Zweifel am richtigen Weg

Manchmal denke ich, ich bin nicht die richtige, passende Mama für meinen Großen. Zwar insofern passend, als dass ich ihn in vielem gut verstehe, sicherlich besser als die meisten anderen Menschen. Passend auch insofern, als dass ich sehr viel Wert auf die Gleichwürdigkeit, Integrität und Selbstbestimmtheit meiner Kinder lege, was gerade für ihn so wichtig ist. Passend insofern, alte Muster nicht wiederholen zu wollen und sich ständig zu hinterfragen und zu reflektieren. Passend auch darin, viel Geduld für ihn aufzubringen (zumindest wenn es mir selbst gut geht), ihn vor dem zu schützen, was ihm nicht gut tut, ihn immer wieder emotional abzuholen und aufzufangen. Ständig über ihn nachzudenken, zu sprechen, zu schreiben, ihn nie aufzugeben.
Aber ich schaffe es einfach nicht, seine guten Seiten aus ihm hervorzulocken. Er ist bei uns zuhause, also im familiären Rahmen, oft so widerspenstig, launisch, motzig, nölig, unsozial und für nichts zu begeistern. Er hat (viele) Tage, da meckert er nur herum, man kann ihm nichts recht machen. Wie beispielsweise in unserem letzten Kurzurlaub. Ob man auf ihn eingeht oder nicht, es ändert nichts an seiner schlechten Laune. Man bekommt einen Fußtritt nach dem anderen. Er ist jetzt phasenweise sehr frech und respektlos uns gegenüber, ärgert seine kleine Schwester sinnlos am laufenden Band und führt sich auf wie ein kleiner pubertierender Jüngling. Ich versuche dann auf alle erdenkliche Art und Weise, ihn wieder ins Familienleben zurückzuholen, aber es prallt alles an ihm ab. Dann denke ich oft, vielleicht bin ich nicht die richtige Person dazu, weil er seine Probleme bei mir eben nicht hinter sich lassen kann. Weil ich ihn kenne und versuche, auf seine Eigenarten und Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen.
Noch nie haben wir solche Berichte aus der Kita oder von den Eltern seiner Freunde gehört, von den selten präsenten Großeltern auch nur marginale Anklänge. Keiner außerhalb unserer Kernfamilie kann sich vorstellen, dass er manchmal wirklich so ist wie beschrieben. Weil es keiner außer uns je in dem Ausmaß erlebt hat. Der Kontrast ist einfach so extrem. Ich weiß, dass er sich in der äußeren Welt (und dazu gehören auch die Großeltern) enorm anpasst, vieles unterdrückt und später kompensiert. Von den Auswirkungen können wir ein Lied singen. Nach der Kita war er lange Zeit nachmittags ungenießbar und ließ seinen Frust und seinen Anpassungsdruck an mir aus. Nach seinen Besuchen bei den Großeltern verhielt er sich auch immer sehr aufmüpfig, launisch und wirkte wie umgepolt. Das kann ich alles theoretisch und emotional verstehen und nachvollziehen, weiß auch, dass es wichtig ist, zuhause einen sicheren Hafen zu haben, wo er sich fallenlassen kann. Aber immer auf Kosten der anderen Familienmitglieder? Immer so, dass alle leiden, schlecht gelaunt sind und sauer auf ihn werden? Ich weiß nicht, ob ich das als positiv ansehen soll.
Vielleicht wäre eine Mama, die weniger auf ihn eingeht, ihn mehr ignoriert, ihn nicht so versteht, besser für ihn, weil ihn das nicht so unter Druck setzen würde. Eine, die wie die Erzieherinnen in der Kita ihn einfach wie ein unbeschriebenes Blatt annehmen würde, so dass er viel mehr seine positiven Seiten zeigen könnte. Oder eine, die es einen feuchten Dreck schert, wenn er mit sich und uns kämpft. Doch wie soll das gehen? Wir haben eine gemeinsame Geschichte, die unsere Beziehung prägt, und diese ist schwierig. Die Hilflosigkeit aus der Babyzeit fühle ich genauso immer wieder in diesen Phasen. Warum ist das so, warum nur mit diesem Kind? Warum fühle ich mich mit der Kleinen nie grundsätzlich hilflos, auch wenn ich natürlich manchmal genervt oder überfordert bin? Warum wird das, was wir an Liebe und Verständnis in ihn "investieren", so oft mit Füßen getreten? Wieso schafft er es, in der äußeren Welt, wo er häufigeren und strengeren Reglementierungen und Vorgaben ausgesetzt ist als zuhause, so gut zu funktionieren? Vielleicht braucht er das? Vielleicht braucht er ein Gegenüber, das sich nicht darum kümmert, wie es ihm mit bestimmten Aussagen geht? Vielleicht braucht er Eltern, die ihre Aufgabe darin sehen, ihn durch Maßregeln und Bevormunden zu erziehen? Bei solchen Menschen verhält er sich komischerweise viel angepasster und freundlicher als bei uns. Das ist ernüchternd und lässt mich oft zweifeln.
