Wireless Talk #4: Frank über den Weg zur Selbstfindung

In diesem Wireless Talk hatte ich die Möglichkeit, Frank einige Fragen zu stellen. Nach 10 Jahren freiberuflicher Tätigkeit wußte er, dass sich in seinem Leben etwas ändern musste. Frank ist dem Ruf des Jakobsweges gefolgt und hat dort nicht nur alte Leidenschaften wieder entdeckt, sondern auch einige Ansichten überdacht.

Wireless Talk mit Frank

In den Wireless Talks spreche ich mit inspirierenden Menschen, die ihre ganz persönliche Geschichte erzählen. Menschen wie du und ich, die den Mut hatten, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und nach mehr Selbstbestimmung und Freiheit zu suchen. Sie arbeiten ortsunabhängig, leben nach ihren eigenen Vorstellungen und sind Inspiration für den Rest von uns.

Im diesem Wireless Talk möchte ich dir Frank vorstellen. Im Folgenden teilt er mit uns ein Erlebnis, das einen großen Einfluss auf sein Leben hatte.

Die fesselnden Erzählungen vor Frank zeigen uns zum einen, dass es nie zu spät ist, etwas in seinem Leben zu ändern. Zum anderen ist die Geschichte ein perfektes Beispiel dafür, wie du deine eigene Leidenschaft entdecken kannst.

Hallo Frank, bitte stelle dich doch kurz vor?

Ok, ich bin Frank Derricks, 47 Jahre jung und seit über zehn Jahren selbstständig als Freelancer im Thema Online-/Mobile-Banking unterwegs. Unterwegs klingt schon nach ortsunabhängigem Arbeiten, aber meine Kunden, vorwiegend Banken oder IT-Dienstleister von Kreditinstituten, legen häufig Wert darauf, dass ich die gesamte Projektdauer über vor Ort bin. Also bin ich je nach Projekt mal ein paar Monate oder auch zwei Jahre an einem Ort, der meist nicht mein Heimatort ist.

Diese Lebensweise gefiel mir aber schon seit einigen Jahren nicht mehr. Ich träumte von einem schönen Heim in das ich abends nach der Arbeit zurückkehre, vielleicht mit einer Partnerin an meiner Seite. Am Wochenende wollte ich gerne Golfen gehen, mal einen Ausflug machen …

Ich suchte nach einer festen Anstellung und einem festen Zuhause. Vielleicht auch, weil ich seit fast zwei Jahren meine Möbel eingelagert hatte und mir dieses „Nestgefühl“ fehlte.

Zu Beginn des Jahres bist du den Jakobsweg gelaufen. Was hat dich zu dieser Unternehmung motiviert und was hast du auf dem Weg erlebt?

Ich wusste, irgendetwas muss sich ändern. Aber was? Was kann ich ändern und was liegt außerhalb meiner Einflusssphäre? Anfang des Jahres bin ich auf das Thema Jakobsweg gestoßen und es begegnete mir immer wieder. Ich übernachtete in einer „offiziellen Stempelstelle des Jakobsweges Fulda – Trier“, mein Mineralwasser stammte aus der St. Jakobusquelle und in einer Buchhandlung hatte ich „plötzlich“ den Kerkeling (Ich bin dann mal weg) in der Hand.

Frank auf dem Jakobsweg

“Der Camino führt nicht zu Gott, sondern zu mir selbst”

Also begann ich, die Ausrüstung zusammenzustellen und das Fehlende zu kaufen. Die neuen Wanderschuhe wurden in mehreren Tagestouren eingelaufen und ich habe getestet, wie es mir nach einer 35-Kilometer-Wanderung geht. Ich war platt aber glücklich. Nach ausgiebigen Recherchen war mein Rucksack gepackt und stand seit Ende Februar bereit.

In einer Nacht Mitte März habe ich beschlossen, die letzten Projektanfragen abzusagen, die Fahrkarte nach Bayonne zu kaufen und bin zwei Tage später gestartet. Ich befand mich jetzt auf einem Weg, den ich nicht kannte und hatte ein Ziel, von dem ich nicht wusste, ob ich es in den geplanten fünf Wochen erreichen würde.

Sich diesen Unbekannten zu stellen, war für mich eine Herausforderung.

Der Camino führte mich nicht zu Gott, sondern zu mir selbst. Die Etappen des Weges unterschieden sich sehr, nicht nur in ihrer Länge und der durchlaufenen Gegend. Mal war es eher einsam, mal gesellig, mal wir ich deprimiert und hatte Zweifel und mal ging es mir super.

