14. Weltgeist beim Bier

Von Bertram Reinecke

Wer diese Gedichte beschreiben möchte, dem mag der spätere Kolbe einfallen. Auch hier herrscht ein sonorer Ton, der der Geschichte eingedenk ist, der die Tradition kennt, das Pathos aber zurückstutzt und nur durch das Alltagsweltliche oder Geschichtliche hindurch aufblitzen lässt.

Auch mag dem Gedichtleser ein Name wie Andre Schinkel einfallen. Wie dieser legt Schulreich dem sprechenden Gegenüber oft gefeilte Sentenzen in den Mund. Insgesamt ein Sprechen, dass versucht, dem Schönen sein Eigenrecht einzuräumen, das Weltfremde, dass der klassischen Schönheit vielfach zu eignen scheint, jedoch gänzlich abzustreifen will.

Wer so vergleichend vorgeht, ist aber immer in Gefahr, seinem Gegenstand unrecht zu tun. Auch hier, insofern Schulreich leicht in den Ruch geriete den Stil größerer Kollegen zu kopieren. Er mag sie lesend kennen und schätzen, verfolgt seine eigene Arbeit aber auch schon seit über zwanzig Jahren und sein Band zeigt auch ältere Beispiele, sodass es immer ebenso gut möglich ist, dass die ostdeutschen Verhältnisse der Jahrtausendwende in ihrem konkreten So und So diesen Ton gefunden haben und dass sozusagen der (Welt)Geist der Nachwendezeit diesen Ton ausprägte in einem koevolutionären Prozess.

Es sollen darum nun die Eigenarten von Schulreichs Ton abgegrenzt werden: Gedichte der vorgenannten Dichter scheinen oft eine feine Unterscheidung zu machen: Entweder entscheiden sie sich für den Alltag dezidiert. Oder sie stellen sich auf den Standpunkt der Geschichte. Angesichts eines wichtigen Themas scheint der Alltagskram nicht wichtig. Mag er auch gewissermaßen als Zitat exemplarisch aufgerufen werden, so neigen die Texte doch dann dazu, notwendige Verrichtungen zu thematisieren. Als würden die Subjekte der Geschichte nicht zu allen Zeiten auch in der Kneipe sitzen und Bier trinken. Bei Schulreich ist das anders. Ein Gedicht über den Jugoslawienkrieg endet z.B. so:

Fett rändert im Napf, in Erregung
ich rufe und rufe nach Bier:
Ein Schrei fasst Raum, hinterm Fluß
zieht Musik auf, Engelstrompeten.
Ich zahle und sitze. Kommtgeht.

Eines über Weimar bzw. Buchenwald ähnlich:

Weimar und alle verlassen,
bar jeder Kämpfe, Krämpfe
genieße ich die pure Frucht,
habe die Schatten gezählt.

Ein letztes Funkeln von aufklärerischem Geist scheint in unseren Lektüren zu leben und schnell kommen uns solche Stellen dann beliebig oder irgendwie unsauber vor. Wenn schon Biergelüst und Schrecken gegeneneinander geschnitten werden, dann soll das Gedicht gefälligst wenigstens eine Klage über Utopieverlust enthalten oder etwas dergleichen. Bei Schulreich wirkt alles oft beiläufig, schulterzuckend, als könne man sich abfinden. Aber mal ehrlich: Wenn wir die Nase rümpfen, ist es dann nicht eher, weil wir, wenn wir lesen, doch manchmal gerne bessere Menschen wären als wir sind? Obwohl wir doch, wenn wir die Weltprobleme wälzen, auf kleine Annehmlichkeiten ebenso ungern verzichten? „Höher hinaus will ich nicht“ bekennt Schulreichs Gedicht „Von Wettern gewaschen“ und anderswo heißt es:

Wir scharen uns
einen neuen Winter um Punschgläser, Zapfhähne,
trennen uns früh, weil niemand
Gott ist am Tisch, den wir verlassen

