Zwischen Tee und Pommes – Zugezogen Maskulin im Interview

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Berlin. Ein verregneter Freitag Abend. Typisch für diese Jahreszeit. Gleich stehen grim104 und Testo von Zugezogen Maskulin auf der Bühne im What?! Club. Doch vorher treffen wir uns noch auf Tee und Pommes mit den Jungs und reden über aktuelle Projekte, den 1. Mai und was die Zukunft sonst noch so bringt…

Zwei Berliner Jungs, deren Bandname sich ja auch irgendwie auf Berlin bezieht, finden sich jetzt bei einem Hamburger Kultlabel wieder. Wie passt das zusammen?

grim104: Gegenfrage: Welches große Berliner Label sollte sich unserer annehmen? Es gibt ja eigentlich kaum noch klassische Berliner Raplabel. Was ja eigentlich auch ganz gut ist, weil sich das Ganze gesundgeschrumpft hat. Ich wüsste also gar nicht zu welchem Label ich sonst gehen würde – außer natürlich Noch mehr Ketten Entertainment.

Testo: Ich sehe das nicht so, dass man als Zugezogen Maskulin nur in Berlin signen durfte. Chimperator hätte aber eigentlich vom Schwabenfaktor noch gut gepasst.

grim104: Nichts gegen die Orsons!

Auf eurem jetzigen Label waren ja früher Samy, Beginner und Co. Habt ihr das früher gefeiert?

Testo: Nö!

grim104: Ja! Also Testo hat es nicht so gefeiert, aber das war meine Deutschrap-Sozialisierung.

Testo: Ich hab das gar nicht gefeiert. Ich hab eigentlich immer nur Berliner Rap gehört und da war Hamburg ja schon so verschrieen und voll uncool und voll whack. Ich habe das dann auch nicht gehört weil das nicht Gangster war. Yeah!

Du hast aber aktuell Denyo in deinem Video?

Testo: Ja, man wird ja auch älter und reifer und überdenkt auch mal ein paar Ansichten. Denyo ist ja sowieso Gangster – das ist ja klar!

Das Feedback zu euren aktuellen Projekten ist ja schon ziemlich krass. Falk hat euch auf Facebook in den Himmel gelobt…

grim104: Ich wusste ja, dass Falk auf dem Konzert war und hab beim rappen dann immer so zu ihm rübergeschaut. Und ich dachte die ganze Zeit, dass er uns voll hasst und richtig scheiße findet. Und dann fand er es aber doch ganz geil.

Testo: Der hat innerlich gepogt.

Und die JUICE hat die grim104 EP auch als Überraschung des Jahres betitelt…

grim104: Da habe ich mich dann auch wahnsinnig drüber gefreut, weil das sind Adelungen mit denen ich nicht gerechnet habe. Ich dachte bei der EP, dass ich vielleicht in der Homegrown Abteilung besprochen werde…aber Überraschung des Jahres ist schon krass. Ich weiß ja, dass es cool geworden ist, sonst hätte ich es nicht gemacht. Aber diese Vorstellung, wie ich zuhause sitze, im Hintergrund laufen die Simpsons ohne Ton und ich schreibe meine Text – das ist absurd. Da freue ich mich doppelt, dass das so gut angekommen ist.

Hat das Signing deine Art zu arbeiten beeinflußt?

grim104: Die EP war während dieses Signings ja schon in der Entstehungsphase und es war schon fast alles geschrieben. Dadurch war dieses andere Denken sowieso gar nicht vorhanden und ich musste mir nicht überlegen, ob ich jetzt Samy disse oder doch nicht.

Habt ihr eure Solotracks wirklich auch komplett Solo geschrieben und aufgenommen? Oder war der jeweils andere immer irgendwie involviert?

