Armins Suche nach dem Göttlichen

Armins Suche nach dem Göttlichen

Als ich kürzlich Armin besuchte, traf es mich wie der Blitz aus heiterem Himmel. Mein Freund war schlagartig gealtert. Das Gesicht voller Runzeln, die Haare weiß.

„Armin, was ist mit dir geschehen?“, fragte ich entsetzt.

Er lächelte und seine Augen funkelten. Ein gutes Zeichen. Zu oft habe ich in stumpfe Augen sehen müssen, wenn mit dem Alter der Geist Abschied nahm. Bei Armin war das nicht der Fall. Da war ich mir sicher. Die Augen sind der Spiegel der Seele.

„Das siehst du selbst. Ich bin älter geworden.“

„Um Jahre in wenigen Wochen?“ Ich dachte unwillkürlich an die Medikamente, die ihm hier im Sanatorium verabreicht wurden.

„Das Alter kommt manchmal auf leisen Sohlen, aber oft auch wie der geölte Blitz. Dann wird man in kurzer Zeit um Jahre älter. Die Zeit läuft eben nicht für alle gleich. Manch einem gelingt es, die Zeit anzuhalten. Doch nicht für die Ewigkeit. Wenn man sie dann wieder loslassen muss, verliert man, was dazwischen lag.“

„Du sprichst in Rätseln. Ich hege den Verdacht, dass es vielmehr die Medikamente sind, die dich um Jahre altern ließen.“

Armin winkte ab. „Ich erhalte schon lange keine mehr.“

„Aber du bist doch einiges jünger als ich“, entfuhr es mir.

„Hast du dich letztlich im Spiegel betrachtet? Auch du bist älter geworden.“

„Aber…“

„…vielleicht hast du nie den richtigen Armin in mir gesehen. Vielleicht hast du ein Bild von mir projiziert, das nie stimmte. Unsere Augen betrügen uns nur allzu gerne. Nicht nur bei Frauen, auch bei Freunden.“

„Da magst du Recht haben. Wir sehen, was wir sehen wollen.“

„Schlimmer noch. Es gibt Dinge, die wir gar nicht sehen, obschon sie vor unseren Augen geschehen. Wir können nur das wahrnehmen, was in unser Muster passt. Darum sehen wir das Göttliche nicht.“

„Jetzt bist du auch noch religiös geworden? Du weißt so gut wie ich, dass nicht Gott den Menschen erschaffen hat, sondern der Mensch Gott.“

Er schaute aus dem Fenster seines Zimmers in den Park, als suchte er dort etwas. Dann wandte er mir wieder den Blick zu. Seine Augen schienen durch mich hindurch zu sehen.

„Ja, mein Traumperlentaucher, den Gott der Pfaffen und Eiferer gibt es wahrscheinlich nicht. Und wenn es ihn gibt, so möchte ich ihm nicht begegnen. Das heißt aber nicht, dass es nichts Göttliches im Universum gibt. Im Gegenteil: das Göttliche ist überall. Es ist da draußen im Park, es ist in dir und in mir…“

Eine Sekte! Schoss es mir durch den Kopf. Armin war in eine Sekte geraten!

„…und es ist auch in unseren Träumen. Wir müssen uns dem Göttlichen öffnen, dann spüren wir es…“

Ich klapperte im Geiste alle Sekten ab, die ich kannte. Zu welchem „Verein“ passten Armins Gedanken? Wer hatte sein Gehirn gewaschen?

„…es ist im Guten wie im Bösen, es ist allgegenwärtig.“

Satanisten? Sonnentempler? Davidianer?

„Wie kann das Göttliche im Bösen sein?“, widersprach ich.

„Weil das Böse nichts anderes ist, als das entartete Gute.“

Mit dieser kauzigen Philosophie konnte ich nichts anfangen. Ich verabschiedete mich nachdenklich und zutiefst beunruhigt von meinem Freund.

„Du bist in deiner dualen Welt gefangen“, rief mir Armin nach, als ich den Korridor entlang ging. „Mögen die Träume gut zu dir sein.“

Jetzt ist er vollends übergeschnappt, dachte ich.

Vielleicht legt die Wahrheit auch im Verrückten Spuren? Euer Traumperlentaucher



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