15. Stück: „Gretchens Faust“ von und mit Martin Wuttke am 22.10.2010 auf Kampnagel / Hamburger Theaterfestival

Ideenrausch und Symbol-Überfluss

Das Hamburger Theaterfestival, das letztes Jahr erstmals ins Leben gerufen wurde, geht weiter. Gestern trat Martin Wuttke mit „Gretchens Faust“ in der Hamburger Kampnagel-Fabrik auf und hinterließ ein reizüberflutetes Publikum.

Es ist nicht ganz einfach aus diesem Theaterabend schlau zu werden. An sich spricht alles für ein grandioses Meisterwerk der Theaterkunst auf sämtlichen Ebenen von Licht über Ton bis hin zu Schauspiel, Regie und Sprechtechnik. Die Schauspieler spielen sich virtuos die Seele aus dem Leib, ob Martin Wuttke als exzentrischer Egomane oder der perfekt aufeinander eingespielte Frauenchor, der sich ihm entgegen stellt.

Man kann der Inszenierung auch nicht vorwerfen, dem Klassiker Faust nichts neues abgewonnen zu haben. Das nun wirklich nicht. Dieser Faust ist noch einmal ganz anders, als zum Beispiel der „Faust I/II“ von Torsten Diehl. Kam dort die düstere Seite Fausts zum Tragen, ist es hier Faust als durchgeknallter, eitler Maniker der im Vordergrund steht. Martin Wuttke spielt ihn mit zügelloser Freude an der Übertreibung in einer virtuosen Knallcharge. Sein gestisches Vokabular erinnert an einen selbstverliebten Designer, dem sein Werk, seine Kreation über alles geht. Mit einer blonden Andy Warhol-Perücke tänzelt, stolpert und stolziert er hysterisch und beinahe clownesk über den Tisch, die Stühle, ja sogar quer durch das Gebäude. Man kommt kaum hinterher.

Sicher, einige Symbole gelingt es zu entziffern. So kann man in dem Zusammenschluss dreier männlicher Hauptfiguren Faust-Mephisto-Wagner der Verfall eines eindeutigen Identitäts-Konstrukts erkennen. Es ist, als hätte man eine multiple Persönlichkeit vor sich, der immer mehr die Realität in Richtung Wahnsinn entgleitet. Den umgekehrten Fall findet man in der Aufspaltung der weiblichen Hauptfiguren Gretchen und Frau Marthe in einen neunköpfigen Frauenchor. Anders als bei Torsten Diehl, der das Gretchen auch in mehrere Schauspielerinnen aufspaltete, steht nicht jedes Gretchen für eine Facette derselben Figur, sondern ein und dasselbe Gretchen wird von neun Schauspielerinnen zusammen gespielt. Gretchen als individuelle Persönlichkeit wird aufgelöst und kann somit als Symbol für die Frau als solche interpretiert werden. Ein einzelner Mann, der neun Frauen gegenübersteht, das kann man als Geschlechterkampf sehen. Diese Inszenierung darauf zu reduzieren würde der Ideenvielfalt allerdings nicht gerecht werden.

Ein weiteres Motiv, das sich herausfiltern lässt, ist das des Rausches. Das Programmheft (Ja, dieses Mal war es problemfrei möglich, ein solches zu erwerben) weist bereits darauf hin, dass es in diesem Stück irgendwie um Rausch und dessen Rolle in der Gesellschaft geht. Und tatsächlich, die Schauspieler spielen wie im Rausch, die Ideenflut rauscht über die Zuschauer hinweg, die Symbolexplosion hinterlässt eine rauschartige Betäubung.

Ansonsten gab es noch einen echten Pudel, der mit seinem putzig-verständnislosen Blick für Erheiterung sorgte. Und eine große stumme Frau im schwarzen Barockkleid, die man genauso als Helena und ideales Frauenbild, als auch als Todesengel interpretieren kann, der drohend über Faust wacht.

Alles schön und gut. Das Problematische an diesem prinzipiell gelungenen Theaterabend ist schließlich dann auch dieser Ideenrausch. Man ist überfordert von all diesen Einfällen. Erkennt man in Martin Wuttkes Knallcharge zwar eindeutig Absicht und Stilmittel, so ist man von dieser exzessiven Spielart aber nach einiger Zeit überreizt und angestrengt.

Vermutlich ist es besonders schwer, sich von lieb gewonnenen Einfällen zu trennen, wenn man sowohl Regisseur, als auch Hauptdarsteller ist. Nichtsdestotrotz wäre es wünschenswert, wenn in solchen Fällen mehr Mut zum Kürzen vorhanden wäre. Die Kunst des Weglassens ist eine unterschätzte Kunst. Sie ist aber unbedingt notwendig für einen spannenden, unterhaltsamen und lehrreichen Theaterabend. Wenn ein Stück in zu viele Richtungen ausufert, ist der Zuschauer überfordert und fühlt sich angestrengt. Nur eine einzige mögliche Interpretation, die dem Zuschauer unter die Nase gerieben wird, ist genauso unglücklich, da der Zuschauer sich dann vor Unterforderung langweilt. Aber etwas weniger hätte dieser Inszenierung gut getan. So ist das halt mit dem Rausch. Für den Betroffenen ist das super, macht Spaß und er fühlt sich großartig. Für den Außenstehenden ist es anstrengend.

 

(Isabelle Dupuis)

 


Filed under: Kritik Tagged: Überfluss, Chor, Ensemble, Festival, Inszenierung, Kritik, Publikum, Regie, Sprache, Verfremdungseffekt

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