92. Der kleine Junge und die Dichterin

Sanaz Zaresani und Hossein Mansouri: Literatur aus dem Iran im Stadtmuseum Dresden

 

Die Geschichte beginnt mit den Worten: Mond Sonne Blume Spiel. „Zähle mir ein paar schöne Dinge auf“, sagt ein Lehrer in der Leprakolonie von Tabris zu einem Schüler, der daraufhin diese vier Dinge nennt. Eine Kamera hat die Szene festgehalten. Hinter der Kamera stand die bis heute vielleicht bedeutendste Dichterin der modernen persischen Poesie, Forough Farrokhzad, die im Jahre 1967 mit nur 32 Jahren an den Folgen eines Autounfalls starb.

Im Iran ist Farrokhzad bis heute ein Star. Zu ihrem Begräbnis kamen Tausende. Forough Farrokhzad war vielfältig begabt, sie drehte Filme wie „Das Haus ist Schwarz“, aus dem die eingangs beschriebene Szene stammt; sie arbeitete am Theater und – sie dichtete. Die Poesie war ihr von allem das Wichtigste, hinter ihr hatte alles andere zurückzustehen.

Und die Geschichte geht weiter, denn in der Leprakolonie von Tabris sollte das Leben des kleinen Jungen mit den vier Worten, kurz nachdem die Kamera ihn gefilmt hatte, eine plötzliche Wende nehmen: „Wir saßen im Zug, es war Nacht, ich habe gezittert und sie hat mich umarmt, die ganze Zeit umarmt“, sagt der heute 54-jährige Hossein Mansouri, wenn er sich an seine erste Begegnung mit der berühmten Dichterin erinnert. Mansouri nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Wenn er auf jene Nacht zu sprechen kommt, ist ihm die Aufregung noch immer anzumerken: „Eine junge Dichterin macht sich auf den Weg ans Ende der Welt, zu den Aussätzigen, um einen Film über deren Welt zu drehen“, so beginnt das Buch, das Mansouri gerade über seine Adoptivmutter schreibt. Er, Hossen Mansouri, ist der kleine Junge aus dem Dokumentarfilm, welcher 1964, drei Jahre vor Farrokhzads Tod, auch beim Filmfestival in Oberausen gezeigt wurde und  später Weltruhm erlangen sollte. Heute lebt  Mansouri als Überetzer in München und grübelt über die schier unglaubliche Geschichte, die sein Leben ist.

Der deutsche Dokumentarfilmer Claus Strigel hat 2007 über die Geschichte des 1956 in einem Lepradorf geborenen Hossein Mansouri einen abendfüllenden Film gedreht, ein dokumentarisches Märchen über ein Kind, das über Nacht aus dem Elend eines abgelegenen Dorfes in die Teheraner Boheme, in das Haus einer berühmten Dichterin katapultiert wird.

„Ich werde manchmal religiös, wenn ich an meine Vergangenheit und dieses Schicksal denke“, sagt Mansouri, der, neben anderen Zeitzeugen, in Strigels Film ausführlich zu Wort kommt. Gerade eben hat Mansouri die kraftvollen Gedichte einer anderen begabten Dichterin aus dem Iran übertragen, in der man beinahe Forough Farrokhzad zu sehen meint: der 1980 in Sarab geborenen Sanaz Zaresani, die durchaus an das Erbe  Farrkokhzads anknüpft – denn auch sie wagt in ihren Gedichten rückhaltlos ehrlich von ihren Gefühlen zu erzählen: „Mein Geliebter / ist ein Apfelbaum / dessen verzweigte Hände voller Andacht sind / und ich warte so lange / bis ein roter Apfel / der mein weiblicher Anteil ist / herunterfällt / damit ich beweisen kann / daß die Anziehungskraft meiner Augen / keine Lüge ist.“

 

„Die Geschicklichkeit begrenzter Buchstaben“ heißt das Buch, das soeben im Sujet Verlag Bremen erschienen ist und in dem die Rede ist von Männern, die

immer lächeln, zänkischen Schreckgespenstern, Eskimofrauen und dem

Schmerz des Exils. Im Jahre 2008, als der politische Druck für Zaresani zu groß wurde, verließ sie den Iran, lebte zunächst für ein Jahr in Istanbul und seit Ende 2009 in München.

Viele von ihren Gedichten sind Liebesgedichte, manchmal wird sogar der Geliebte selbst zum Gedicht oder zum Traumbild oder er versteckt sich „hinter der Nacht / hinter dem Berg“. „Ich will meine eigene Sprache haben / die Fremdsprache der Liebe“, dichtet Zaresani selbstbewußt.

Am 28. Oktober um 20 Uhr wird es, in der Reihe „Literarische Alphabete“ des Literaturforum Dresden, im Landhaus auf der Wilsdruffer Straße (Dresdner Stadtmuseum), die einmalige Gelegenheit geben, diese zwei Stimmen der modernen persischen Literatur kennenzulernen. Wer will, kann sich vorher auch den Film „Mond Sonne Blume Spiel“ von Claus Strigel anschauen, der bei DENKmal-Film in München als DVD erhältlich ist.

 

Volker Sielaff

 

Literarische Alphabete mit Sanaz Zaresani und Hossein Mansouri. Am 28. Oktober 2010 um 20 Uhr im Stadtmuseum Dresden, Wilsdruffer Straße.

(Dresdner Neueste Nachrichten v. 23./24. Oktober 2010)

 



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