Zweifel

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Paracas-Cuzco. 803 Kilometer. Von der Pazifikküste in die Anden. Viel zu spät, noch völlig matt vom Rum und Marihuana, setzte ich mich erst mittags auf mein Motorrad. Am späten Nachmittag erreichte ich Nazca – die berühmtem Nazca-Linien ignorierte ich. Ich tanke dort noch einmal voll, kaufte mir Brot, Obst und Joghurt – für den Fall, dass ich die nächste Stadt, Puquio, in 155 km Entfernung nicht mehr erreiche. Der Himmel färbte sich bereits magenta-farben.

Kurz nach Nazca ging es steil bergauf. Der Himmel zog sich zu. Es wurde grauer, kühler. Ich drückte aufs Gas. Und dann: Regen. Ich wurde langsamer, die Kurven schienen mir zu steil. Auf über 3.500 Metern wurde der Nebel dichter. Ich wurde noch langsamer. Die Regentropfen wurden größer, lauter. Wind pfiff durchs Visier. In den höheren Lagen musste ich immer öfter LKW überholen. Dass ein Gros des Gegenverkehrs ohne (!) Licht fuhr, machte es nicht einfacher. Teilweise fuhr ich Kilometer hinter den stinkenden grölenden Sattelschleppern hinterher. Überholen wurde immer riskanter. 100 Kilometer noch bis Puquio. Mein Schuhe wurden nass, die Füße begannen zu frieren, die Hände wurden taub. 4.200 Meter. Schließlich erreichte ich ein Hochplateau. Wenige Kilometer verschnaufen. Kurz darauf ging es abermals hoch. Ich begann mich nach einer geeigneten Camping-Möglichkeit umzusehen, ich zweifelte Puquio zu erreichen. Schließlich entschied mein Körper. 80 Kilometer noch, bei diesem Tempo, unter diesen Umständen … zu weit weg.

Hastig schlug ich mein Zelt auf, streifte meine von Regen und Schweiß durchnässten Klamotten von mir und verkroch mich in meinen Schlafsack. Ich aß trockenes Brot, Äpfel und Bananen, trank den Erdbeer-Joghurt. Der Regen wurden heftiger. Ich schlief schnell ein. Ein unangenehmes Gefühl, wenn dröhnende LKW einen aus dem Schlaf reißen. Manchmal hatte ich das Gefühl, wilde Tiere würden um mein Zelt scharren. Immerhin wusste ich nicht, wo ich mein Lager aufgeschlagen hatte. Meine nassen Klamotten befeuchteten die Innenseiten des Zeltes. Es wurde klamm. Die Kälte, der Regen zwangen mich, in meine leere Joghurt-Flasche zu pissen.

Gegen 6 Uhr erwachte ich. Beim Arsch abwischen bemerkte ich ein Lama, von einer Erhöhung mich beobachten. 390 Kilometer noch bis nach Abancay, weitere 190 nach Cuzco. Ich packte meine Sache zusammen, die Schuhe nass. Immerhin: blauer Himmel, die Straße dampfte. Es war merklich wärmer. Gott sei Dank!

Scheiße! Was sollte das? Meine Kawasaki sprang nicht an. Ich zog die Choke. Keuchender Motor. Verflucht. Warten. Und nochmal. Wieder keuchen. Und noch einmal. Mit Schwung. Gleiches Symptom. Ich wurde nervös. Mitten im Nirgendwo, auf über 4.500 Meter Höhe. Die nächste Stadt 70 Kilometer entfernt. Ich schob das Bike eine Anhöhe rauf, wendete und versuchte es mit Schwung. Kurz vorm Durchstarten, soff der Motor ab. Verdammt! Ich kontrollierte den Öl-Stand vom Motor. Verdammt! Die Dichtung wurde gerade repariert. Aber wo war das Öl hin? Ich goss nach. Warten. Und noch einmal. Die Batterie wurde schwächer. Scheiße! Ich wiederholte das Prozedere. Kurz nach Acht bereits. Der Nebel zog zu. Plötzlich hielt ein PKW. Nein, Señores, Automatik, kein Kickstarter. Die Batterie? Nein, kann nicht sein. Gerade aufgeladen. Vielleicht, aber doch … denn nass und kalt war es hier … sie schoben mich an. Zweiter Gang. Keuchender Motor. Die Batterie machte mich nervös, noch ein paar Mal und das Ding ist tot! Panik! Ich schaltete ab. Und noch einmal. Und noch einmal. Und nun? Ich sollte nach Nacza zurückrollen. Das sollte klappen. Die andere Richtung wäre zu heikel. Pampa, Regen, Nebel, 80 Kilometer zur nächsten Gemeinde, fast 400 Kilometer zur nächsten Stadt mit Werkstatt. Ich war skeptisch: 70 Kilometer 200 kg zurückrollen, im Leerlauf? Was blieb mir übrig? Scheiße! Verdammte Scheiße! Die beiden packten nochmal an und schoben … schoben mich die Anhöhe hinauf … und … puff! puff! … wreng! ratter! … plötzlich! wroaaaam! Der Motor sprang an! Wunder! Ich bin gerettet. Jetzt hieß es Gas geben – vielleicht war es wirklich die Batterie. Ich rief ihnen hinter her, winkend. Dann verschwanden sie im Rückspiegel. Also, nach Nazca … zurück von wo ich komme … nein, ich will es wagen! Ich möchte nicht wieder zurück. Ich wendete und drehte Richtung Abancay. Ich überholte sie, hupte und winkte. Und wieder verschwanden sie. Ich erreichte das Hochplateau. Aber. Was ist jetzt? Ich kam kaum über 92 km/h. Die Hupe war eher ein Röcheln. Mir wurde bange. Jetzt säße ich in der totalen Scheiße!

