141. „Stunde der Wahrheit“

Im Poetenladen ein Bericht von Michael Braun über den Literarischen März. Hier drei recht willkürliche Splitter:

1

Erst wenn die Mikrophone außer Reichweite sind, schlägt in Darmstadt die Stunde der Wahrheit. Was man am Rande erfährt, in den ungeschützten, unbedachten, beiseite gesprochenen Äußerungen, ist oft lehrreicher als die eloquenten und wohl abgewogenen Diskurse auf dem Podium. Da trifft man in einem Café auf die gerade von der Jury arg gerupften Dichter, denen die Enttäuschung noch in den Knochen steckt und die sich, entlastet vom Ausgewogenheitszwang, nicht mehr zu diplomatischen Statements durchringen müssen. Einer versichert durchaus glaubhaft, dass er nur wegen des Preisgelds angereist sei und die mühsam inszenierten Lyrik-Debatten vor Ort für äußerst entbehrlich halte. Was sich beim Literarischen März in Darmstadt als feinsinniges Gespräch über die Möglichkeiten des Gedichts drapiere, sei in Wahrheit nur ein vor Klischeehaftigkeit ächzender Aufguss längst obsoleter Reizwörter.

2

Nadja Küchenmeisters Debütband „Alle Lichter“ wurde vor gar nicht langer Zeit in Darmstadt als „Buch des Monats“ ausgezeichnet. Nun traf sie jedoch das scharfe Verdikt des Jurors Raoul Schrott, der in Küchen­meisters Sehnsuchtspoesie nur einen bleichen „Maoam-Existenzialismus“ erkennen wollte.

Solche polemischen Ausritte wären diskutabel gewesen, wenn in allen Fällen so harsch und unerbittlich geurteilt worden wäre.

3

Viel zu wenig Beachtung fanden in Darmstadt die verschlossenen, in ein namen­loses Dunkel gehenden, sehr einsamen Gedichte Levin Westermanns, in denen sich ein Ich auf das eigene Verschwinden vorzubereiten scheint. Es ist beklemmend, diese verstörenden Protokolle eines Weltverlusts zu lesen, in denen das Subjekt immer mehr erstarrt und am Ende nur noch das Verstummen bleibt: „allein im wilden land aus wind und wasser, wir / erfinden eine neue art von schweigen.“ Ein Ich, das alles aufs Spiel setzt, das vom Weltgefühl der Verlorenheit umzingelt wird und dennoch spricht, am Rande des Schweigens: Für diese existenzielle Zerreißprobe noch Wörter zu finden – das ist Poesie.



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