100. Segen

Ja aber, sagt sich der aufgeklärte Mensch, im Mittelalter waren sie für solchen Zauber noch zugänglich, heute sind wir klüger. Das ist Quatsch. ‘Die Gehirne unserer mittelalterlichen Vorfahren arbeiteten wie die unseren.’ Und gesunde Gehirne gottgläubiger Menschen, stellt Ernst fest, funktionieren unter den gleichen neuronalen Arbeitsabläufen wie gesunde Gehirne von Atheisten. Weil im Mittelalter die Religion das Leben bestimmte, weil die Menschen zum Beispiel noch alle Siebenschläfer mit Namen aufzählen konnten und die Bibel in- und auswendig kannten, auch wenn sie des Lesens nicht mächtig waren, verfügten sie über ein Sensorium, das säkularen Menschen abhanden gekommen ist. Ein Sensorium, das auf der Kenntnis von Heiligenlegenden basiert und das Voraussetzung ist, um Segenssprüche neuronal zu verarbeiten. Die Mediziner des Mittelalters glaubten an die psychosomatische Wirkung des gesprochenen Wortes. Der Schulmediziner des 21. Jahrhunderts bezeichnet es als ‘elektrochemisches Potential’. / RUDOLF NEUMAIER, Süddeutsche Zeitung 19.12.

WOLFGANG ERNST: Beschwörungen und Segen. Angewandte Psychotherapie im Mittelalter. Böhlau-Verlag, Köln-Weimar-Wien, 2011. 386 Seiten, 49,90 Euro.



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