Zeitverträge im Laufe der Zeit

Gerne wird in der öffentlichen Diskussion das Bild von einer Arbeitsgesellschaft gezeichnet, in der es nur noch befristet Beschäftigte gibt. Kein Wunder, dass nicht mehr Kinder geboren werden, heißt es dann. Wenn doch alle nur noch Zeitverträge bekommen.

Das ist richtig und falsch gleichzeitig. Falsch, weil die Zahl der Arbeitnehmer mit Zeitverträgen seit 2010 sinkt und mittlerweile wieder auf das Niveau von 2005 gefallen ist. Aber richtig, weil in einzelnen Altersgruppen mehr Menschen befristete als unbefristete Verträge haben. Wobei auch diese Relativierung wieder relativier werden muss, aber dazu später mehr.

Zunächst einmal etwas zu der überraschenden Erkenntnis, dass die Zahl der befristeten Arbeitsverträge sinkt, obwohl die Zahl der Arbeitsverhältnisse insgesamt steigt. Das zeigt eine Statistik des Statistischen Bundesamtes. Im Gebiet Arbeitsmarkt tummeln sich nämlich zwei große Statistik-Dienstleister, einmal die Statistik der Bundesagentur für Arbeit und dann das Statistische Bundesamt. Grob gesagt kümmert sich die Bundesagentur für Arbeit um Daten, die sich aus ihrer Verwaltungstätig sowie den Sozialversicherungsmeldungen ergeben, also bei den Agenturen für Arbeit gemeldete Arbeitslose, Teilnehmer an Weiterbildungsmaßnahmen, Empfänger von Leistungen (v.a. Arbeitslosengeld, Grundsicherung für Arbeitsuchende und Kindergeld mit Kinderzuschlag) sowie sozialversicherungspflichtige und geringfügige Beschäftigte.

Das Statistische Bundesamt ist auf dem Feld Arbeitsmarkt ausnahmsweise nur die Nummer 2. Hier werden die Daten für Erwerbslosigkeit nach den Kriterien der ILO erhoben sowie die der Erwerbstätigen, wo zu den abhängig Beschäftigten noch die Selbständigen addiert werden.

Die unten stehenden Daten beziehen sich auf abhängig Beschäftigte, stammen aber nicht aus den Meldungen zur Sozialversicherung, sondern wurden im Rahmen des Mikrozensus erhoben, daher ist die Quelle hier das Statistische Bundesamt.

Zeitverträge im Laufe der Zeit
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Aber da sind wir jetzt etwas abgeschweift. Die Grafik zeigt, dass die Zahl Arbeitsverträge insgesamt gestiegen ist, die Zahl der befristeten Arbeitsverträge aber seit 2010 fällt. Noch etwas deutlicher wird die Entwicklung, wenn man nur die befristeten Beschäftigten sowie ihren Anteil an allen Arbeitsverträgen betrachtet.

Noch schneller als die Zahl der befristeten Arbeitsverträge geht ihr Anteil an allen Arbeitsverträgen zurück, weil es insgesamt mehr Beschäftigungsverhältnisse gibt. Warum aber haben dann immer noch viele Menschen den Eindruck, dass es einen Trend zu befristeten Beschäftigungen gibt? Das hat drei Gründe.

Der erste Grund ist unsere Freude an schlechten Nachrichten - und die Begeisterung vieler Journalisten dafür. Dort ist noch immer die Auffassung verbreitet, ein positiver Beitrag sei immer gekauft.

Der zweite Grund hat ebenfalls mit unserer Psyche zu tun. Vor allem junge Menschen werden nämlich befristet angestellt. Das zeigt der Blick in eine andere Quelle, nämlich den Gesundheitsreport 2013 der Techniker Krankenkasse. Demnach sind rund 63 Prozent der unter 20-Jährigen nur befristet beschäftigt, bei den 20 bis unter 25-Jährigen sind es auch noch fast die Hälfte.

Nun ist die Situation nicht ganz so dramatisch, wie es auf den ersten Blick scheint. Denn in den Zahlen sind auch Ausbildungsverträge enthalten - und die sind traditionell fast immer Zeitverträge. Wer beispielsweise eine Ausbildung zum Fachangestellten für Markt- und Sozialforschung beginnt, der ist zunächst drei Jahre lang befristet beschäftigt, denn so lange dauert die Ausbildung.

Leider lassen sich diese Lehrverträge nicht rausrechnen. Allerdings ist der Anteil der Arbeitnehmer mit Zeitvertrag auch so unter den jungen Menschen hoch. Auch das führt zu dem Eindruck, es gäbe immer mehr Zeitverträge. Allerdings schaffen die meisten früher oder später den Sprung in eine Festanstellung.

Allerdings gibt es auch einen wahren Kern. Im Vergleich zu den 1980er Jahren ist der Anteil der befristet Beschäftigten nämlich immer noch überdurchschnittlich. Das zeigt ein Blick in die Originaldaten des Statistischen Bundesamtes.

Der Anteil der Angestellten und Beamten mit Zeitverträgen liegt demnach im Jahr 2014 mit 13,0 Prozent immer noch deutlich höher als 1991 mit 10,8 Prozent. Das waren die ersten Daten für Gesamtdeutschland, die Werte von 1985 bis einschließlich 1990 beziehen sich nur auf die alten Bundesländer und West-Berlin.

Insgesamt hat sich der Anteil der Arbeitnehmer mit Zeitverträgen immer wieder verändert, ist mal gestiegen und mal gesunken. In der Tendenz ging es tatsächlich immer leicht nach oben. Nach jedem Rückgang lag der neue Tiefstwert höher als der Alte. Charttechniker, die Börsenkurse analysieren, würden vermutlich eine steigende Trendgerade in die Grafik legen, zumal auch der aktuelle Wert von 13,0 Prozent noch über dem letzten Tiefstpunkt von 12,6 Prozent im Jahr 2002 liegt und der wiederum über dem davor von 11,0 im Jahr 1994. Aber auch an der Börse liegen die Chart-Propheten oft falsch.

Die Grafik zeigt außerdem, dass sinkende Anteile von Zeitverträgen kein gutes Zeichen sein müssen. So sank deren Zahl nach dem Platzen der New-Economy-Blase deutlich, bis auf die erwähnten 12,6 Prozent im Jahr 2002. Warum? Weil die Unternehmen Personal abbauten - und das geht am einfachsten, indem Zeitverträge nicht verlängert werden. Auch weniger Ausbildungsplätze bedeuten weniger Zeitverträge. Ideal für eine hohe Zahl von Zeitverträgen ist dagegen in beginnender Aufschwung nach einer Krise. Dann wird Personal gebraucht, aber die Firmen sind noch unsicher die Auswahl an Arbeitskräfte, die auch bei einem Zeitvertrag nicht "Nein" sagen, ist hoch.

Allerdings sollte man die Zahlen auch nicht überinterpretieren. Auch rechtliche Regelungen spielen eine Rolle. Gut sichtbar sind im Jahr 2005 die Auswirkungen des Teilzeit- und Befristungsgesetzes. Vor allem aber ist der Befristungsanteil in der Privatwirtschaft nur unterdurchschnittlich. Besonders hoch ist er ausgerechnet im Öffentlichen Dienst und bei gemeinnützigen Einrichtungen wie Gewerkschaften, Sozialunternehmen und Stiftungen. Aber dazu mehr im zweiten Teil.


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