WM ohne Titel: So Kroos ist die Gefahr

WM ohne Titel: So Kroos ist die Gefahr
Taktische Fehler hat er schon viele gemacht, dieser aber dürfte die deutsche Fußballnationalmannschaft den Weltmeistertitel kosten. Es war das Spiel gegen Ghana, ein Finale um das Weiterkommen im Turnier am Kap, als Bundestrainer Joachim Löw in der 81. Minute den Faden und das Gefühl für Richtig und Falsch verlor. Nachdem der gebürtige Schwabe bereits in der Begegnung mit Serbien durch völlig erratische Auswechslungen aufgefallen war, bedeutet er jetzt, da das Spiel schon so gut wie gewonnen und die Weltmeisterschaft weiter in Reichweite war, seinem Spieler Toni Kroos, er möge sich zur Einwechslung bereit machen.
Ein folgenschwerer Missgriff, wie die Geschichte in den nächsten Wochen folgenreich beweisen wird. Die Statistik spricht eine klare Sprache, wie hier im Fußballfachboard PPQ bereits vor Wochen zu lesen gewesen war: Noch nie ist eine deutsche Mannschaft Fußballweltmeister geworden, wenn im Aufgebot ein in Ostdeutschland geborener Spieler stand. Nach einer ausgiebigen Analyse von 18 WM-Turnieren seit 1930 hatte der Deutsche Fußballbund vor Beginn der Spiele in Südafrika versucht, alle ostdeutschen Spieler aus dem Kader zu bekommen. Torwart René Adler (Leipzig) wurde ebenso verletzt wie Mittelfeld-Mann Michael Ballack (Chemnitz), dem Berliner Robert Huth und Clemens Fritz aus Erfurt konnten mit dem Verweis auf mangelhafte Leistungen eine Nominierung verwehrt werden. Warnend hatte sich zuvor Meistertrainer Felix Magath, im Herzen und vom Grundbesitz her selbst beinahe Ostdeutscher, zu den Qualitäten der Kicker aus der Ex-DDR geäuß0ert: Sie könnten viel, hätten aber eine Problematik, die „manchmal darin liegt, diese Voraussetzungen umzusetzen“.
Die Statistik ist da kalt und unbestechlich. 1990 noch auf dem Thron, stürzte die Nationalmannschaft ins Jammertal, kaum dass die ersten Spieler aus der ehemaligen DDR-Oberliga zum Kader stießen. Bei den Weltmeisterschaften 1994 und 1998 reichte es für die Kombination aus Deutschland West und Deutschland Ost gerade noch zu einem Plätzchen im Viertelfinale. Mit sieben Ostdeutschen im Kader ging 2002 das Endspiel verloren, mit dreien auf dem Platz (Schneider, Borowski, Ballack) scheiterte die Elf 2006 schon im Halbfinale.
Nun wollte der DFB offenbar nicht mehr zuschauen, wie Michael Ballack, als bester Ostdeutscher aller Zeiten im Adlerdress bis heute selbstverständlich ohne WM-Titel, noch ein Turnier mit dem Einzug in ein dann doch wieder verlorenes Finale krönt. Er entschloss sich zur Westlösung - alle im ehemaligen sozialistischen Osten geborenen Spieler wurden rigoros aussortiert. Damit gelang es erstmals seit 1990, als die letzte noch rein bayrisch-hamburgisch-rheinländische deutsche Abordnung zu einer WM Weltmeister geworden war, eine nahezu durchweg westdeutsch besetzte Truppe mit echten Titelchancen aufzustellen.
Nahezu, weil Jogi Löw wieder besseres Wissen beschloss, an dem aus Greifswald stammenden Toni Kroos festzuhalten. Im Trainerstab sei man der Ansicht gewesen, dass die DDR im Januar 1990, als Kroos geboren wurde, "schon nicht mehr existiert" habe, das Risiko sei also "vernachlässigbar", hieß es unter der Hand. Faktisch aber existierte die DDR aber natürlich bis zum letzten Stundenschlag des 2. Oktober 1990, weshalb warnende Stimmen im deutschen Lager immer wieder darauf drängten, den talentierten Mittelfeldmann aus Mecklenburg wenigstens nicht einzusetzen. Allen statistischen Unterlagen des DFB zufolge hätte das allein schon ausreichen können, Deutschlands Titelchancen zu erhalten.
Löw aber schlug nach der Verletzung von Bastian Schweinsteiger unerklärlicherweise alle Warnungen in den Wind. In einem kompletten Aussetzer reagierte der Bundestrainer völlig verkehrt. "Es war wie ein Blackout", schilderten Beobachter. Neun Minuten vor Schluss brachte Löw nicht den in Jugoslawien geborenen Marko Marin, der wunderbar in die Rolle des 54er Weltmeisters Josef „Jupp“ Posipal hätte schlüpfen können, der aus dem rumänichen Lugoj stammte, sondern setzte auf den Ostdeutschen Kroos. Nach allem, was die Statistiken wissen, sind die Titelchancen für die deutsche Elf sind damit passé - Jogi Löw wird sich später fragen lassen müssen, warum er es so weit hat kommen lassen: Die Tür zum Titel war offen, der Trainer selbst hat sie zugestoßen.Wir sprechen zwar verschiedene Sprachen. Meinen aber etwas völlig anderes.