26. Radikal und schön

Rand

Die Frau ist vollendet.
Ihr toter
Körper trägt das Lächeln des Erreichten.
Der Anschein einer griechischen Notwendigkeit
Fließt in den Schnörkeln ihrer Toga,
Ihre bloßen
Füße scheinen zu sagen: Wir kamen bis
Hierher, es ist vorbei. (…)

Das radikale und bestechend schöne Gedicht „Rand“ stammt von der amerikanischen Lyrikerin Sylvia Plath; sie schrieb es im Winter 1963, wenige Tage bevor sie sich umbrachte, indem sie den Kopf in den Backofen steckte. Ihre Biografie ist bekannt, ein Mythos: Von ihrem Mann, dem berühmten Ted Hughes, verlassen, mit zwei kleinen Kindern auf sich gestellt, als Schriftstellerin bei weitem nicht so erfolgreich, wie sie es sich erhofft hatte, fühlte sie sich in ihren ehrgeizigen Träumen derart massiv gescheitert, dass sie ihrem Leben ein Ende setzte. Ihre Tagebücher und Briefe beweisen, wie sehr ihr daran lag, nicht nur eine berühmte Schriftstellerin zu sein, sondern auch eine perfekte Mutter und Ehefrau. Diese Ziele hat sie sich selbst gesteckt; sie fantasiert in ihren Aufzeichnungen davon. Das Gedicht, eines meiner liebsten, schildert eine auf makabre Weise positiv besetzten Vollkommenheit. Die Frau hat keinen Makel. Nur – sie ist tot. / Silke Scheuermann, Die Welt

Hier der Originaltext von Plaths Gedicht



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