Testo: Das hat wirklich jeder alleine hinter verschlossenen Türen gemacht. Man hat sich das natürlich zwischendurch immer mal gezeigt, aber es ist eigentlich komplett auf dem eigenen Mist gewachsen.

grim104: Töte deine Helden von Testo war für mich der auschlaggebende Punkt überhaupt eine EP zu machen – die war einfach sooo gut. Und ich fand es dann auch geil Sachen zu machen, die man so als Zugezogen Maskulin nicht machen könnte oder auch mal Sachen abzuhandeln, die man mit ZM nicht abhandeln könnte oder möchte.

Testo: Ich finde auch man sollte einem Künstler da gar nicht reinreden, weil jeder hat seine einige Vorstellung, wie er sich ausdrücken möchte. Wenn wir mal etwas bemängelt haben, dann waren das Kleinigkeiten wie Atmung oder ein einzelnes Wort – also handwerkliche Sachen.

Findet ihr eure Releases passen zueinander oder stehen die EPs eher im Gegensatz zueinander?

grim104: Ich finde unsere Releases gehen so puzzelstückmäßig ineinander über. Testo hat ja mit dem Track Yolo seine Dorfjugend oder Kleinstadtjugend – entschuldigung – abgehandelt. Und ich fand das so gut, dass ich dann mein eigenes Yolo machen wollte, was dann Frosch geworden ist.

Testo: Ich finde auch, dass sich das überhaupt nicht entgegen steht, sonst würden wir auch als Zugezogen Maskulin irgendwie nicht zusammenpassen.

Es unterschiedet sich aber definitiv von den Zugezogen Maskulin Projekten?

grim104: Ja, das fand ich auch so schön. Sich noch einmal auszukotzen über all das, was in einem so nachglüht und dass man jetzt all das endlich mal ausgesprochen hat. Vor dem kommenden Zugezogen Maskulin Projekt wollte ich sagen können: Jetzt habe ich mich einmal ausgekotzt und jetzt kann ich mit ZM wieder etwas anderes machen und mich über andere Dinge auskotzen. Das fand ich ganz wichtig.

Testo: Bei mir war das gar nicht so, dass ich mir dachte, ich will jetzt was machen, was ich bei ZM nicht machen kann oder darf. Ich hatte einfach Bock darauf etwas eigenes zu machen und mich auch selbst als Künstler weiterzuentwicklen. Das war meine Intention dahinter.

Wurde die Hook von Der kommende Aufstand aus der grim104 EP One Take aufgenommen?

grim104: Ich bin der technisch limitierteste Rapper der Welt. Aus der Savas Kunsthandwerkerperspektive gesehen weiß ich selber, dass ich nicht der gottbegnadede Flexer bin. Deshalb könnte es sein, dass da ein wenig gecuttet wurde. Ich habe sowieso immer den Anspruch, das komplett atemlos in das Mic reinzukrächzen. Es könnte deshalb sein, dass diese Hook nicht One Take aufgenommen wurde.

Auf der grim104 EP gibt es den Track 2. Mai, der sich ja irgendwie mit dem 1.Mai beschäftigt. Was macht ihr am 1. Mai?

grim104: Ich bin da tatsächlich wie so ein Raubtier, dass immer um das Feuer schleicht. Ich bin immer rumgezogen. Es ist eigentlich immer so behindertete und besoffene Randale vorm Kottbusser Tor gewesen. Letztes Jahr habe ich da 5 Euro gefunden, aber ich stand da neben andern schaulustigen Affen und dachte nur noch: Irgendwie ist das Quatsch.

Testo: Also ich war auch früher immer da, weil ich so dachte das müsste man gesehen haben und mitmachen. Aber irgendwann habe ich dann gemerkt, dass es einfach nur anstrengend ist weil man in dieser Menge zwei Stunden vom Bierstand zum Bratwurststand braucht. Man ist eigentlich nur damit beschäftigt sich durch diese Menschenmassen zu wühlen und trinkt dann drei Bier und isst eine Bratwurst und gibt dafür Unsummen aus. Das ist einfach nur Kacke und anstrengend. Deshalb fahr ich da auch nicht mehr hin sondern chill irgendwo und grill.

