88. Land der Lyrik

Litauen ist ein Land der Lyrik. Das liegt zuerst einmal daran, dass die archaischste heute noch gesprochene indoeuropäische Sprache über einen Formen- und Klangreichtum verfügt, der seinesgleichen sucht. Zum anderen hat die sowjetische Zensur bis zur Wiederherstellung des unabhängigen Staates vor zwei Jahrzehnten dafür gesorgt, dass Gedichte interessanter waren als Romane und natürlich aufregender als die gleichgeschaltete Presse, weil man in eine Verszeile Andeutungen einschmuggeln konnte, die im Klartext nie durchgegangen wären.

In der Demokratie hat die Prosa die Lyrik überflügelt – an Auflagenzahlen wie an erreichter Aufmerksamkeit. Doch Poesiefestivals sind noch immer ein fester Bestandteil des Kulturlebens, und Gedichtbände haben (bei 3,5 Millionen Einwohnern!) dieselben Auflagen wie im deutschen Sprachraum. In Litauen gibt es sie noch, die „reinen“ Lyrikerinnen und Lyriker – und nicht als Auslaufmodelle. / Cornelius Hell, DER STANDARD, Printausgabe, 23./24.7.

Besprochen wird der neue Band

Eugenijus Alisanka, „exemplum“. Gedichte. Aus dem Litauischen und mit einer Nachbemerkung von Claudia Sinnig. 112 Seiten, Suhrkamp Verlag, Berlin 2011



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