Aber, ich erreichte Abancay – die Maschine wurde wieder kräftiger, aber irgendetwas schliff – auf einer der schönsten Straßen bislang: Serpentinen hinauf, hundert Meter hohe Canyons hindurch, über rote wilde Ströme, an dessen Brücken sich kleine Dörfer ansiedelten, an Obst-Plantagen, winkenden Kindern und verwunderten Greisen vorbei. In Abancay wechselt ich sofort das Motoröl. In einen anonymen Herberge fand ich Obdach. Ich war der einzige Gringo in der Stadt.

Am nächsten Morgen. Vom Regen aufgewacht. Strömender Regen. Sintflut. Ich war frustriert. Nicht schon wieder. Ich war aufgekratzt, völlig verstimmt. Scheiß Motorrad! Teuer und immer teurer und nichts als Strapazen. Ich ging frühstücken. Schaute raus zur Tür. Der Regen schraffierte unfreundliche Visagen – wie in Deutschland. Immerhin, der Duft des frischen Brotes, die Rühreier mit Schinken, der Papaya-Saft und der Kaffee trösteten mich ein wenig. Freiheit. Ja, ich kann fahren wohin ich will, und halten wo ich will. Aber dieser Begriff der Freiheit ist zu sehr an Geld und Wetter gebunden. Freiheit ist, unabhängig zu sein. Zu wissen wie man, zu Brot und Wasser kommt, ohne sich zu verpflichten, ohne sein Herz warten zu lassen. Meine Freiheit ist erkauft. Ich lugte hinaus. Graue, dunkelgrauer Wolken dräuten sich über der Stadt zusammen. Verkaufen. Ich werde mein Bike verkaufen. Wenn, dass so weiter geht, erreiche ich Buenos Aires mit nichts. Feuerland ist jetzt zu weit weg. Unerreichbar. In Arequipa, spätestens in La Paz. Ich muss verkaufen. Scheiß Reparaturen! Allein der Sprit frisst über die Hälfte, von dem, was ich täglich Verfügung habe. Und diese Scheiß-Schuhe! Was kaufe ich Schuhe für 150 €, wenn diese nicht wasserfest sind, aber angeblich sein sollen! Gummistiefel! Und dieses Wetter! Das Brutzeln der Eier holte mich zurück. Der Kleine half Mutter in der Küche. Ferien. Peruanische Folklore im Radio. Im Gästehaus versuchte ich zu schreiben. Aber es gelang mir nicht. Ich grämte mich. Kaute an meinen Nägeln. Ich schielte zur Rumflasche. Nein! Nein, ich lass mich nicht vom Wetter unterkriegen! Scheiß drauf! Ich packte meine Sachen zusammen. Gegen 11 Uhr verließ ich die Stadt, 190 Kilometer nach Cuzco.

Ich hatte Glück, der Regen ließ nach. Ich wurde dennoch immer wieder nass. Die Abfahrt wurde gefährlich. Mehrfach bekam ich nicht die Kurve, ›flog‹ aus ihnen. Verdammt! Manche Haarnadelkurven konnte man mit 55 nehmen, bei anderen waren bereits 25 zu viel … und dann: Nebel. Wieder einmal. Und auf der Straße Kühe, scheißende Rinder, Ferkel, die sich vom Mast losgerissen haben, und die Leine nun hinter sich herzogen, Hähne. Und wenn es aufklärte, lagen – seelenruhig – Hunde mitten auf der Fahrbahn. Kinder spielten fangen in Kurven. Schlaglöcher. Bauarbeiter. Die Hütchen haben sie leider hinter der Kurve platziert. Der Regen ließ die Straßen teilweise überschwemmen – welch Freude das, in einer 180°-Kurve. Und die Busse! Bei einem war ich kurz davor umzudrehen, ihn zu verfolgen und zu töten! Da fährt dieser Neandertaler viel zu schnell, zur Hälfte auf meiner Spur, und macht mir mit Handzeichen deutlich, ich solle MEINE Spur räumen. Wohin, Du Witz? Soll ich ich auf der Steilwand entlang fahren? Herr! Lass Hirn vom Himmel regnen! Ich zeigte ihm den ›Fick-dich-Finger‹. Warum sind diese Menschen auf der Straße solche Idioten? Zeit ist hier eine hohle Phrase. Warum diese Ungeduld, diese Hektik am Steuer, dieses ›erst ich‹? Es stehen wohl noch nicht genug weiße Kreuze auf der Straße.

Am frühen Nachmittag, nach fast 5 Stunden Fahrt erreichte ich klitschnass ein im Regen untergehendes Cuzco. Zweifelnd, wie es weiter gehen soll. Und es kann so schön sein, allein auf der Straße, der Geruch von Gummi, Benzin, das Knattern der klr, der Duft ihres aufgehitzten Motors, der Fahrwind, die Serpentinen, die Bergdörfer mit ihren neugierigen Menschen, die Canyons mit der Sonne im Rücken …


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