3 Wochen Indien: Geselliges Kacken und unsichtbare Tiger

man möge mir diese überschrift verzeihen, aber so ist das nun mal im leben, man kommt in die absonderlichsten situationen. wie gestern berichtet, ereilte mich am abend ein jahrhundertdurchfall inklusive brechattacken. eklig, ich weiß, aber auch so ist das leben nun mal. blöderweise ereilte es mich, nachdem der rest der reisegruppe schon damit durch war. und nicht, wie ich, einer mehrstündigen busfahrt ins auge blicken musste. so kam es, dass ich um 8 uhr morgens im bus saß und nur eine frage in meinem hirn kreiste: „werde ich es schaffen, mir nicht in die hose zu kacken?“ ich setzte mich auf den platz ganz vorne neben der bustür, um im notfall schnell draußen zu sein, biss mir auf die zähne und sah missgünstig in die mittlerweile wieder entspannten gesichter meiner mitreisenden. neben zahlreichen anderen, wunderbaren eigenschaften verfügte sohan, unser reiseleiter, über die gabe, ohne großen federlesens zu verstehen, was sache war. so auch in diesem fall. als ich ihm unmittelbar, nachdem wir die stadt verlassen hatten und den bus über eher verkehrsarmes, offenes land fuhren signalisierte, dass ich raus musste, reagierte er perfekt: „sofort?“ ich: „ja.“ kurzes signal an den busfahrer und brrrrems am straßenrand.

ich stürzte heraus und raste am straßenrand entlang, bis ich eine lücke im zaun fand und sprang hinter die erstbeste, niedrige hecke. gerettet! während ich nun erleichtert tat, was ich tun musste, hörte ich in der ferne musik. bollywoodmusik. und ein tuckern. etwa so: „tucker tucker. ajawalaahuachumchumdideldum. tucker tucker.“ bollywood und tuckern kamen näher und wurden lauter. noch näher, noch lauter. und dann, als die geräuschquelle unmittelbar auf meiner höhe war, blieb sie sehen. hm. ich blickte den kleinen abhang hoch und erblickte etwas, das ich nicht für möglich hielt: einen indischen traktor. bunt angemalt, mit allerlei götterbildern und segenssprüchen. über und über mit bunten wimpeln behängt. mit geschätzten 25 insassen, die auf, in und am traktor saßen, hingen, was auch immer. aus einem lautsprecher jodelte in voller lautstärke bollywoodmusik. das hier beschriebene stellt eine typisch indische szene dar. jeder, der schon mal in indien war, kennt das. das besondere an dieser situation war nur, dass ich hinter einer hocke saß und nicht aufhören konnte zu kacken und der traktor direkt über mir stand und alle insassen begeistert und fröhlich auf mich herabblickten, lachten und ununterbrochen hello! hello! riefen. oh. mein.gott. was macht man in solch einer situation? ich tat das, was mir spontan einfiel. ich entspannte mich. ich war in indien, andere länder, andere sitten. so brachte ich zu ende, was ich zu ende bringen musste, winkte währenddessen ein paarmal hoch und rief hello! und als ich fertig war, legte ich die hände vor meiner brust zum indischen gruß namaste! zusammen, verließ unter lautem beifallsgeklatsche und gejohle den schauplatz und ging zum bus zurück. wie john wayne in seinen besten jahren.

indien. so etwas kann einem in indien durchaus passieren.

der rest der fahrt verlief zum glück ereignislos. unser tagesziel war der tigernationalpark ranthambore. in diesem reservat leben etwa 35 tiger. kurz vor der reise hatten wir darüber eine fernsehdoku gesehen und waren mächtig gespannt, ob wir einen tiger sehen würden. unsere gruppe war in optimisten und pessimisten gespalten. erstere hoffte auf eine tigersichtung, letztere war skeptisch. maria, eine mitreisende, die zeit ihres lebens im betrugsdezernat gearbeitet hatte, brachte es auf den punkt: „ich hätte eine frage: hat überhaupt schon mal jemand einen tiger dort gesehen?“ hihi, köstlich, da sprach die langjährige erfahrung mit betrügern aus der frau. alle grinsten sich einen. in ranthambore angekommen, checkten wir kurz im hotel ein und schon wartete der safarijeep auf uns. alle waren mächtig aufgeregt und hatten tigerfantasien.

ich mach es jetzt mal kurz: wir haben keinen tiger gesehen. auch am nächsten morgen haben wir keinen tiger gesehen. wir saßen gefrustet im jeep und lauschten leicht genervt den erläuterungen des rangers, der in recht unverständlichem englisch dozierte: parrrrrrot. manki. dirrrrr.“ was auch immer das war. wollte keiner so recht wissen. alles starrte angestrengt ins dickicht auf der suche nach streifen. in den zahlreichen jeeps, die uns begegneten, saßen ebenfalls gefrustete touris aller nationalitäten. den gesichtern nach zu urteilen, hatte keiner einen tiger gesehen. „mir reichts. ich will jetzt zu McDonalds!“ tönte es aus einem jeep, der uns überholte.

wenn wir am ende der reise nicht eine gruppe getroffen hätten, die einen tiger gesehen hat, hätten wir wohl alle die meinung marias geteilt und an eine große, indische tigerverschwörung geglaubt. die reisegruppe aus dem südwesten, die allesamt nicht aus der lustigen kaste stammten, hatte den tiger volle 30 minuten lang gesehen. sie zeigten uns schadenfroh ihre fotos. man konnte einen munteren, riesigen tiger sehen, der herumlief, lag und irgendwelche antilopenbeine durch die gegend schleppte. ein wunder, dass er keinen kopfstand machte. keiner aus unserer gruppe hat es den südwestlern gegönnt. keiner.

der ranthambore-nationalpark ist aber auch tigerlos ein wunderschönes stückchen erde und wir haben immerhin ein paar affen und hirsche und vögel gesehen.

3 Wochen Indien: Geselliges Kacken und unsichtbare Tiger

 

3 Wochen Indien: Geselliges Kacken und unsichtbare Tiger

 

3 Wochen Indien: Geselliges Kacken und unsichtbare Tiger


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