Zeichnung auf neuen Wegen - "Walk the Line" im Kunstmuseum Wolfsburg, April bis August 2015

Zeichnung auf neuen Wegen - "Walk the Line" im Kunstmuseum Wolfsburg, April bis August 2015

Die neue Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg: Walk the Line - Neue Wege der Zeichnung, vom 26. April bis 16. August 2015, lotet aus, wie die moderne Kunst mit dem Mittel der Zeichnung umgeht - der Arbeit an der Linie statt in der Fläche. 

Im dritten Raum kommt die erste große Überraschung: Von der Decke hängen zahlreiche rote Fäden bis auf den Boden herab, es gibt keinen vorgeschriebenen Weg zwischen ihnen hindurch, ich darf mir meinen eigenen Weg suchen, auf die Gefahr hin, dass ich das Kunstwerk verändere, im begrenzenden Rahmen ist das erlaubt. (Der Rahmen bin ich selbst, ist meine eigene Verantwortlichkeit! so kommen mir die ersten Gedanken.) Katharina Hinsberg (geb. 1967 in Karlsruhe) hat diese Installation namens Spatien in einem mühsamen Arbeitsprozess geschaffen: Zarte schmale Seidenpapierbänder wurden mit Klebstift aneinandergefügt, einige über die Raumhöhe von 6,30 Metern hinaus, sie bilden auf dem Boden einen Knäuel; ohne Hilfe ging es nicht: Fünf Personen haben vier Tage lang daran gearbeitet. Was hat das mit Zeichnung zu tun? wird die Besucherin, der Besucher sich fragen. Hier hat die Linie den Raum erobert!

Hinsberg_Spatien047

Von alters her gilt die Zeichnung als "Denken mit dem Stift" - doch zeigen frühe Höhlenbilder, dass auch im vorrationalen, mystischen Zusammenhang bereits die Linie als Darstellungsmittel eingesetzt wurde; darauf macht der neue Direktor des Wolfsburger Kunstmuseums, Ralf Beil, in einer einleitenden Rede aufmerksam. "Denken mit dem Stift" - das ist nicht der Stand der modernen Kunst, diese Begriffsbestimmung reicht nicht mehr aus. Spätestens seit Mitte der 1960-er Jahre sei die Zeichnung über ihre klassischen Materialien und Techniken hinausgewachsen, schreibt der Kurator dieser Ausstellung: Dr. Holger Broeker, in einem einleitenden Aufsatz. Hinzugekommen seien u.a. konzeptuelle Ansätze und immaterielle Verfahrensweisen - und vor allem: der Raum wurde erobert (s. erstes Beispiel oben), ansatzweise auch die Dimension der Zeit.
Bewusst wird in der Ausstellung eine große Bandbreite gezeigt (wie Beil und Broeker in einem Gespräch betonen): 105 Arbeiten von 37 Künstlerpersönlichkeiten
– 15 Künstlerinnen, 22 Künstlern - aus vier Erdteilen. Die Arbeiten sollen "miteinander sprechen", die Gattungsbegriffe verlieren an Bedeutung. "Was geht Leute?" - diese Frage aus einem Eintrag im Gästebuch des Museums (zusammen mit der Skizze eines mickymaus-ähnlichen Kopfes) wurde zum Ausgangspunkt des Ausstellungskonzepts genommen. Christian Jankowski (geb. 1968 in Göttingen) hat aus dem Gästebucheintrag eine Installation aus Leuchtstoffröhren gemacht - eigens für die Ausstellung, die damit eingeleitet wird. Alles geht (heute), kann die Antwort lauten - oder doch vieles.

Mein persönlicher Gesamteindruck nach einem ersten Rundgang: Die Zeichnung wird hier auf ihren ursprünglichen Sinn zurückgeführt - sie will Zeichen setzen. Das geht mit der Linie besser als mit einer ausgemalten Fläche (in der Malerei gelingt das Zeichen setzen dann, wenn sie sich stark zurücknimmt, nach einem Prozess der Reduktion). Ein starkes Zeichen setzt Tim Wolff (geb. 1976 in Rumänien) mit seiner Arbeit Spießer; er hat sie in nächtlicher Arbeit ebenfalls eigens für die Ausstellung mit Rollen auf eine hohe Wand des Museums aufgetragen, die vom Treppenhaus und der Galerie aus eingesehen werden kann. Der Spießer ist der, der alles Unbekannte abwehrt, erläutert der Künstler, der während der Pressevorstellung anwesend war, außerdem habe er sich von Schlacht- und Kriegsbildern inspirieren lassen.

150421_KMW_0143_A4- Tim Wolff

 

Welche Zeichen setzen Lebewesen in der Natur? Karoline Bröckel (geb. 1964) geht gerne dem nach: 11 Jahre lang hat sie den Flug der Schwalben beobachtet und deren unglaublich ästhetische Fluglinien mit  Pigmenttusche auf Papier gebannt. Von ihr stammt ein weiteres Werk in der Ausstellung, bei dem die Bewegungen einer Birke im Wind mit Bleistift nachgestaltet sind.
Was passiert, wenn auf die (gezeichnete) Linie ganz verzichtet wird? Simon Schubert (geb. 1976) hat Bildeindrücke durch raffinierte Faltung von Papier geschaffen - von seiner Serie mit dem bezeichnenden Titel Licht werden vier Beispiele gezeigt, Licht auf Schreibtisch und Licht im Treppenhaus etwa.