Dieses auf und ab war wichtig und führte zu verschiedenen Sichtweisen auf ein und den selben Sachverhalt. Die langen Denkphasen, und das sind bei einem Weg von 800 Kilometern verdammt viele, helfen dabei, seinen eigenen Weg durch das Leben zu finden.

Ich habe viele Menschen unterschiedlichen Alters getroffen. Ein Ehepaar in den Sechzigern zum Beispiel, die den Weg in umgekehrter Richtung liefen, von Santiago bis nach Hause, nach Wien. Sie schienen glücklich zu sein.

Ich bin Anna aus Dänemark begegnet, die den Weg bereits zum zweiten Mal ging und ein Buch darüber schreibt. Und natürlich Harald, mit dem ich weite Strecken des Weges gemeinsam gegangen bin. Überrascht war ich von den vielen jungen Pilgern von Anfang/Mitte zwanzig. Ausbildung oder Studium fertig, kein Job in Sicht und jetzt?

Der Übergang von einer Lebensphase zur nächsten ist sicherlich hervorragend geeignet, sich eine Auszeit zu nehmen und in sich zu gehen. Ob das nun der Jakobsweg ist oder etwas anderes, das man sonst nicht tut, ist dabei nebensächlich. Ein Luxus-Wellness-Urlaub mit allem erdenklichen Schnick und Schnack wäre aber der falsche Weg.

Es geht schon darum, sich geistig und körperlich zu fordern und dabei auch Einschränkungen beim Komfort hinzunehmen. Wochenlang mit den zehn Kilo auszukommen, die Du jeden Tag auf Deinem Rücken trägst, ist eine bewusste Reduzierung auf das Wesentliche.

Und genau darum geht es. Dann spürst Du die Freiheit, Neues zu denken und zu wagen.

In den Herbergen hatte ich tolle Abende mit gemeinsamem Essen, Trinken und viel Unterhaltung. Am Tag läufst Du dann sehr häufig alleine, aber andere Pilger sind meist in der Nähe, Du bist also nie wirklich einsam.

Es gibt auch lange Strecken über zig Kilometer nur geradeaus, ohne Höhen und ohne Tiefen. Vor Dir unendlicher Weg, hinter Dir unendlicher Weg links und rechts unendliche Weitenfelder. Da gibt es nichts, was Dich ablenken könnte. Oder Du läufst durch die verwunschen wirkenden Wälder Galiciens.

Der Weg ist anstrengend aber herrlich und er öffnet den Geist.

Felder am Jakobsweg

Was hat sich seit deiner Rückkehr beruflich und privat verändert?

Vor der Rückkehr nach Hause lag die Ankunft in Santiago de Compostela an einem trüben Samstagmittag. Ostersamstag. Aus der Stille in eine überlaufene Touristenattraktion katapultiert. Ich kam mir vor, wie an einem sonnigen Wochenende in den Sommerferien, ausgekotzt vor Schloss Neuschwanstein. Sollte das die Erleuchtung sein?

Es dauerte Wochen oder sogar Monate, bis Stück für Stück die Veränderungen in meinem Leben bzw. meinen Ansichten und Zielen spürbar wurden.

Ich weiß heute, Erleben ist wichtiger als Besitzen.

Zunächst hat sich meine Sichtweise auf viele Dinge geändert. Diese Möglichkeit zur Veränderung liegt ja alleine in meinen Händen. Außerdem habe ich wieder entdeckt, wie viel Freude mir das Fotografieren macht.

Über den Weg habe ich abends immer in einem privaten Blog für die Daheimgebliebenen berichtet und so auch gemerkt, dass mir das Schreiben richtig Spaß macht. Schlussendlich kann ich besser mit Unsicherheiten umgehen und bin auch flexibler geworden.

Ich plane noch immer gerne, aber wenn es dann mal anders läuft, komme ich damit jetzt besser zurecht.

Grade bin ich dabei, mir eine günstige Basis im Schwarzwald zu schaffen. Von dort kann ich dann in die Welt starten, ob zu einem längeren Projekt beim Kunden oder zu für mich fremden Orten, um von dort aus im „Home Office“ zu arbeiten. Und diese Arbeit wird viel mit Schreiben zu tun haben. Auf alle Fälle werde ich Bloggen und vielleicht auch ein Buch schreiben.

Eine „sichere Festanstellung“ ist nicht mehr mein Ziel, denn so was gibt es einfach nicht mehr. Ich nehme mein Leben noch mehr als früher in die eigenen Hände. Die Möglichkeit, wieder sesshaft zu werden, schließe ich trotzdem nicht aus, bloß ist es kein Ziel mehr.

