§ 140 SGB III, Zumutbare Beschäftigungen

§ 140 SGB III, Zumutbare BeschäftigungenAlso heuerte ich doch nochmal bei einem Pizza-Service an. Ich brauchte die Kohle und das Jobcenter brauchte mich außerhalb der Statistik. Und der Boss brauchte dringend jemanden, drückte mir bei meinem Vorstellungstermin seinen Autoschlüssel in die Hand und ich fuhr prompt Pizza über die Ortschaften am Rande der Stadt. Ich hatte selten so widerliche Zeug gegessen wie das, was aus seiner Küche kam. Der Stundenlohn war ein Witz. Aber ich wollte eben meine Ruhe vom Jobcenter, weniger Termine dort über mich ergehen lassen und nicht dauernd mit Maßnahmen gedroht bekommen.

Nach meiner spontanen Fahrt stellte er mich ein. Er hieß Heinrich und ich sollte ihn duzen. Sein Laden war nicht sehr sauber. Er auch nicht. Der Typ war sicherlich jenseits der Sechzig oder einfach nur verbraucht. Gelernter Koch. Jetzt pantschte er Pizza zusammen und brachte sie an den Mann. Heinrich war vielleicht kein Nazi, aber einer dieser Alltagsnationalisten war er sicherlich. In seinem Büro hing eine Deutschlandfahne und auf seinem Handy-Display prangte ein unförmiger Reichsadler. Von Ausländern hielt er nicht viel, dass ich aber so gut Deutsch gelernt hätte, rechnete er mir groß an.
   »Ich finde gut, dass du so ordentlich unsere Sprache sprichst.«
   »Wieso auch nicht, Heini?«
   »Wegen deiner Herkunft.«
   »Ach deswegen meinst du … du, ich bin hier geboren.«
   »Wie sollen wir hier zu dir sagen?«
   »Wie meinst du das?«
   »Könnten dir ja einen deutschen Namen verpassen. Das macht die Sache für uns hier einfacher.«
   »Was ist an meinem Vornamen kompliziert?«
   »Papperlapapp, ich werde dich Berti nennen. Wie findest du das?«
   »Mach das, Adolf.«
   Heinrich grinste. Das gefiel ihm und er tätschelte mir den Hintern. Möglich, dass er schwul war. Keine Ahnung. Ich habe das nie so richtig herausgefunden.
   »Ach Berti … ich kannte mal einen Berti. Ich mochte ihn wirklich sehr.«
   »Wer kennt keinen Berti?«, antwortete ich.
   »Ja, ich mochte den Berti wirklich sehr. Hat mir viel bedeutet ...«
   Das Telefon klingelte und ich bereitete alles für meine Abfahrt vor, während Heinrich Pizza buk, las ich im Stadtplan, wohin die Reise mich führte. Über seinen Berti sprach er nie wieder. Ich war nun sein Berti.
Zwei Tage später schickte er mich in eine Kaserne, die im Umland lag. Der Wachdienst hatte mehrere Pizzas bestellt. Es waren wohl Stammkunden. Als ich dort ankam, war der Offizier vom Wachdienst und zwei weitere Handlanger damit beschäftigt, einen Flaggenappell abzuhalten. Alle benahmen sie sich wie die Roboter und behandelten das Stück Stoff wie ein Heiligtum. Ich eilte mit meinen Kartons zum Wachhäuschen, in dem ein Soldat steif stillstand, und klopfte ans Fenster. Er schaute sich mit giftigen Blick zu mir um.
   »Hallo, Sie haben Pizza bestellt.«
   »Nicht jetzt«, zischte er.
   »Hat vielleicht ein Kollege von Ihnen bestellt?«
   »Ruhe!«
   »Bin ich hier falsch?«
   »Hier findet ein militärisches Zeremoniell statt. Warten Sie einfach einen Augenblick.«
   Der Offizier hatte die Flagge jetzt gefaltet und trug sie wie ein Tablett mit Spiegeleiern vor sich her. Die beiden Tölpel marschierten hinter ihm her.
   »Leider habe ich keinen Augenblick.«
   Er sagte nichts. Rührte sich auch nicht.
   »Dann nehme ich die Sachen halt wieder mit. Schönen Tag noch.«
   »Bleiben Sie da, verdammt nochmal.«
   Der Offizier betrat jetzt das Wachhäuschen und übergab den Fetzen einen Kollegen. Dann trat er an mich heran:
   »Gibt es hier ein Problem?«
   »Haben Sie Pizza bestellt?«
   »Der Mann wollte den Appell nicht abwarten«, fiel der Typ, der die Pizza vorher nicht haben wollte, uns ins Wort.
   »Sie sollten auch als Zivilist Respekt vor den Hoheitszeichen unseres Landes zeigen. Das Einholen der Flagge ist eine zentrale Dienstvorschrift. Etwas Achtung würde nicht schaden.«
   »Wissen Sie, ich habe nicht das Glück, eine Stelle zu besetzen, in der ich mir solchen Schnickschnack erlauben kann. Wenn ich hier eine Viertelstunde warte, entgeht mir Trinkgeld und mein Chef löchert mich ewig, was ich solange angestellt habe.«
   »Schnickschnack?«
   »Na, ich meine halt, wer in trockenen Tüchern sitzt, der kann sich Vaterland und so ein pomadiges Einholen der Flagge erlauben.«
   »Ich werde mich über Sie beschweren.«
   »Haben Sie nun bestellt oder nicht?«
   Die Typen bezahlten, gaben mir kein Trinkgeld und ich setzte mich wieder in Heinrichs Auto und fuhr davon.

Im Laden eilte Heinrich auf mich zu und raunzte mich noch am Türabsatz an.
   »Was hast du dir dabei gedacht?«
   »Ich kann das erklären. Die Typen hatten dort die Ruhe weg, weil ...«
   »Hör mir mit den Ausreden auf«, fiel er mir ins Wort und kniff mir in den Arsch.
   »Das sind keine Ausreden, die haben sich nicht beeilt ...«
   »B-e-e-i-l-t? Ja, spinnst du denn völlig? Beim Einholen der Flagge beeilt? Warst du denn nie beim Bund?«
   »Nein, ich habe verweigert.«
   »Ach, du liebes Bisschen. Ein Zivi in meiner Küche!«
   »Das ist doch schon lange her.«
   »Na und? Der Bund ist die Schule des Lebens und wer die nicht absolviert hat, kriegt nie ein Bein auf den Boden.«
   Heinrich ging auf und ab. Das Telefon schrillte, aber er nahm den Hörer nicht ab. Sein Gesicht wurde rot, er stiefelte von einer Ecke in die andere.
   »Das hättest du mir vorher sagen sollen. Und ich dachte, da mache ich was Gutes, hole mir einen Ausländer in den Laden, der fast fehlerfrei Deutsch spricht.«
   »Fast fehlerfrei?«, rief ich belustigt.
   »Es ist doch immer dasselbe … nein, Kollege, so geht das nicht. Man muss vor staatlichen Einrichtungen Respekt haben. Du entschuldigst dich jetzt bei denen.«
   »Nein, Heinrich, das kannst du vergessen.«
   »Fahr hin und entschuldige dich – oder du brauchst nicht mehr kommen.«
Ich traf meine Entscheidung, holte meine Fahne ein, ließ mich auszahlen und Heinrichs Pizza-Service tat es mir etwa drei Monate später gleich und holte ebenfalls seine Fahne ein.
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