52. Müdigkeit und Neugier

Seit Jahren gehört zu jedem Pausengeplauder beim open-mike-Wettbewerb die etwas abgewetzte Behauptung, dass die vorgetragene Lyrik der Prosa meilenweit vorauslaufe. Für die wie verlangsamt tastenden Metamorphosen in den Gedichten des Lyrik-Preisträgers Sebastian Unger, Jahrgang 1978, mochte das stimmen.

Vielleicht hat die immerzu allgemein erhobene Behauptung aber eher damit zu tun, dass die Dichter wirkungsvoller das Sprachmaterial der Gegenwart zu filetieren vermögen. Auf dem Wettbewerb war vielmals eine Art Dichterjargon zu hören, der seine Effekte zuvörderst daraus zieht, ein Vokabular freizulegen, das aktuell anmutet. Bisweilen konnte das naiv wirken. Wenn immer wieder in einzelnen Gedichten ‘Latte Machiavelli’ geschlürft oder ‘mit dem arsch in richtung marktsegment’ gebetet wurde, dann suggerierten diese Kalauer ihre Gegenwärtigkeit lediglich.

Haben also die Handwerksstücke der Shortstory-Schreiberinnen ihre Leichen im Keller, so ringt der Fachsprechwahn der jungen Lyriker manchmal recht mechanistisch um Leben. Das sahen Jury und Publikum ähnlich. ‘Machen Sie doch einfach mal, worauf Sie Lust haben!’, rief Felicitas Hoppe, und alle applaudierten. / FLORIAN KESSLER, Süddeutsche Zeitung 8.11.

Hingegen erwies sich die Jury beim Lyrik-Preis als mutlos: Der am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studierende Sebastian Unger, Jahrgang 1978, schrieb über erdrückende Gefühle und Alltagsbeschreibungen – so häufig gehört, so langweilig.

Doch die Jurorin und Lyrikerin Kathrin Schmitt [!] überzeugte die beschriebene Melancholie Ungers als „vielfarbig schwarz“.

Lobend erwähnte die Jury immerhin sowohl die Lyrik-Beiträge von Charlotte Warsen und Tristan Marquardt als auch den Romanbeginn von Stefan Köglberger. …

Alles in allem war es ein starker Jahrgang. Die 250 Zuschauer haben unterschiedlich gute Texte gehört: Von epischen Landschaftsbeschreibungen (wie von Anja Kootz) über Operetten-Groteske des Selbstdarstellers Meter Mütze bis hin zu experimenteller Lyrik eines Tristan Marquardt reichte das Spektrum. / Angelo Algieri, Saarbrücker Zeitung 10.11.

Die Lyrik ging in diesem Jahr auffallend in die Breite. Statt Vers-Verdichtung wurden kreuz und quer schießende Assoziationsströme einer hyperreflexiven Empfindsamkeit geboten. Ein hoher Ernst ist am Werk, der Verständlichkeit als banausische Zumutung empfindet. Intermedial angeschlossen und auf der Höhe vielfältiger Diskurse, aber mit dem Rücken zum Publikum geschrieben wird diese neue Lyrik zum Dorfplatz für urbane Eremiten. „Dunkelfarbige Melancholie“ rühmte die Jury an den Gedichten des 1978 geborenen Sebastian Unger, der den Lyrikpreis erhielt. Seine Texte orientieren sich an der Bildlichkeit von Borges’ „Phantastischer Zoologie“ und stellen das Leben still in Epiphanien von erhabener Müdigkeit. / Wolfgang Schneider, FAZ 8.11.

Mehr verdient hätte den Preis Tristan Marquardt, dessen fragmentarisch-holprige Wortkaskaden für begeisterten Applaus sorgten und der Jury immerhin ein Lob entlockten. Seine Gedichte zeichnen eine Stimmung des gedankenlosen Dahinlebens, das vom Zufall bestimmt scheint, und den Personen nichts weiter lässt, als verwunderte Blicke in die Welt zu werfen – in „das blaue whatever / dürfte der himmel sein“, wie es in seinem Gedicht „fehl am platz am fenster“ heißt. / Julia Kohl, Berliner Zeitung 7.11.

Besonders im Bereich der Lyrik gibt es vielversprechenden Nachwuchs, zum Beispiel Charlotte Warsen und Tristan Marquardt. / blogabsatz.de

Die Publikumsjury durfte sich ja nur einen Sieger aussuchen, und dabei hatten die Lyriker naturgemäß weniger Chancen, doch Tristan Marquardt hätte es fast geschafft, der erste Sieger zu werden, der von der taz-Jury ausgesucht worden wäre. Er riss mit seinem lebendigen Vortrag das Publikum und uns fünf mit, selbst die Autoren-Jury erwähnte ihn deswegen lobend. Tristan Marquardt ist der Dichter der Zehner-Jahre, er lebt seine Lyrik, er lebt seine Texte – ich hoffe und glaube auch, dass er bald viele Preise gewinnen wird. Und natürlich auch gelesen wird! / schmerzwach.blogspot.com



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