„… Das Bier erlischt/ in unbemossten Gläsern.“ Die zweite Besonderheit die damit zusammenhängt, besteht darin, dass sich Schulreichs Texte weiter von der Alltagssprache abzusondern trachten, als der Durchschnitt der Gedichte eines Hilbig und Kolbe, beziehungsweise, dies an Stellen tun, wo es diese beiden Dichter nicht für notwendig erachteten. „Wenn“ und „als“ sind sehr häufig durch das gehobene „da“ ersetzt. Inversionen tauchen plötzlich aus einem viel zurückhaltenderen Sprechgestus hervor:

hören den Spatzen zu die neuerliche Nester baun
unter dem First. Hinter der Stirn brüten wir aus
was niemals wir beginnen …

Im ruhigen prosanahen lose gebundenen Sprechen schwimmen Verse mit, die von der Gespanntheit an Hölderlin oder Klopstock erinnern: „da sind, die ich aus den Sinnen verlor, rücken Stühle“ heißt es im Gedicht „Nachtwerk“ oder „Höbe ich jetzt die Hand aus dem Blatthaus, ich könnte“…

Wenn mir die Funktion solcher auffahrenden poetischen Gesten nicht immer klar wird, so machen sie doch unaufdringlich fühlbar, dass hier etwas zusammengedacht wird, was ansonsten fein säuberlich in getrennten Schubladen liegt.

„Den Leipziger Südraumdichter Ekkehard Schulreich einen Schöngeist zu nennen, fällt schwer, und wahrscheinlich würde er solch Etikett auch als finstere Beleidigung vermerken“, stellt denn auch der Kollege Norbert Weiß im Nachwort fest. Schulreichs Dichtung ist eng mit dem Südraum von Leipzig verbunden. Als Lokalredakteur tut er sich auch beruflich dort um. Und wenn man bei Sächsischem Habitus und Kohleabbaggerung sofort an Hilbig denken mag, ist das nicht seine Schuld. Er hört sich unter den gleichen Leuten um. Er kennt seine Leute, weiß was sie wissen, schreibt für die, die das erlebt haben. Er zitiert etwa vefremdet das Lied: „Soldaten sind vorbei marschiert“, bezieht sich auf vergangenen Funktionärssprech „… ehe/ der Schichtbus uns verlud in die Schlacht“ oder scheidet alte Zumutungen und neue gegeneinander:

… Meine Hand
für mein Produkt; Hands up, Lady, hands up!
In der Straße der Besten, zwischen Abba,
silikongerundeten Schönen im Spind, Silikose

Das ist eine ganz andere Haltung als sie Hans Ulrich Treichels Gedichte verkörpern, der der gleichen Gegend vor einigen Jahren ebenfalls einen Gedichtband widmete. Wo Treichels Ironie eher eine (melancholische) Distanz zu seinem Gegenstand wach hält, nutzt Schulreich dies Mittel, um gesellschaftliche Geltungsansprüche anzugreifen. (Lediglich, dass sie auch die Geltungsansprüche des lyrischen Ichs manchmal ironisch unterlaufen, stellt eine gewisse Gemeinsamkeit zwischen beiden Dichtern her.) Während jedoch Treichel aus dem Detail vor allem exotisches Kolorit für seine allgemein (West)menschlichen Beobachtungen zieht, und man sich fragt, ob etwa in seinem Gedicht „Interregio Berlin – Leipzig“ die „Kekse [..] aus Zwickau“ nicht ebenso aus Delitzsch und der „Kakao aus Plauen“ nicht ebensogut aus Radebeul stammen könnten, schreibt Schulreich eher wie ein Lokaljournalist, der „lebensecht“ zeichnet, weil er den Portraitierten am nächsten Morgen wieder auf der Straße (bzw. beim Bier) begegnet. (Man hört, dass sein Verleger auf den Autor durch eine Lesebühne in dieser Gegend aufmerksam wurde.)

Interessante Gedichte und Prosagedichte, die zeigen, dass es auch nachdem der Ziegelstein „Es gibt eine andere Welt“ mit sächsischen Gegenwartsgedichten erschienen ist, dort noch Stimmen gibt, die man neu für sich entdecken kann.

Ekkehard Schulreich „Fette Jahre“. FHL Verlag. 154 Seiten Hardcover mit Lesebändchen mit Ilustrationen von Eckhard Zehne, 18 Euro



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