Zweinzelkind

Die Maus ist im Kindergarten, ich gieße mir eine heiße Tasse Kaffee ein, werde langsam fit und spiele mit dem Mäuschen auf dem Teppich im Wohnzimmer. Sie schleppt mir Bücher an, die wir schon hunderfach angesehen haben, macht "Wau!" zu allem, was vier Beine hat, rennt auf ihren kleinen Beinchen durch die Wohnung und ist so schnell von allem begeistert, was man mit ihr macht. Oder wir gehen spazieren, bummeln gemütlich mit dem Kinderwagen durch die Altstadt. Sie zeigt auf alles und winkt jedem, alles ist "Bau!" (Baum, ihr neustes Lieblingswort), sie lässt mich sogar in Kleidungsgeschäften nach langweiligen Mamasachen gucken. Dann setzen wir uns an den Markt oder an den See und spielen Nachlauf oder Ball -  und ist dabei so niedlich, ich könnte sie einfach nur knuddeln.
Das Mäuschen ist beim Papa und die Maus und ich machen Große-Mädels-Nachmittag zusammen. Das ist unser monatliches Ritual und wir genießen es beide sehr. Wir gehen in die Stadt, lesen stundenlang Bücher in der Kinderecke der Stadtbücherei, gucken uns jedes Spielzeug im Kinderladen genau an, kaufen auch meistens eine Kleinigkeit, futtern ein Eis beim Lieblingseisladen oder Crêpes am Marktstand. Dann geht es noch auf den Spielplatz, wenn das Wetter mitspielt und wir rutschen, rennen, schaukeln und toben.
Sie ist so ein Schatz, schon meine richtig große Maus, mit der man Spaß haben und sich unterhalten kann -
und ist dabei so süß, ich könnte sie einfach nur knuddeln.
Doch wehe, wehe sie treffen aufeinander!
Sobald die Maus die Augen aufmacht und das Mäuschen ins Zimmer stürmt (wir sind meist schon vor der Großen wach) ist die Ruhe und Niedlichkeit vorbei. Beide verwandeln sich binnen Sekunden in Stressmonster! Mäuschen zieht Maus an den Haaren, Maus jagt Mäuschen durch die Wohnung (finden alle spaßig, nur die Mama nicht um diese Uhrzeit), Mäuschen wirft Mausens Stifte durch das Zimmer, Maus schreit wegen dieser Aktion Zeter und Mordio, Maus versteckt Mäuschens Schnuller so im Bett, dass dieses ihn nicht mehr finden kann, Mäuschen brüllt wegen dieser Aktion wie am Spieß.
Sobald die Maus aus dem Kindergarten kommt und das Mäuschen Mittagsschlaf gemacht hat, ist die Ruhe und Niedlichkeit wieder vorbei. Beide verwandeln sich binnen Sekunden in Terrormäuse! Mäuschen lässt Maus nicht in Ruhe mit Mama ein Buch angucken, Maus sieht es nicht ein, dass Mäuschen mit ihrem Playmobil spielt, Mäuschen hat keine Lust zu warten, bis Mama und Maus ein Bild beklebt haben und wütet in der Küche, Maus hat keine Lust zu warten, bis Mama und Mäuschen Bauklötze gespielt haben und sitzt laut meckernd und trotzig in der Ecke.
Es könnte alles so einfach sein. So schön. So friedlich. So perfekt - wenn man ein Zweinzelkind hat. Sobald daraus jedoch ein Geschwisterkind wird, ist es nicht mehr zu bremsen. Beinahe unheimlich, wie Kinder diesen Schalter umlegen können. Und auch verständlich. Nichtsdestotrotz auch grauenvoll anstregend für die arme Mutter, die sich in solchen Momenten sogar sträflich an Goethe vergreift:
Zwei Seelen wohnen, ach! in ihrer Brust,
die eine will sich von der andern trennen:
Die eine hält in derber Schwesternlust
sich an die Maus mit klammernden Organen;
die andre hebt gewaltsam sich vom Frust
zu den Mäuschens Stofftierahnen. 

Und wie immer tue ich das, was man als Mutter immer tut. Ich warte, bis eine bessere Zeit kommt, in der wir alle drei gemeinsam auf dem Teppich im Wohnzimmer spielen und Bücher ansehen können und bis ich keine Zweinzelkinder mehr brauche, um sie zum Knuddeln süß und niedlich zu finden. Und falls jetzt hier jemand liest, der schon ältere Kinder hat als ich: 
Bitte zerstört nicht meine Hoffnungen. Lügt einfach. 

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