15. Musil an Thomas Mann

Schon zum 50. Geburtstag des um fünf Jahre Älteren hatte Musil sich in die Gratulantenschar eingereicht, ehe er 1935 ein in seiner schillernden Unlesbarkeit besonders denkwürdiges Geschenk zum 60. Geburtstag gemacht hat. Der S.-Fischer-Verlag überreichte einen Geschenkkarton mit Glückwünschen, aus denen Erika Mann mehr als dreissig Jahre später den folgenden Vierzeiler Musils an die Öffentlichkeit gab:

Wenn sich die Menge verläuft
stehen die Sterne am Himmel
und ins verschlossene Haus
kommen die Gäste von oben.

Es sind rätselhafte Zeilen – eine Reaktion Thomas Manns ist nicht bekannt, und auch die hauptamtlichen Leser der beiden Lager haben eher mit Schweigen geantwortet. Dabei kennzeichnet die Verse eine schwebende Leichtigkeit, die nicht mit Unerheblichkeit verwechselt werden sollte: Man kann sich wundern über dieses Experiment auf gleichsam neutralem Gebiet. Zunächst wird eine Erwartung enttäuscht, denn eine dem Anlass gemässe Huldigung ist nicht erkennbar. Vielmehr stellt das Gedicht behutsam andeutend zwei Dimensionen einander gegenüber und bringt sie vorsichtig in Bewegung. Im Unterschied zu dem unspezifisch bleibenden Kollektiv der sich verlaufenden Menge dringen die eigens angesprochenen Gäste auf überraschende Weise, fast wie Jesus unter die Jünger, in das verschlossene Haus. Oben und Unten stehen in einem nicht eindeutig aufzulösenden, lyrisch-schwebenden Kontrast. Ganz offenbar ist der kleine Vierzeiler nicht auf schnelle Entzifferbarkeit hin angelegt. Musil hat anspruchsvolle Vorstellungen von Lyrik entwickelt, ausgehend von Goethes späten Texten oder dem Werk Rilkes. So präsentiert er sich hier nicht als eifriger Gratulant, sondern er schenkt gleichsam ein Geheimnis, Lyrik als Wortkunst des Imaginären, nicht als Bedeutungsstiftung: Es ist die Andeutung eines nicht selbstverständlichen, eines der Menge entzogenen Vorgangs. / Mathias Mayer, NZZ



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