Zigaretten, Wodka und die ‘Russendisko’

Erstellt am 6. April 2012 von Denis Sasse @filmtogo

© Paramount - Matthias Schweighöfer, Friedrich Mücke & Christian Friedel (von links nach rechts)

Erst musste Matthias Schweighöfer in seinem Regiedebüt ‚What a Man’ beweisen, was für ein Mann in ihm steckt, dann wurde er in ‚RubbeldieKatz’ zur Frau. In dem ersten Regiewerk von Oliver Ziegenbalg, der das Drehbuch zu dem Schweighöfer-Film ‚Friendship!’ lieferte, wird der Schauspieler jetzt zu dem russischen Schriftsteller Wladimir Kaminer. Vor zwölf Jahren veröffentlichte dieser seine Kurzgeschichtensammlung ‚Russendisko’, in der er über seine Übersiedlung von Russland nach Deutschland und seine Anfangsjahre in Berlin erzählte. Mit dem gleichnamigen Film wurde nun versucht, diese Vorlage auf die Leinwand zu bringen.

Es wird die Geschichte von den drei unzertrennlichen jungen Russen Wladimir (Matthias Schweighöfer), Mischa (Friedrich Mücke) und Andrej (Christian Friedel) erzählt, die im Sommer 1990 die Gunst der Stunde nutzen und nach Deutschland immigrieren, um hier ihr Glück zu finden. Mit wenigen Rubeln in der Tasche kommen sie in Ostberlin an und entdecken gemeinsam eine Stadt, die für sie zum spannendsten Ort der Welt wird. Andrej träumt vom großen Reichtum, Mischa von einer Karriere als Musiker und Wladimir weiß noch nicht so recht, was er will. Aber er trifft immerhin Olga (Peri Baumeister), die schönste Frau, die er jemals gesehen hat.

Friedrich Mücke, Christian Friedel & Matthias Schweighöfer

Ihr gegenüber stehen allerdings die schlechtesten Russen, die die Filmwelt je gesehen hat. Während Florian Mücke zumindest durch sein russisches Geträller noch so etwas wie eine passende Ausstrahlung entwickelt, präsentiert sich Schweighöfer im ganzen Film als besserer Ost-Berliner denn als russisch-stämmiger Kaminer. Ansonsten bekommt der Zuschauer zum dritten Mal binnen kürzester Zeit den Schweighöfer zu Gesicht, den man bereits aus ‚What a Man‘ und ‚RubbeldieKatz‘ kennt. Er weiß es derzeit seinen Typ zu vermarkten, riskiert dabei allerdings die gänzliche Übersättigung an seiner Person. Zugegeben, er ist der wenig muskulöse, witzige Charmeur, der als geliebter Schwiegersohn in jedes Haus einziehen dürfte. Nur schlägt er sich inzwischen mit dieser Masche durch jeden seiner Filme, ganz gleich ob er dabei nur als Darsteller vor der Kamera steht oder sich als Regisseur selbst inszenieren darf. Und somit verkommt hier Schriftsteller Wladimir Kaminer viel mehr zu Matthias Schweighöfer als andersherum.

Und das Leben in Berlin, bei Wladimir Kaminer in vielen kurzen Episoden geschildert, verkommt in der Filmversion zu ‚Russendisko‘ zum Bierdosen-Verkauf und dem Suchen und Finden von Olga, die Schweighöfer im größten Teil des Filmes anschmachten darf. Somit findet sich auch hier dieselbe Vorgehensweise wie in vorherigen Filmen wieder, in denen er Sibell Kikelli (‚What a Man‘) und Alexandra Maria Lara (‚RubbeldieKatz‘) für sich gewinnen wollte. Die Literaturverfilmung wird auch auf dieser Ebene in das bewährte Schweighöfer-Muster gepresst, obwohl der Schauspieler bereits in dem Fernsehfilm ‚Mein Leben – Marcel Reich-Ranicki‘ bewiesen hat, dass er überzeugend in die Rolle real existierender Personen schlüpfen kann. Nur hier ist es ihm nicht gelungen. Er scheint sich schon zu sehr an sich selbst als Rollenmuster gewöhnt zu haben.

Peri Baumeister als Olga & Matthias Schweighöfer als Wladimir

Dahingegen funktioniert das Zusammenspiel mit seinen Kollegen wunderbar. Das Dreiergespann Schweighöfer, Mücke und Friedel wirken überzeugend als langjährige Freunde, die gemeinsam scherzen, trinken und sich bemitleiden können. In jedweder Situation halten sie zusammen. Die Szenen, die sich diesen drei Schauspielern widmen, ohne die überrepräsentierten Frauengeschichten, bilden die Höhepunkte in ‚Russendisko‘. Aber wenn die drei Männer dann auf drei Frauen treffen und es vorhersehbar wird, wohin sich das Miteinander entwickeln soll, lenken auch die Mann/Frau-Missverständnisse nicht mehr davon ab, wo der Film seinen Fokus setzt. Und die Zeit, in der Kaminer die Russendisko betreibt, die dem Roman und dem Film seinen Titel gegeben hat, wird auf fünf Minuten zusammen gerafft. Dann wird fix ein mit Müll vollgestellter Partyraum entrümpelt, eine Musikanlage aufgestellt und schon bekommen die Zuschauer ein paar wenige Minuten Russendisko zu sehen, bevor sich der Film mit dem Happy End verabschiedet.

Auch wenn es natürlich eine schöne, persönliche Note ist, die das Filmende für das Leben von Wladimir Kaminer bedeutet, so belanglos und herkömmlich stellt sich der Weg dorthin dar. Natürlich nur in der filmischen Version der ‚Russendisko‘, die leider zu sehr zu einem Matthias Schweighöfer-typischen Film geworden ist, in der ein smarter, stets vergnügter Frauenschwarm durch die Eroberung der Geliebten auch die Herzen der Kinozuschauer auf seine Seite ziehen möchte. Aus Männersicht ist das inzwischen langweilig geworden, den Frauen bleibt zumindest Schweighöfer wie eh und je erhalten. Auf die Handlung muss da nicht mehr großartig geachtet werden.

Denis Sasse