Alice Schwarzers Offener Brief an Kristina Schröder - eine Replik

Von Stefan Sasse
Alice Schwarzer war nicht untätig und hat auf Schröders Thesen reagiert. Natürlich war sie nicht ganz so erfreut über deren Aussagen wie ich. Sehen wir uns einmal an, was Schwarzer so alles schreibt.
Sehr geehrte Frau Ministerin! Sie sind jetzt seit fast einem Jahr im Amt. Seither warte nicht nur ich auf Taten und Zeichen von Ihnen, die die Lage der Familien verbessern und die Gleichberechtigung der Frauen weiter bringen könnten. Zeichen, wie wir sie von Ihrer couragierten Vorgängerin gewohnt waren. Wir warteten bisher allerdings vergebens. Die einzig aufregende Nachricht aus Ihrem Amt war Ihr Namenswechsel von Köhler auf Schröder - was mich persönlich, ehrlich gesagt, bis heute verwirrt. Dafür haben Sie nun dem Spiegel ein aufschlussreiches Interview gegeben. Ein Interview, bei dem man nicht so recht weiß, ob man nun weinen oder lachen soll. Eines jedenfalls ist spätestens jetzt klar: Was immer die Motive der Kanzlerin gewesen sein mögen, ausgerechnet Sie zur Frauen- und Familienministerin zu ernennen – die Kompetenz und Empathie für Frauen kann es nicht gewesen sein. Mit Ihrem übereifrigen Engagement für Männer – statt Frauen – gehen Sie selbst den beiden Spiegel-Interviewern zu weit. Die machen Sie im Gespräch mehrfach ironisch darauf aufmerksam, dass Sie „doch Frauen- und nicht Männerministerin“ seien und von 185 Dax-Vorständen noch immer 181 männlich. Doch das kann Sie nicht bremsen. 
Es ist interessant, dass Schwarzer so sehr auf die Rolle Schröders als Frauen-Ministerin abhebt. Sie dürfe sich nicht für Männer einsetzen, ihre Aufgabe sei es ausschließlich, sich um das Wohl der Frauen zu kümmern. Das aber ist falsch. Sie ist Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Das sind vier Aufgabenfelder, und als Senior könnte man sich ebenso nicht repräsentiert vorkommen wie als Jugendlicher, wenn das Amt nach Schwarzers Maßgaben ausgefüllt wird. Was ist überhaupt die "Kompetenz für Frauen", die Schwarzer anspricht? Es bleibt merkwürdig mysteriös. Kompetenz für Frauen, das ist das, was Alice Schwarzer sagt. Sie ist gewissermaßen der Papst des Feminismus, ihr Wort Gesetz. Allein sie weiß in ultimativer Instanz, was gut und richtig ist für Frauen. 
Als erstes nehmen Sie sich den „frühen Feminismus“ vor. Da haben Sie als Jahrgang 1977 zwar die Gnade der späten Geburt, aber nicht das Recht, Stammtisch-Parolen zu reproduzieren. Stammtisch-Parolen aus den 1970er Jahren wohlgemerkt. Denn die Stammtische 2010 sind längst weiter, viel weiter als Sie. Der „frühe Feminismus“ habe „übersehen, dass Partnerschaft und Kinder Glück spenden“, für ihn sei die Homosexualität „die Lösung der Benachteiligung der Frau“ gewesen, behaupten Sie. Frau Ministerin, ein so billiges Klischee wagen Sie doch nicht allen Ernstes über die folgenreichste soziale Bewegung des 20. Jahrhunderts zu verbreiten? Eine Bewegung, der Sie unter anderem Ihre ganz persönliche Karriere zu verdanken haben. Und die Anstöße gab für eine Welt, in der Frauen endlich davon ausgehen dürfen, dass sie alles können, was Männer können – und umgekehrt (Stichwort Vaterschaftsurlaub). Eine Welt, in der die von Ihnen so wohlfeil im Munde geführte „Partnerschaft“ nicht mehr länger reine Theorie sein muss, sondern echte Chancen hat. Weil nur Gleiche Partner sein können.