Ich bin sehr empathisch und voller Verständnis für seine physischen und emotionalen Wunden. Ich bin sehr freiheitsliebend und reglementiere wenig. Ich selbst brauche viel Struktur, aber ich hasse sinnentleerte Regeln und Vorschriften. Vor allem wenn sie nicht reflektiert sind, sondern als leere Hülsen oder aus einer Tradition heraus benutzt werden. Ich habe mich immer nach einer Gleichwürdigkeit von Kind und Eltern gesehnt, mein ganzes Leben lang. Das will ich eigentlich zuhause praktizieren. Was aber, wenn das gar nicht der richtige Weg ist, um dem Großen gerecht zu werden? Wenn das zwar meine Sehnsucht ist, aber er etwas ganz anderes braucht. Er weiß, dass er sich jederzeit bei mir fallenlassen kann und ich sein Netz bin, auch auf Kosten meiner eigenen Kräfte. Aber ist das gut? Braucht er vielleicht vielmehr eine deutliche Grenzsetzung meinerseits? Braucht er jemanden, der es "Zirkus" nennt, wenn er weint und ihm sagt, er soll damit aufhören? Braucht er jemanden, der seine Haut- und Geruchsempfindlichkeit nicht so ernst nimmt wie ich, der sagt, er solle sich nicht so anstellen? Komischerweise zuckt er bei solchen Aussagen von Außenstehenden nicht mal mit dem Mundwinkel. Manchmal sehe ich ihm an, wie es in ihm arbeitet, aber er schluckt das alles. Er schluckt von anderen Vorschriften und Verbote, er schluckt ständige Reglementierungen und Unverständnis, er macht mit, er passt sich an und ist ein absolutes Vorzeigekind. Wie schafft er das? Und warum profitieren wir zuhause nicht ein bisschen davon?
Ist es ein Zeichen guter Bindung, wenn ein Kind sich mit all seinen Launen und Emotionen zuhause fallenlässt oder doch eher Ausdruck einer schlechten Beziehung, weil ihm die emotionale Integrität und die Grenzen der anderen Familienmitglieder schlichtweg egal zu sein scheinen? Zeugt es von einer guten "Erziehung", dass er in fremder Umgebung ein Kind ist, über das alle voll des Lobes sind, oder sollte er nicht doch besser zuhause freundlich zu seinen nächsten Angehörigen sein? Warum ist er so motzig und aufmüpfig, wenn er aus einer fremden Umgebung (Großeltern, früher auch Kita) zu uns zurückkehrt? Weil er sich bei uns nicht wohlfühlt, nicht gut aufgehoben fühlt, oder weil er viele unterdrückte Stimmungen kompensieren muss?
Ich versuche ihn so zu behandeln, wie ich gern als Kind behandelt worden wäre. Aber vielleicht ist das gar nicht passend für ihn? Schließlich ist er ja ein ganz anderer Mensch, mit einer anderen charakterlichen Zusammensetzung und anderen Bedürfnissen. Er äußert ja auch nicht wirklich, was ihm fehlt, was er vermisst. Er schreit, dass er sich über etwas ärgert, und das sehr vehement. Genau die gleichen Anlässe sind ihm aber im äußeren Leben nicht einmal eine kleine Meckerei wert. Welche Mechanismen aktiviert er, dass er darüber hinwegsehen kann? Warum funktioniert das nicht bei uns?
Ich hoffe, ihr versteht, was ich meine. Ich will gerne weiterhin sein Auffangnetz, sein sicherer Hafen sein, wenn es denn so ist, dass er sich bei uns so extrem anders zeigt. Aber wie kann ich wissen, ob er nicht vielleicht einfach eine andere, striktere Umgehensweise braucht? Andererseits, wenn ich ihn nicht auffange, wer soll es dann tun? Wenn ich bedenke, wie oft ich ihn schon geschützt habe, weil ich seine Besonderheiten kenne und teile. Ich weiß, wie es ist, wenn ein Kind niemanden hat, der es wirklich versteht. Aber vielleicht ist das bei ihm anders? Ich habe ja schon einmal darüber geschrieben, dass das mit dem Bauchgefühl eine schwierige Sache ist. Das gilt hier auch. Woher soll ich wissen, ob mein Ansatz passend für meinen Großen ist? Vor allem, wenn ich - wie schon zu Babyzeiten - soviel unschönes Feedback von ihm bekomme. Ich zweifle, mal stärker, mal weniger.
Andererseits kann ich auch gar nicht aus meiner Haut heraus. Ich werde nie eine Mama werden, die ihre Aufgabe darin sieht, ihre Kinder zu bevormunden und zu reglementieren. Ich hasse sowas. Ich bin weich, ich bin biegsam, ich bin entgegenkommend, ich versuche, verständnisvoll zu sein, ich tröste, ich halte, ich fange auf. Was die Kleine betrifft, zweifle ich nicht eine Sekunde an meinem, unseren Weg. Das Verhalten des Großen aber macht meine Überzeugungen mürbe und mich selbst ehrlich gesagt auch oft traurig. Ich möchte so gerne, dass er zuhause nicht nur seinen sicheren Hafen hat, sondern sich auch wohlfühlt und dies zeigt. Wie kann ich das bei diesem Kind nur schaffen?

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