Angriff auf das freie Denken

NZZ Online: Wie das politisch-theologische Machtzentrum in Iran einen Philosophie-Kongress instrumentalisiert

Während die Unesco sich erst jetzt dazu hat durchringen können, einem in Teheran geplanten Hauptkongress zum Welttag der Philosophie (am 18. November) ihre Schirmherrschaft zu entziehen, lenken internationale Boykottaufrufe den Blick auf die in Iran sich zusehends verschlechternde Lage der Geisteswissenschaften.

Alessandro Topa

«Da Kriege im Geist der Menschen entstehen», so hebt die Präambel der Verfassung der 1945 gegründeten Unesco an, «muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden.» Der Philosophie ist bei dieser Vorwärtsverteidigung von Frieden und Freiheit stets eine besondere Rolle als Advokatin der gemeinsamen Interessen der Menschheit zugekommen. Als die Unesco 2008 beschloss, der Bewerbung der Islamischen Republik Iran den Zuschlag für die Organisation des Welttages der Philosophie 2010 zu geben, geschah dies zweifellos nicht nur in der Absicht, das reiche philosophische Erbe Irans – von Avicenna bis Mulla Sadra und darüber hinaus – bekannter zu machen, sondern auch aufgrund berechtigter Sorgen um die Intellektuellen eines zunehmend isolierten Landes.

In der Teheraner Akademie für Weltweisheit und Philosophie begannen in Kooperation mit der Unesco bald schon die Vorbereitungen für einen Grosskongress mit dem Oberthema «Philosophie: Theorie und Praxis». Die Vorbereitungen liefen auch dann weiter, als im Zuge der Massenproteste des Sommers 2009 Hunderte Studenten in den staatlichen Repressionsapparat gerieten, gefoltert wurden und Dutzende ihr Leben verloren. Selbst die von Präsident Ahmadinejad dekretierte Installierung Gholam Ali Haddad-Adels als Kongressleiter alarmierte die Unesco zunächst nicht, obwohl der Regime-Apologet den innersten Kreisen der Machtelite angehört.

Erst Ende Oktober begann sich die Pariser Weltkulturbehörde, die den Philosophie-Tag seit 2005 jährlich an wechselnden zentralen Veranstaltungsorten ausrichtet, umzuorientieren. Zunächst wurde der als Hauptveranstaltung vorgesehene Kongress, der vom 22. bis zum 24. November in Teheran stattfinden wird, zu einem Kongress unter vielen anderen deklariert. Am 9. November folgte sodann der Rückzug mit der lapidaren Begründung, dass «die notwendigen Bedingungen nicht erfüllt worden seien, um die effektive Organisation einer internationalen Uno-Konferenz zu garantieren». Der Tübinger Philosoph Otfried Höffe, der einen der Hauptvorträge hätte halten sollen, hatte sich nach der Einsetzung Haddad-Adels schon im Juli für einen Boykott des Kongresses ausgesprochen und zeigt sich enttäuscht darüber, dass seine Mahnungen so lange ohne jeden Widerhall blieben. Unterdessen sind westliche Befürworter einer Teilnahme rar geworden.

Die Kritik der Boykotteure begann im Januar 2010 mit einem offenen Brief des im kanadischen Exil lehrenden Philosophen Ramin Jahanbegloo an Irina Bokova, die Generaldirektorin der Unesco. Was der 2006 im Teheraner Evin-Gefängnis inhaftierte Iraner in diesem Brief anprangert, kennt der Teheraner Philosophiestudent Nima aus eigener Anschauung: «Die Situation an unseren Universitäten, insbesondere in den Geisteswissenschaften, weist nichts mehr auf, was in irgendeiner Weise mit freiem Denken oder einer kritischen Einstellung vereinbar wäre. Wir sind mit einer Terrorherrschaft konfrontiert, die inzwischen auch in den Köpfen der Studenten und Professoren haust und den freien Meinungsaustausch selbst im Seminar unmöglich macht.»

Der Philosoph und Publizist Mohammad-Reza Nikfar lebt und arbeitet in Deutschland. Mit einem Essay über die «Theologie der Folter» hat er für viel Diskussionsstoff in Iran gesorgt. Im Oktober hat er an einem Aufruf mitgewirkt, der sowohl von im Ausland lehrenden iranischen Professoren als auch von Studenten und Dozenten in Iran unterzeichnet worden ist. «Der Weltphilosophie-Tag», so umreisst Nikfar das Kernargument des Boykottaufrufs, «wird missbraucht, wenn dieser der Propaganda eines Regimes dient, das systematisch den freien Gedankenaustausch verhindert und seit je Intellektuelle unterdrückt.» Hier sei nicht nur an prominente Fälle wie den 2007 in die USA emigrierten Mohsen Kadivar zu denken. «Wir erleben derzeit die vierte Filterungswelle im akademischen System des Landes», erläutert Nikfar. In der Frühphase der Revolution seien zunächst liberale und marxistische Professoren entfernt worden. Zu Beginn der neunziger Jahre habe das Regime sodann die Verfechter einer historisierend-hermeneutischen Koranexegese wie Abdolkarim Soroush ins Visier genommen. Mit dem Machtantritt Ahmadinejads kam es schliesslich zu einer dritten Welle, in der Dutzende liberaler Professoren frühpensioniert wurden. Was wir derzeit erleben, so Nikfar, gehe jedoch weit darüber hinaus. Es handele sich um einen «systematischen Angriff auf die Geisteswissenschaften».

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