang Of Four, Can, Funkadelic, ja sogar die deutschen DAF stehen darauf und hört man sich die zwölf hochinfektiösen Tracks des Albums an, bringt jeder Hörer sicherlich noch drei weitere auf’s Tableau. Gern geschehen, sie haben nichts zu verbergen. Und wollen sich auch gar nicht erst ein schlechtes Gewissen einreden lassen, sondern einfach nur möglichst schnell (wie im Video zu „I’ll Make It Worth Your While“ zu sehen) zurück unter die Glitzerkugel – zucken, wippen, federn, feiern. Was mit der Platte bestens gelingt. Die dicken Synths und Maschinengrooves hämmern beeindruckend, „Wound Up Tight“ und „All I Got“ sind Musterbeispiele monstermäßiger Stil-MashUps, kaum zu bremsen, pulsierend, bereit für die große Sause.

Da werden Chöre aufgefahren, wird schamlos der hymnische Dramapop der 90er beliehen, es schmeichelt, schwelgt, bratzt oder stampft an allen Ecken, einen richtigen Favoriten mag man in dem herrlichen Durcheinander gar nicht ausmachen. Irgendwann, irgendwo natürlich auch der Ruf, das sei doch alles aufgekochter Super-Retro-Kram – man hört ihn kaum, will ihn nicht hören, viel zu sehr damit beschäftigt, die eigenen Beine nicht zu verknoten. Zur Entspannung dienen zwei kurze Instrumentals namens „Basement“ und „Stammheim“ (deren Deutung man sich für die Afterhour vornimmt, im Moment ist keine Zeit dazu) und auch „You Keep Me Coming Back For More“, ein croonendes Etwas mit gehörig Schmachtpotenzial, auch das können sie also. Man kann nur hoffen, daß die vier smarten Herren recht bald wieder den Weg auf die Bühne finden, es wäre nachgerade sträflich, sie mit diesem Material einfach entkommen zu lassen. http://www.artificialpleasure.com/