You come on just like special K

“Ihr Buch habe ich erhalten und gelesen. Es ist in seiner Art das fabelhafteste, das ich gesehen habe, ich bin überzeugt, wären Sie englischer oder amerikanischer Autor, so würde Ihr Werk in 100 000 Exemplaren von London bis zum Sudan gelesen werden.” Leo Perutz: Zwischen neun und neun, Roman

Da hat ausnahmsweise mal nicht Helmut Krausser das Wort an sich selbst gerichtet und das eigene Werk elegisch besungen, sondern sich vor 93 Jahren ein tatsächlich gescheiter Mann dem österreichischen Schriftsteller und Versicherungsmathematiker Leo Perutz zugewandt. Leo Perutz war Österreicher und hatte Pech. Sein Roman “Zwischen neun und neun” wurde als Emanation eines neuen Kafkas gepriesen und die Columbia sicherte sich 1922 auch flugs die Filmrechte. Dabei hat sie es auch dann belassen. Ein Film wurde nie gedreht und Perutz geriet in Vergessenheit, bis in den frühen 90ern ein kurzlebiger Hype den “zweiten Kafka” für einige Zeit wieder auf die literarische Bühne zurückholte. Doch erneut legte sich die Begeisterung wieder und wie die Lizenz im Tresor der Columbia auf ihre Verfilmung wartet, harrt das Perutzsche Werk nun erneut auf seine nächste Wiederauferstehung und Heiligsprechung.

Ob die kommen mag, ist fraglich. Perutz hat einiges zu bieten, doch der verkannte Klassiker, zu dem ihn einige Lektoren und Kritiker zu erheben versuchen, der ist er nicht. In die Nähe Kafkas hat man ihn gerückt, da die Texte des Österreichers skurril wirken und damit oberflächlich denen des Pragers zu ähneln scheinen. Absurd geht es gleichfalls zu, grotesken Figuren wird die Bühne bereitet und alles spielt im nachhallenden Ton der ausklingenden k.u.k.-Zeit.

“Zwischen neun und neun” verfügt eine faszinierende Anlage und ist beileibe kein misslungenes Buch. Alles beginnt vielversprechend und man liest die ersten 50 Seiten mit Genuss und stetig wachsender Vorfreude. Perutz führt ein in ein Wien der Mittelklasse, in dem wie in Martin Kessels “Brechers Fiasko” sich zuerst einmal die umtriebige und vertratschte Büroatmosphäre in den Mittelpunkt rückt. Behutsam werden Figuren eingeführt, deren Skurrilität sich einfügt in das Wiener Phantasiegebilde, welches der Autor zu entwerfen beginnt. Student Stanislaus Demba, von Neid und Eifersucht zerfressen, sieht sich eines Morgens gezwungen, bis zum Abend eine gewisse Summe Geld zu beschaffen, um damit, wie er vergeblich hofft, seine ihm abtrünnig gewordene Freundin zurückgewinnen und mit der Lockung einer Venedigfahrt an sich binden zu können. Demba ist dem Leser bereits vertraut und hat durch absurde Verhaltensweisen Aufmerksamkeit geweckt und begonnen, das Interesse auf sich zu ziehen. Er irrt durch Wien, verfüttert sein Frühstücksbrot an einen Hund, schlägt das Angebot eines hübschen Mädchens aus, lässt seinen Hut an der Garderobe baumeln und überrascht alle immer wieder aufs Neue mit den Hakenschlägen einer Vernunft, die flüchtig ist und ein Geheimnis birgt, das neugierig macht und stutzig zugleich. Die Atmosphäre erinnert an Gustav Meyrinck und die dem Verständnis sich entziehenden Winkelzüge tatsächlich an “spezial K” Franz Kafka.

Wien

Wien

Als nach etwa 60 Seiten der Knoten geschürzt wird und Dembas Malheur so deutlich zu Tage tritt, dass man sich lachend mit der Hand vor die Stirn schlagen möchte, da ist der Sack zu und die Story entgleitet dem Autor. Perutz versäumt es, die rechtzeitig eingearbeitete neue Handlungsfreiheit zu nutzen und die Erzählung von ihrem sorgfältig gezimmerten Fundament konsequent nach oben ziehen und ihr einen Dachstuhl einzusetzen. So gerät das Richtfest zur Trauerfeier und die Enthüllung bleibt bloße Enthüllung. Ohne dass er den Drive des Demba-Bekenntnisses in die Handlung aufnähme und weitere Facetten von Dembas Charakters freilegte, stürzt der Autor seinen Protagonisten von einer absurden Situation in die nächste. Handlung, Charakter, nicht einmal die Ästhetik bringt das weiter. Was zuvor wie das geheimnisvolle Wirken irrationaler Kräfte wirkte und in der Außenwirkung an Kafka erinnerte, gerät jetzt zur Slapstick-Kaskade und rutscht vollends ins Episodenhafte ab. Immerhin wird von der Außen- in die Innenperspektive gewechselt und man wird zum Zeugen der kommenden Ereignisse. Doch bleiben jene vereinzelt, vermögen nie ein schlüssiges Ganzes zu bilden, sind leider nicht mehr als die Einzelteile einer nicht aufaddierten Summe. Stanislaus bleibt wie er ist.

Das ist es, was an dem Roman so schmerzt! Angelegt zu etwas literarisch Großem, nimmt Perutz – weiß Gott, das Talent dazu besaß er im Übermaß! – die Geschwindigkeit heraus und lässt den Roman zwar ordentlich ausklingen, aber eben nicht zu dem werden, zu dem die Hoffnung Anlass gab. Tatsächlich sind viele Gedanken, die Demba äußert, von interessanter Gestalt. Es wird über den Begriff der “Freiheit” – hochaktuell – und den Sinn von “Strafe” referiert. Doch bevor es in die Tiefe gehen könnte, wird schnell wieder hineingesprungen in die lose Kette der Geldbeschaffungskampagne und das langweilt und ermüdet, da das Muster sich wiederholt und kaum etwas Neues hinzukommt. Das Ende des Romans ist schlicht überflüssig.

War die Atmosphäre bisher vom Slapstickhaften und Komischen geprägt, so wird die Klammer des Schelmenhaften zerbrochen und nun soll es auf einmal auf Leben und Tod gelten. Damit nicht genug. Als die Erzählung schon beschlossen ist und ihr narratives Ende gefunden hat, klebt Perutz ihr einen zweiten Schluss an und der geht in die Hose. Psychologisch, gebrochen und mehrschichtig soll es wirken, aber das tut es nicht. Aus einer ästhetischen Konzeption heraus mag dies Sinn machen; doch ändert es nichts am Inhalt und stellt lediglich einen augezwinkernden Bezug zum Titel her. Tatsächlich ist es unnötig und ärgerlich. Der Effekt verrauscht und man erinnert sich mehr Bobby Ewing und den Plot von Matrix 2+3, denn an eine austarierte und sinnvoll zu Ende geschriebene Erzählung. Geschweige denn an Kafka.

Hätte die Columbia Ernst Lubitsch einmal über den Stoff gehen lassen und der in bekannter Manier die Schwachstellen geglättet, die Stärken herausgearbeitet und das Ganze dramaturgisch gestrafft, könnte man sich einen angenehmen Schwarz-Weiß-Film vorstellen, in dem James Stewart, die Hände unter Dembas Pellerine verborgen, durch Boston zappelt und am Ende seine Frau auch kriegt. Denn dass etwas Tieferes daraus zu machen wäre, fällt nicht schwer zu glauben.

Bruten Butterwek

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