124. Größe, Goethe, Grünbein

Wer heute an Gedichte denkt, den überkommt ein leises Gefühl des Peinlichberührtseins, noch bevor die erste Strophe gelesen ist, sind Bilder*) im Kopf: Lesebühnen, auf denen dünnstimmige Männer aus bärtigen Mündern ihre gereimten Existenzängste ins Mikrofon flöten, im Hintergrund Nieselregen; Volkshochschulkurse, in denen breithüftige Frauen ihr Staunen über glitzernde Mondsicheln oder flauschige Katzenpfoten zu holprigen Versen spinnen, bevor sie im nächsten Monat die Seidenmalereiklasse belegen; Szenen von stillem Protestieren und inszenierter Harmonie, ästhetische Kleinkunst, die einen gähnend oder angewidert zurücklässt. Was ist Lyrik anderes als das Posaunen einer längst bekannten Botschaft in gewundener Sprache, anklagend und wimmernd?

Moment, meldet sich gleich das schwere Gewissen der deutschen Kultur, darf man so denken im Land von Goethe und Grünbein? / Mara Delius, Die Welt

*) sinnfälligerweise verlinkt das Wort im Welt-Original auf die Welt-Bildergalerien



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