Der Feminismus hatte ohne Zweifel seine historischen Verdienste, das steht außer Frage. Was Schröder aber kritisiert sind ja gar nicht diese Erfolge, die letztlich eine deutlich weichgespültere Version des Feminismus' sind als den, den Schwarzer vertritt. Wenn Schwarzer erklärt, die Verbesserung der letzten Jahrzehnte für Frauen sei allein auf den frühen Feminismus zurückzuführen, den Schröder kritisiert, dann ist das als würde man behaupten, der deutsche Wohlfahrtsstaat basiere einzig und allein auf der reinen Lehre des Sozialismus. Das aber ist genauso Quatsch. 
Sodann bürsten Sie mich ab, klar. Sie hätten zwar „viel gelesen“ von mir, aber… Mit Verlaub: Ich kann mir das kaum vorstellen. Sonst würden Sie nicht einen so hanebüchenen Unsinn behaupten wie den: Ich hätte geschrieben, „dass der heterosexuelle Geschlechtsverkehr kaum möglich sei ohne die Unterwerfung der Frau“. Ich vermute, Sie rekurrieren damit auf den 1975 (!) erschienenen „Kleinen Unterschied“. Darin wird in der Tat die Funktion von Sexualität und Liebe bei der (Selbst)Unterdrückung von Frauen analysiert. Das ist weltweit ein zentrales feministisches Thema. Denn noch immer verstehen manche Frauen unter Liebe vor allem Selbstaufgabe, und ist Sexualität noch viel zu oft mit Gewalt verbunden. Aber das war, wie gesagt, 1975, zwei Jahre vor Ihrer Geburt. Seither habe ich schon noch dies und das veröffentlicht. Inzwischen schreiben wir nämlich das Jahr 2010. Doch auch dazu reproduzieren Sie nichts als Klischees.
In drei Absätzen produziert Schwarzer hier nichts weiter als Wendungen, um aus dem Dilemma zu kommen. Letztlich gibt sie Schröder Recht; wie auch nicht? Schließlich propagiert der frühe Feminismus (und nichts anderes kritisiert Schröder ja!) tatsächlich die Homosexualität und die Unmöglichkeit der Heterosexualität ohne Unterwerfung der Frau. Dass Schwarzer das Abbügelt, indem sie darauf verweist, dass sie später auch Anderes geschrieben habe und dass Schröder nur Klischees verbreite zeigt, dass sie selbst lediglich Klischees verbreiten will - Klischees über den siegreichen Feminismus, der nur das Beste für die Frau will. Das aber ist scheinheilig.
Zum Beispiel das Klischee, die Überzahl weiblicher Erzieher und Lehrer sei schuld an der Misere der „armen Jungen“. Denen wollen Sie sich jetzt mit Ihrem Ministerium vorrangig widmen. Sie gehen dabei so weit, feministischen Pädagoginnen zu unterstellen, sie würden „Jungs bewusst vernachlässigen“, was „unmoralisch“ sei. Es ist diese Unterstellung, Frau Schröder, bei diesen Frauen, die einen sehr harten, sehr engagierten Job machen, die unmoralisch ist! 
Der Feminismus muss, das hat Schwarzer in ihrem Eingangsstatement bereits deutlich gemacht, Frauen bevorzugt behandeln. Gleichzeitig soll das aber nicht in "bewusster Vernachlässigung" von Jungen/Männern enden. Wie soll das denn zusammengehen? Und nur weil jemand einen "harten, engagierten Job" macht qualifiziert ihn das nicht. McKinsey-Leute, Guido Westerwelle und eine Horde Lobbyisten machen auch harte, engagierte Jobs. Das hält sie nicht davon ab, Unheil anzurichten.
Ja, es stimmt, dass wir es mit einer rasanten „Feminisierung“ der pädagogischen Berufe zu tun haben. Aber warum? Weil die Männer einfach nicht mehr Kindergärtner oder Lehrer sein wollen! Zu schlecht bezahlt und gesellschaftlich nicht anerkannt. Das ist das Problem. 
