Ach, Willi…

“Darf ich jemanden untersuchen?”
Ich sah erschrocken von der Akte auf, die ich gerade studierte. Willi stand in der Tür des Arztzimmers zur Intensivstation.
“Definitiv nicht.”, gab ich zur Antwort und vergrub mich wieder in Frau Kleinschmitts Vorgeschichte. “Aha, Lungenembolie nach Rektum-Ca vor drei Jahren…” murmelte ich demonstrativ. Willi ließ sich jedoch nicht abschütteln und nahm auf dem Stuhl neben mir Platz. Seit zwei Wochen schon hing er auf unserer Intensivstation rum. Nach dem vergeigten Examen musste er ja schließlich Teile seines praktischen Jahres wiederholen.
“Warum lasst Ihr mich nichts machen? Ich sitze den ganzen Tag nur blöd rum und trinke Kaffee. Wenn ich nicht aufpasse, geht Ihr sogar ohne mich auf Visite.” Er machte ein betretenes Gesicht.
Ich seufzte. Warum musste jetzt ausgerechnet ich dieses Gespräch führen?
“Was denkst du denn, was du machen solltest?, fragte ich schließlich.
“Ich könnte doch wenigstens mal die Patienten untersuchen, die du heute entlässt. Das würde dir doch auch Arbeit abnehmen!”, rief er etwas zu laut in mein Ohr. “Der Tobi macht das doch auch!” Tobi war der andere PJ-Student, und im Gegensatz zu Willi zeigte er durchaus Potential.
“Willi…”, antwortete ich schließlich. “Wenn du einen Patienten untersuchst, dann kann ich hinterher hingehen und  gucken, ob du das richtig gemacht hast. Ich kann mich auf das, was du tust, nicht verlassen.” Ich drehte mich zu ihm um. Dieses Gespräch schien sich jetzt nicht so ohne weiteres abwickeln zu lassen. “Bei Tobi weiß ich, wenn ich dem sage, untersuch die Frau Meier, dann untersucht der die Frau Meier. Bei dir habe ich Angst, du untersuchst Frau Meier nicht nur, du intubierst sie auch gleich noch.”
Willi sagte nichts. Ich sprach weiter: “Du machst nie das, was man dir sagt. Du neigst zur grenzenloser Selbstüberschätzung. Du glaubst, du kannst schon alles, dabei kennst du noch nicht mal die Grundsätze der Medizin.” Das war hart. Meine Worte taten mir auch sogleich leid.
Willi saß da wie ein begossener Pudel. “Ich will doch nur alles richtig machen. Und Euch zeigen, dass ich was kann.”
“Das ist ja das Problem, Willi. Du kannst nichts. Und du lässt dir auch nichts zeigen. Keiner hier hat Lust, mit dir zu arbeiten.”
“Aber ich möchte Euch doch einfach nur zeigen, dass ich was kann! Und ich möchte ja auch Sachen lernen!”
“Was, Willi? Was möchtest du lernen?”
“Trachetomieren zum Beispiel.”
Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Willi wollte also lernen, wie man jemandem ein Loch in den Hals schnitzt und dann einen Beatmungsschlauch darüber legt.
“Siehst du, Willi…”. sagte ich mit aller Ruhe, die ich irgendwie aufbringen konnte.”Das ist das Problem. Du möchtest nicht lernen, wie man intubiert, du willst gleich ein Loch in den Hals bohren. Ich habe das erste Mal tracheotomiert, als ich schon drei Jahre approbiert war. Du willst das gleich als Student machen. Dabei könntest du mir wahrscheinlich noch nicht mal eine Struktur nennen, durch die man da durchschneiden muss.”
Willi schwieg wieder und blickte zu Boden. Schließlich sah er auf. “Mein Vater war bis vor zwei Jahren Dekan der medizinischen Fakultät.”
“Was?”, fragte ich irritiert.
“Mein Vater. Er war der Dekan. So habe ich meinen Studienplatz bekommen. Und so habe ich auch meine Prüfungen bestanden.” Er blickte wieder zu Boden.
“Du willst mir jetzt nicht erzählen, dass Vaddern immer interveniert hat, wenn’s mal brenzlig wurde?”
Willi senkte den Kopf. “Und du meinst, dass du mir das jetzt erzählen solltest?”, setzte ich noch mal nach.
“Na, du wirst mich ja nicht verpfeifen, oder? Nach der Nummer bei meiner Anästhesie-Prüfung…”
Jetzt schwieg ich.  Das stimmte natürlich auch wieder.
“Willi, was willst du denn von mir?”, fragte ich schließlich.
“Ich will was lernen, Anna. Ich will Arzt werden. Kannst du mir nicht helfen?

Ach, Willi…


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