41. Etüde

Die Texte spinnen unaufhörlich ihre Geister und verschleiern sie umso mehr. Natürlich ein Rekurs auf den ewigen Dualismus von mimesis und poiesis, und einer, der angenehm unprätentiös vorgeführt wird. Man muss sich nicht auskennen in der Geschichte des Diskurses, der von der Antike bis zum heutigen Tag nie aufgehört hat zu polarisieren. Doch nichtsdestotrotz steht man am Ende mit wenig in der Hand da – und muss einerseits sagen, dass „Geistersehen“ sprachlich durch und durch gelungene, organisch verwachsene Gedichte versammelt, andererseits jedoch zu wenig Anhaltspunkte liefert.  „Geistersehen“ bleibt eine Etüde, die meisterhaft durchexerziert wurde und gerade deswegen unbefriedigend daher kommt: Die Texte verflüchtigen sich schnell wieder, sie setzen kaum etwas in Arbeit, bleiben eine Art ziseliertes Nichts, in schöne Form gegossen und zusätzlich verschleiert. Letztlich führt Poschmann zwei Diskurse zusammen, aber: Ihre Geistersichtungen muten viel eher heimelig als unheimlich an, sie spielt das poetologische Potenzial ihres Materials nicht überzeugend aus. / Kristoffer Cornils, Fixpoetry

Marion Poschmann: Geistersehen. Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2010.



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