Wissen Sie, was ein Homonym ist?

Von European-Cultural-News

Kabinett ad Co. präsentierten "Sehnen" im Tanzquartier Wien (Foto: Kabinett ad Co.)

Jeder von uns kennt sie, aber nur wenige kennen den entsprechenden Begriff dafür. Wikipedia sei Dank, gibt es eine rasch zu findende Erklärung.

„Als Homonym bezeichnet man ein Wort, das für verschiedene Begriffe oder unterschiedliche Einzeldinge steht…Ein Beispiel ist das Wort „Tau“, das ein Seil, einen morgendlichen Niederschlag oder den 19. Buchstaben des griechischen Alphabets bedeuten kann.“ Liest man weiter, so findet man allerlei Homonyme, aber eines nicht: Sehnen und sehnen.

Dieses war jedoch als Titel der neuen Choreographie von Paul Wenninger vorangestellt und von ihm in seiner ersten Assoziation sogleich den körperlichen Sehnen zugeschrieben worden. Erst aus der Idee heraus, dass eine Information im Körper selbst an Sehnen weitergeleitet wird, um diese in Aktion zu setzen – um zum Beispiel mit der Hand nach einem Wasserglas zu greifen – entwickelte sich das Konzept des Abends. Doch um das Gefühl des Sehnens mit jenen in Verbindung zu bringen, die in unserem Körper für unsere reibungslose Motorik mitverantwortlich sind, bedurfte es noch eines weiteren Gedankenschrittes. Wenn man sich nach etwas sehnt, so ist das, wonach man sich sehnt, auch in einem gewissen Abstand zu einem selbst vorhanden – also muss, um das Sehnen zu minimieren, auch hier eine gewisse Distanz überwunden werden. Und diese Überlegung führte zum Ausgangspunkt der Tanzarbeit, die im Tanzquartier Wien zur Aufführung gelangte.

Kabinett ad Co. bestehend aus Adriana Cubides, Raúl Maia, Rotraud Kern und Paul Wenninger selbst, agierten permanent zu viert auf der Bühne, die von einem weißen, erleuchteten Rechteck am Boden markiert worden war. Leo Schatzl, der schon des Öfteren mit Wenninger zusammengearbeitet hat, schuf eine Lichtinstallation, die sich während des Abends teilweise kaum wahrnehmbar veränderte und dennoch für Aufmerksamkeit sorgte. Er markierte damit keine klar definierten Räume, vielmehr ließ seine Arbeit dem Publikum Platz für eigene Spekulationen. Peter Jakober und Tiziana Beroncini agierten sowohl am pc als auch an der akustisch verstärkten Geige neben dem Geschehen direkt auf der Bühne und beeinflussten dieses durch ihre Musik maßgeblich. „Noise-Klänge“, zuvor von Beroncini an ihrem Instrument erzeugt und hundertfach elektronisch übereinander gelegt, kontrastierten zu einem stillen Part und beeinflussten die Bewegungsmuster sichtbar. Frozen human sculptures markierten das erste Drittel der Vorstellung und hinterließen den Eindruck, dass man einer fragmentarischen Handlung beiwohnte, ohne diese jedoch weiter deuten zu können. Die Zunahme der akustischen Dramatik brachte dann im zweiten Drittel auch eine Zunahme an zusammenhängenden Bewegungen, welche eine Lesbarkeit des Geschehens ermöglichte. Nun waren es nicht mehr die einzelnen Personen, sondern vielmehr die Interaktionen zwischen diesen, aus denen man ganz salopp gesprochen, eine Beziehungskiste erahnen konnte, wie sie so häufig im Leben zwischen Anziehung und Abstoßung, zwischen Attraktion und Verletzung zu finden ist. Plötzlich wurden Bewegungen, die im ersten Teil noch abstrakt gewirkt hatten, mit Bedeutungen hinterlegt – und das, obwohl Wenninger gar keine Geschichte erzählen wollte.

Tatsächlich aber musste er zumindest mit diesem Versuch, in der Abstraktion zu bleiben, an der Wahrnehmungspsychologie und den Zuschauern scheitern. Im anschließenden Künstlergespräch wurde mehr als deutlich, dass es für den modernen Tanz fast unmöglich ist, sich seiner narrativen Wurzeln zu entledigen. Allein durch die zeitlichen Abläufe von Bewegungen, auch wenn diese extrem verlangsamt ausgeführt werden, entsteht eine Abfolge von Bildern, die der Mensch ganz automatisch in eine sinnvolle Reihenfolge und eine lineare Geschichte verwandeln will. Diesem in der Gestaltpsychologie längst bekanntem Phänomen konnten sich die Tänzerinnen und Tänzer sowie der Choreograph nicht entziehen.

Alleine, dass sich der Choreograph für zwei Tanzpaare entschieden hatte, die sich auch im Privaten sehr gut kennen, lud dazu ein, dass sich im Stück Eigendynamiken entwickelten, die in der Kybernetik und Kommunikationspsychologie längst bekannt und gut erforscht sind. Diese Aspekte der Interaktion und der Rückkoppelungen waren von Wenninger in der Konzeption des Stückes nicht in letzter Konsequenz mit gedacht worden. Diese nicht oder zumindest unzulängliche Berücksichtigung der philosophischen und psychologischen Erkenntnisse der letzten 40 Jahre führte relativ schnell zu Missverständnissen und nicht beabsichtigten oder gar nicht erwünschten Effekten, wie es zumindest Wenninger im anschließenden Künstlergespräch erklärte. Allerdings hat er ohne es zu wollen, unbewusst und unreflektiert aufgezeigt, dass jeder Einzelne bei der Rezeption eines solches Stückes von den eigenen Erwartungen und der persönlichen Geschichte geprägt ist und deren Wirkungen eben auch auf die individuelle Interpretation Rückwirkungen entfalten. Gerade unter diesem Licht betrachtet bot das Stück, ganz am Puls der Zeit, die Möglichkeit, über eigene Beziehungen nachzudenken. Dem Ensemble ist es gelungen, einen Metaraum der Sehnsüchte und Beziehungen zu gestalten, der von allen Besucherinnen und Besuchern mit der eigenen Lebensgeschichte gefüllt werden konnte. Gerade unter Berücksichtigung der postmodernen Theorie ist diese Leistung eine der schwierigsten und wünschenswertesten überhaupt. Die Bühne war an diesem Abend ein Ort, an dem ein narrativer Freiraum gestaltet wurde, ohne dass dabei eine aus sich heraus verstehbare oder gar fest konzipierte Geschichte erzählt wurde. Bekömmlich, weil belebend für die einen, hartes Brot aber für jene, die vor einer Veranstaltung lieber ihre Denkfähigkeit bei der Garderobe mit abgeben.