Im sechsten Raum erlebt die Besucherin, der Besucher wieder eine Überraschung: sie oder er sieht sich plötzlich hinter Gittern. Mit einem vierteiligen gesandstrahlten Spiegel erwecken Awst & Walther (geb. 1983 in Wales bzw. 1978 in Dresden) diesen Eindruck, die Gitter wurden mit Maus- und Computerhilfe aufgebracht. Die Linie kann zur Grenzlinie werden, zum Zeichen der Ein- und Ausgrenzung - Politics of Space nennen sie ihre Installation.

150421_KMW_0129_A4-Awst

Zeichen des Umbruchs markiert Lada Nakonechna (geb. 1981 in der Ukraine) in ihrer Serie Constructing the new landscape mit einfach scheinenden Mitteln: Sie "entfremdet" romantische Idealbilder (Radierungen), indem sie ihnen in der unteren Hälfte Bleistiftzeichnungen von der Realität brutaler Demonstrationsszenen hinzufügt. (Lada Nakonechna war ebenfalls während der Presse-Einführung anwesend.)

Doch führte die Linie immer schon nicht nur zum Bild - sondern auch zur Schrift. Das verdeutlicht der Belgier Fred Eerdekens (geb. 1951) mit seiner Wandinstallation: Ungegenständliche Linien aus Metallstreifen werfen Schatten so, dass sie sich als Text lesen lassen, der zugleich in Frage gestellt wird: I prefer some ideas not to be expressed in words (etwa: Ich mag immer wieder Ideen, die sich nicht in Worten ausdrücken lassen) - eine raffinierte Arbeit, die spielerisch zwischen Fläche und Raum changiert.

Die Eroberung des Raums durch die Linie hat Pia Linz (geb. 1964) sozusagen von innen heraus ergriffen: Sie hat Stunden in einem Gehäuse aus Acrylglas verbracht, um das einzugravieren, was sie außen sieht: die Einrichtung ihres Ateliers, und anschließend die Linien durch Tönung mit Tiefdruckfarbe hervorgehoben.

Linz

 

Ein Ausstellungsteil ist der Beziehung zwischen Linie und Musik gewidmet. Jorinde Voigt (geb. 1977) hat alle 32 Klaviersonaten Beethovens in Zeichnungen umgesetzt, wobei es ihr um die subjektiv-emotionale Wiedergabe des Klangerlebnisses geht. Es sind schöne Zeichnungen entstanden, die einen besonderen Zauber ausstrahlen. Eher objektiven Charakter, so scheint es jedenfalls, hat das Werk Angela Bullochs (geb. 1966): Sie hat eine Zeichenmaschine entwickelt, die ein Musikstück über ein Computerprogramm als Kreise und Ellipsen an die Wand zeichnet.

Nicht alle Werke kann ich hier beschreiben - doch hoffe ich, ein wenig Neugier geweckt zu haben. Die Gemeinschaft des Kunstmuseums Wolfsburg hat hier wieder eine großartige Themenausstellung mit vielen anregenden Elementen auf die Beine gestellt - den Besuch möchte ich sehr empfehlen. Auch diesmal gab und gibt es wieder ein interessantes Rahmenprogramm: Schon am 26. April gab es ein ganztägiges Angebot zum Experimentieren und Ausprobieren "Draw the Line, ein Activity-Angebot rund um die Linie". Frage an die OrganisatorInnen: Lässt sich das vielleicht wiederholen? Am 4. Juni hält Andreas Platthaus von der FAZ einen Vortrag unter der Überschrift "Talk the Line". Und am 25. Juni 2015 findet ein Künstlergespräch statt: "Das geht, Leute!", mit Friederike Feldmann und Jorinde Voigt; Holger Broeker wird moderieren. Weitere Informationen unter http://www.kunstmuseum-wolfsburg.de/

Die Ausstellung dauert bis zum 16. August 2015. 

 Text: Dr. Helge Mücke, Hannover; Bilder von oben: Katharina Hinsberg: Spatien, 2011, Seidenpapier, Maße variabel, Museum DKM Duisburg, Courtesy Galleria Marie-Laure Fleisch, Rom, Foto: Werner J. Hannappel, (C) VG Bild-Kunst, Bonn 2015; Blick in die Ausstellung - Tim Wolff: Spießer, 2015, Courtesy Tim Wolff und Nusser & Baumgart, München, Foto: Marek Kruszewski; Blick in die Ausstellung - rechts Awst & Walther: Politics of Space, 2014, Courtesy Awst & Walther und PSM, Berlin, (C) VG Bild-Kunst, Bonn 2015, Foto Marek Kruszewski; Pia Linz: Gehäusegravur: Atelier, 2002/03, Gravur aus Acrylglas, mit Tiefdruckfarbe getönt, Courtesy Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart, Foto: Pia Linz, (C) VG Bild-Kunst, Bonn 2015 (Abbildung eines vergleichbaren Werkes). Die Bilder sind als Pressefotos nicht frei verfügbar. 


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