An Tagen wie diesen

oder Ein großer Tag in der Geschichte des deutschen Journalismus.
Vorgestern jährte sich mal wieder was. Nicht rund. Aber das muss ja auch nicht sein. Vorgestern vor 47 Jahren. Fast fünf Jahrzehnte ist es jetzt her. Einer der größeren Tag in der Geschichte des deutschen Journalismus. Eine Sternstunde regelrecht.
An Tagen wie diesenBachmann hatte nachmittags Dutschke niedergeschossen. »Man darf auch nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen«, schrieb die »Bildzeitung« einige Wochen zuvor. Bachmann nahms wörtlich. Er war ein frommer Leser. Also übernahm er die Drecksarbeit und schoss dreimal auf den studentischen Aktivisten. Man musste schließlich was tun. Die Aufwiegelung klappte ganz gut. Es findet sich immer ein Würstchen, das den Senf der »Bildzeitung« auftunkt. Es findet sich immer ein Schwachkopf, der es für eine Offenbarung hält, was dort geschrieben steht. Schon damals. Jedenfalls war das eine der schrecklicheren Stunden, die uns diese Art des deutschen Journalismus schenkte. Einige Stunden danach geschah das Gegenteil von Schrecklich. Es wurde richtig gut.

Aufgebrachte Menschen zogen vor das Springer-Haus. Sie warfen Steine, verhinderten die Auslieferung der nächsten Ausgabe, stoppten Lastwagen und zündeten Stapel von Bildzeitungen an. Nebenbei wehrte man sich gegen die anrückende Staatsmacht. Die Zornigen stellten ihre Wagen so ab, dass es kein Vorbeikommen für die Auslieferer gab. Auch das Auto von Ulrike Meinhof stand in der Barriere. Einen Tag später philosophierte sie über die Ereignisse: »Wirft man einen Stein, so ist das eine strafbare Handlung. Werden tausend Steine geworfen, ist das eine politische Aktion. Zündet man ein Auto an, ist das eine strafbare Handlung. Werden Hunderte Autos angezündet, ist das eine politische Aktion.« Sie lag richtig. Was hier geschehen war, war nicht einfach nur ein krimineller Akt oder so. Es war eine politische Aktion. Ein Statement. Das Bekenntnis einer Generation, die es satt hatte, von diesem »privaten Staatsorgan« belogen und als Freiwild ausgegeben zu werden.

Selbst die Staatsdienste schienen die Zeitung abzulehnen. Zynisch betrachtet jedenfalls. Denn es flogen Molotowcockails. Beinahe kam es zur Explosion. Mitgebracht hatte sie ein gewisser Peter Urbach - ein Provokationsagent, der mit dem Verfassungsschutz zusammenarbeitete. Auch das gab es immer schon in dieser netten Republik. Leute, die man einschleust und die die Aufgabe haben, die ganze Sache eskalieren zu lassen.
Die »Bildzeitung« gibt es immer noch. Springer ist noch immer nicht enteignet. Aber die Zeitung ist nicht mehr so mächtig wie damals. Jedoch mindestens so dreckig. Viele Kioske fangen nun an, sie nicht mehr in ihren Regalen anzubieten. Das macht Hoffnung. Die Auflagezahlen gehen seit Jahren zurück. Aber die Sternstunde schlechthin war dieser Abend, als sich die ganze Wut über ein Blatt entlud, das nichts anderes im Sinn hatte, als Menschen, die von ihren demokratischen Rechten Gebrauch machten, schmählich zu verunglimpfen und zu kriminalisieren. Wo ist der notwendige Zorn heute?
Zugegeben - es war nicht die feine Art. Überhaupt keine Frage. Aber es war eine deutliche Ansage. Ein Meilenstein in der Geschichte des deutschen Journalismus. Und je mehr man heute die Medienlandschaft beobachtet, desto sicherer weiß man, dass dieses Urteil nicht übertrieben ist. Denn auch, wenn die »Bild« an ihrer Hegemonialstellung eingebüßt hat, sie lebt in der Seele vieler anderer Medien weiter. Die Bildzeitungisierung hat alle erfasst. Blome sitzt sogar beim »Spiegel«. Man müsste heute schon viele, sehr viele Autos vor den Verlagen aufbieten, um das unter Kontrolle zu bringen. Und wie formt man aus Autos Barrieren, um Onlineausgaben zu verhindern?
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