Kotzt euch eigentlich dieses “Alle haben sich lieb” und “Jeder mit Jedem” in der deutschen Rapszene an?

grim104: Ich wollte ja ursprünglich, dass die EP “Alle gegen Alle” heißt. Ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn Leute sich mögen und vertragen – das ist auch gut und wichtig. Aber was ich eklig finde ist, wenn sich Leute mögen und vertragen, weil es der aktuelle Trend einer Jugendkultur ist, dass eine Harmonisierung von Deutschrap stattfindet. Ich mag halt auch Spannungen und Musik, die Spannungen erzeugt. Ich mag auch schöne Musik. Es muss nicht immer alles sperrig und brachial sein. Aber auf Dauer langweilt es mich halt.

Müsst ihr immer in einer bestimmten Stimmung sein wenn ihr einen gewissen Text schreibt? Oder könnt ihr bei strahlender Sonne und Vogelgezwitscher im Park auch einen richtig düsteren Song schreiben?

Testo: Die besten Texte schreibt man wirklich, wenn man sich nicht sagen muss, ich schreibe jetzt noch einen Text darüber und darüber, sondern wenn man das einfach in sich hat. Wenn da dieser Brocken ist über den man jetzt unbedingt schreiben will. Musik soll auch eine gewisse Stimmung ausdrücken und damit eine Brücke zum Hörer schlagen und dann ist es natürlich tausend Mal besser, wenn man auch dieses Stimmung hat, anstatt wenn man wirklich am Reißbrett mathematisch druchkonziptiert, wie es klingen und wen es ansprechen soll – was halt andere Künstler gerne machen.

Gibt es bei euch so etwas wie eine Zielgruppe?

Testo: Bei uns war das eher so, dass wir die Musik gemacht haben und dann gesehen haben, wen es angesprochen hat. Das fanden wird dann selbst sehr interessant.

grim104: Am Anfang war es tatsächlich so – um mal ein Kool Savas Zitat zu bringen – “Ich mach nur Musik für meine Crew”. Und das ist halt wirklich so. Es war so, dass ich wusste dass ein paar Freunde es feiern und lustig finden wenn ich die und die Line bringe und dadurch, dass es dann aber ein paar mehr Leute gibt die ähnlich ticken, hat sich das dann erweitert. Wir haben da eine sehr heterogene Zielgruppe, aber das finde ich gut. Ich mag das.

WIe läuft das bei euch mit dem Beatpicking? Kommt ihr da schnell auf einen gemeinsamen Nenner?

grim104: Ja, das passt. Bei den Sachen, die wir für das kommende ZM Album gepickt haben, sind wir schnell auf einen Nenner gekommen.

Testo: Ja eigentlich schon. Natürlich feiert man nicht alles, was der andere auch feiert. Aber es war auch nicht so, dass man jetzt ewig lange gebraucht hat um sich auf etwas zu einigen. Das war ein ziemlich angenehmer Fluß.

Wann soll das Album kommen?

grim104: 2014. Es wird warm sein. Das hatte ich zwar für meine EP auch gesagt und jetzt sitzen wir hier, aber naja. Das wird passen!

Testo: Also wir sitzen daran uns daran zu setzen. Wir bereiten uns vor uns darauf vorzubereiten. Wir fangen bald an anzufangen.

Was ist euer persönlicher favorite Track von eurer jeweils eigenen EP?

Testo: Keine Ahnung Wo. Das ist einfach der beste Track von mir. Weil er aber eben auch aus so einer Stimmung heraus entstanden ist, wo Uni, Arbeit und Musik zu viel wurden für mich. Und aus dieser Stimmung heraus ist der Song dann entstanden. Das ist jetzt Next Level Shit von mir aus gesehen.

grim104: Frosch finde ich am besten. Das ist immer das Lied, das ich mal machen wollte und das ist es auch geworden. Und es hat ein geiles Video.

Testo: Ich finde auch Frosch am geilsten.

 Danke.

Foto von Marc Cantarellas-Calvó


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