38. Brendels Gedichte

Der Pianist Alfred Brendel feierte am 5.1. seinen 80. Geburtstag. Zur Überraschung auch der Fachwelt, liest man, veröffentlicht er seit vielen Jahren Gedichte.*

Eine Überraschung jedoch nicht nur für die Feuilletons waren seine Gedichte, die er in eigener Lesung aus seinem Lyrik-Band „Spiegelbild und schwarzer Spuk“ als Hörbuch vorstellte. „Sprach-Capriccios in einer perfekt scheinlogischen Lakonik“ meinte dazu der Rezensent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Kollege der Süddeutschen Zeitung stieß in ein ähnliches Horn, als er die Besprechung mit „Kaustischer Witz. Spukbilder der Albernheit: Die Gedichte des Pianisten Alfred Brendel“ überschrieb. Der Erfolg dieser Lesung war so beachtlich, dass vor rund einem halben Jahr bereits die Fortsetzung „Alfred Brendel liest Vol.2“ erschien und die poetischen Exkurse um weitere humorvoll lyrische Reflexionen ergänzte. Zusammen mit dem bereits erwähnten umfassenden Video-Interview, das nun aus Anlass des 80. Geburtstags des Jubilars auch auf KlassikAkzente.de vollständig vorgestellt wird, kann man Alfred Brendel als einen universalen Künstler erleben, der die Idee von klassischer Musik ebenso wie die von künstlerischer Integrität der vergangenen Jahrzehnte nachhaltig und auf seine Weise genial geprägt hat.

Wer den Lyriker Alfred Brendel kennen lernen möchte, dem seien schließlich die beiden folgenden CDs empfohlen. Brendel liest darauf seine eigenen Werke:

  • Alfred Brendel liest aus Spiegelbild und schwarzer Spuk
  • Alfred Brendel liest Alfred Brendel Vol.2

/ klassikakzente.de

*) Im Januar 2004 schrieb Michael Braun:

Er sei, so hat Brendel deutlich gemacht, trotz seiner Bewunderung für die Kunstrevolutionäre des Dadaismus nicht an sprachexperimentellen Konstruktionen interessiert. Er bevorzugt Gedichte, die auf syntaktische und semantische Fassbarkeit setzen und Lesbarkeit nicht als Skandal empfinden. In einem programmatischen Gedicht erblickt ein «Dadaist» im Spiegel nicht nur einen verfremdeten Beethoven mit Schnurrbart, sondern auch die Elemente einer künstlerischen Dialektik, die auch der Autor für sich adoptiert hat: «Albernheit und Methode / Sinn im Unsinn / Grazie Anarchie / ein Stück Welt / zugleich absolut gar nichts.»  / Michael Braun, NZZ 15.1.

Alfred Brendel: Spiegelbild und schwarzer Spuk. Gesammelte und neue Gedichte. Carl-Hanser-Verlag, München 2003. 288 S., Fr. 34.60.

Wie ordnet man Alfred Brendel ein? Ich meine jetzt nicht Musik oder Literatur, sondern Geografie. Er wurde 1931 in Wiesenberg/Nordmähren geboren, entstammt einer österreichisch-deutsch-italienisch-slawischen Familie, studierte in Zagreb und lebt in London. Also vielleicht in Westeuropa lebender Südostmitteleuropäer.



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