Welchen Stellenwert hat das “unabhängig sein” in deinem Leben?

Heute genieße ich die Unabhängigkeit und die Möglichkeit, an unterschiedlichen Orten arbeiten zu können. Auch habe ich festgestellt, dass es mir nichts mehr ausmacht, an lauteren Orten wie z. B. Straßencafés zu arbeiten. Das fällt mir viel leichter als in Großraumbüros, wo immer über Themen gesprochen wird, die evtl. auch für mich interessant sein könnten.

Ich kann heute freier entscheiden, ob ich ein Projekt annehme oder nicht. Durch die materielle Reduzierung auf das für mich wesentliche, kann ich die Kosten senken und auch längere Zeiten ohne großes Projekt überstehen. Das heißt nicht, dass ich mich von allem trenne und wieder zu Block und Bleistift zurückkehre.

Nein, ich mag mein iPhone und das MacBook, vielleicht auch, weil das Design so schlicht ist. Es ist Arbeitsgerät und da sollte man nicht sparen, sondern gute Qualität kaufen, die auch Spaß macht. Das ist so wie mit Rucksack und Schuhen auf dem Camino. Ich fühle mich einfach weniger fremdbestimmt.

Dorf am Jakobsweg

Auf dem Camino werden ein guter Rucksack und Wanderschuhe gebraucht – auch im alltäglichen Leben sorgt die materielle Reduzierung auf das Wesentliche für mehr Selbsbestimmung

Welche Ratschläge zum Ausstieg aus der Festanstellung und Finden der eigenen Leidenschaft kannst du unseren Lesern geben?

Ausstieg aus einer Festanstellung ist OK, klingt aber für viele sehr gewaltig und danach, mit allem zu brechen. Noch die Generation meiner Eltern hatte einen Beruf und vielleicht drei Festanstellungen in ihrem Leben.

Das hat sich geändert und ich bin davon überzeugt, dass wir zukünftig nicht nur für verschiedene Auftraggeber arbeiten werden sondern im Laufe eines Erwerbslebens mehreren unterschiedlichen Berufen nachgehen werden. Mal in Festanstellung und mal freiberuflich. Dazu werden auch Zeiten der nicht bezahlten Tätigkeit kommen (Elternzeit, Sabbatical, …).

Der Jakobsweg eignet sich hervorragend dazu, zu sich selbst zu finden, und neue Möglichkeiten zu entdecken oder eine Entscheidung nochmals zu durchdenken.

Er lehrt auch, sich darüber klar zu werden, dass es die Sicherheit einer Festanstellung nicht mehr gibt. Alte Konzerne verschwinden, neue entstehen. Ganze Geschäftsbereiche werden verlagert, verkauft oder einfach geschlossen. Darauf müssen die Betroffenen flexibel reagieren und das geht am besten, wenn Du bereits flexibel bist und nicht in starren Strukturen denkst.

Ganz wichtig ist aber, dass Du etwas tust, dass Dir Freude bereitet und dass Du gerne machst.

Im Idealfall sagst Du, dass Du Deinen Job liebst. Leidenschaft ist der beste Antrieb und hilft Dir auch, über eine schwierige Startzeit hinweg zu kommen. Der Weg bietet Dir die Gelegenheit, Deine Leidenschaft zu finden. Er ist eine Herausforderung und Orientierungsgelegenheit gleichzeitig. Der erste Schritt ist diese Phase der Orientierung.

Wo können Leser mehr über dich und deine aktuellen Projekte erfahren?

Noch befindet sich mein Blog zum Jakobsweg, der „Caminoclub“ in der frühen Anfangsphase. Bis Mitte Oktober sind aber dort die ersten Inhalte eingepflegt. Ich berichte detailliert von meinem Weg und gebe Tipps für die, die auf der Suche nach ihrem eigenen Weg sind.

Vielen Dank für die inspirierende Geschichte!

Wow, was für ein Erfahrungsbericht. Für gewöhnlich versuche ich Beiträge kurz zu halten und auf das Wesentlich zu beschränken. Bei dieser Geschichte gab es aber einfach nichts zu kürzen und ich hoffe, sie hat dich genau gefesselt wie mich.

Wenn du mehr über Frank und den Jakobsweg erfahren möchtest, dann schaue unbedingt im Caminoclub vorbei und lasse einen Gruß dort.

Arbeitest du selbst ortsunabhängig und hast eine inspirierende Geschichte zu erzählen? Oder kennst du jemanden, der dich ganz besonders inspiriert hat? Dann freue ich mich über einen Kommentar oder eine E-Mail an [email protected].

Lebe rastlos, zeitlos und grenzenlos


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