Selten schreibt Schwarzer so etwas entlarvendes. Die niedrige Männerquote wird einfach damit erklärt, dass der Job für Männer nicht attraktiv sei. Ach. Könnte das im Umkehrschluss auf den des DAX-Vorstands nicht auch zutreffen? In Schwarzers Geschlechterbild passt das allerdings nicht. Der Mann ist immer schuld, an seiner eigenen Misere ebenso wie an der der Frauen. Deswegen darf Schröder auch nichts dagegen tun. Es liegt zwar ein Missstand vor, aber der darf keinesfalls beseitigt werden - das würde der reinen Lehre Schwarzers widersprechen.
Nein, es stimmt nicht, dass die Überrepräsentanz weiblicher Pädagogen schuld ist an den Problemen der Jungen. Dafür gibt es, wie Sie als Ministerin wissen sollten, null wissenschaftliche Beweise (siehe dazu auch www.emma.de/hefte/ausgaben-2010/herbst-2010/arme-jungs/). „Schuld“ ist eher ein verunsichertes Verständnis von „Männlichkeit“, eine Männerrolle, bei der es als uncool gilt, zu lernen, und als cool, zu pöbeln – und Pornos zu konsumieren. „Schuld“ ist auch der Zuzug von Menschen aus Kulturen nach Deutschland, die eben leider nicht durch den Feminismus gegangen sind, wie die ex-sozialistischen Militärdiktaturen Osteuropas oder die muslimischen Länder. Deren Söhne geraten nun mit ihrem vormodernen, archaischen Männlichkeitsbild in unsere moderne Welt. Da liegt in der Tat reichlich Konfliktstoff und vieles im Argen. 
Schwarzer legt den Finger in die richtige Wunde. Es ist uncool, zu lernen, cool, zu pöbeln - ein männliches Problem, mit dem Pädagogen tagtäglich konfrontiert werden. Ich kann Frau Schwarzer aber  beruhigen; die Mädchen holen hier inzwischen auch auf. Zwar sind Jungs im Unterricht immer noch die größeren Störer, aber die Mädchen pochen auch hier immer mehr auf Gleichberechtigung. Der Verweis auf Pornos dagegen ist vollkommen aus dem Zusammenhang, einfach mit eingestellt. Was haben denn Pornos mit Lernleistungen zu tun? Dafür bringt Schwarzer den Verweis auf Zuwanderung aus "archaischen" Kulturen unter. Eine Lösung dafür hat sie nicht.
Es ließe sich noch vieles sagen, Frau Schröder. Aber, darf ich offen sein? Ich halte Sie für einen hoffnungslosen Fall. Schlicht ungeeignet. Zumindest für diesen Posten. Vielleicht sollten Sie Presse-Sprecherin der neuen, alten so medienwirksam agierenden, rechtskonservativen Männerbünde und ihrer Sympathisanten werden. Mit Bedauern und besten Grüßen
Alice Schwarzer (eine von vielen frühen Feministinnen)
Nachdem Schwarzer bisher keine Argumente hatte, kann sie nun immerhin noch ein bisschen pöbeln. Niedlich ebenfalls der Versuch am Ende, sich sympathisch zu machen, indem sie sich nur als primus inter pares darstellt und nicht als Päpstin des Feminismus, die Rolle, die sie beständig mit Verve einnimmt. Schwarzer ist ein Fossil, die der Gleichberechtigung nur noch Bärendienste erweist, wie die Riege der Sozialdemokraten, die in den 1950er Jahren ihr Heil immer noch in der Betonung des Klassenkampfes suchte. Sie hat ihre Verdienste. Inzwischen jedoch richtet sie Schaden an. Gleichberechtigung kann nicht mehr sein, einfach nur Politik mit Frauenfokus zu sein. Sie gibt dies selbst implizit zu, wenn sie auf die Väterzeit rekurriert. Ihre eigene Ideologie steht ihr aber stets dabei im Weg, wenn es darum geht, moderne Probleme wie Jungenpolitik und Integration anzupacken. Sie verkommt hier zur reinen Giftspritze ohne Lösungsansätze.