wir müssen dringend wieder lernen, uns selbst zu lieben.

Von Natasha Neverland @natashanvrlnd

letzten sonntag riss mich der anruf einer kollegin aus meinem wohlverdienten schlaf. sie fragte, ob ich am nächsten tag früher zur arbeit kommen könne, ein kind sei krank und müsse zuhause bleiben. gutmütig wie ich bin, bejahte ich und verfluchte mich am nächsten tag dafür. auf der arbeit erwartete mich ein hustendes kind und ich wurde gebeten, es zum arzt zu begleiten.

gesagt, getan. nach drei missglückten versuchen fanden wir endlich einen doc, dessen praxis nicht aus allen nähten platzte und der das kind auch ohne termin untersuchen wollte. wir setzten uns ins wartezimmer und warteten zwischen rotzenden babies und hustenden grundschülern. mir kamen fast die tränen. bei aller liebe kindern gegenüber, aber das war für mich die hölle auf erden. ich glaube, wenn menschen sagen, dass jemand „in die hölle kommt“, dann meinen sie eigentlich, dass dieser jemand den rest seiner existenz in einem wartezimmer beim kinderarzt verbringt – und dort bis in alle ewigkeit bleibt.

nach jedem niesen konnte ich förmlich die bakterien in der luft tanzen sehen. da ich gesundheitlich sowieso schon etwas angeschlagen war, passierte, was passieren musste: am anderen tag war ich ebenfalls krank. (jaja, inkubationszeit und so – ich weiss! aber wie bereits erwähnt: ich war gesundheitlich nicht ganz auf der höhe, der höllische wartezimmerbesuch war nur noch ein tropfen auf den heissen stein.)

ich lag also die ganze letzte woche krank in meinem bett. anfangs fand ich das gar nicht so schlimm. endlich hatte ich zeit, um alle angefangenen serien weiterzugucken und ohne schlechtes gewissen den ganzen tag zu schlafen.

bereits am zweiten tag hatte ich alles, was mich bei netflix interessiert hat, schon längst durch. bücher konnte ich nicht lesen, da ich kopfschmerzen hatte und so blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit mir selbst auseinander zu setzen. ich habe meine ganzen letzten vier lebensjahre bis ins kleinste detail analysiert und mich gefragt, weshalb ich in gewissen situationen so gehandelt habe, wie ich nunmal gehandelt habe. nach tagen des intensiven nachdenkens bin ich zu einem schmerzhaften entschluss gekommen:

ich habe vergessen, mich selbst zu lieben. 

ja, genau. ich wollte es immer allen recht machen – meinen eltern, meiner familie, meinen freunden. dabei habe ich ganz vergessen, dass ich es eigentlich niemandem, ausser mir, recht machen muss. damit verständlicher wird, was ich meine, nenne ich hier mal ein beispiel: ich wollte mein studium eigentlich schon nach zwei semestern abbrechen, liess mich dann aber von meiner familie überreden, weiterzumachen.

„du hast grosses potenzial!“ und „aus dir wird mal was!“ waren ihre argumente. schön und gut, doch es war nicht das, was ich hören wollte. im nachhinein wünsche ich mir, ich hätte an diesem punkt in meinem leben mehr auf mich und weniger auf andere gehört. ich hielt aber noch zwei weitere semester durch. erst der verlust eines geliebten menschen im mai 2017 öffnete mir dann die augen. ich hatte weder nerven, noch motivation, noch sonst irgendwas, das mich durch ein weiteres semester bringen würde – und so brach ich mein studium nach zwei jahren ab. ja, so kurz vor dem abschluss, so kurz vor dem ende.

vielleicht war es nicht die klügste entscheidung, aber es war meine und sie war richtig. ich bereue es heute, fast zwei jahre später, kein bisschen. ich bin auch dankbar für jede einzelne erfahrung, die die exmatrikulation mit sich gebracht hat. danke, universum. natürlich ertappe ich mich manchmal dabei, wie ich denke: „hättest du mal lieber die zähne zusammengebissen und weiter gemacht!“, aber echte reue verspüre ich nicht. innerlich weiss ich, dass meine entscheidung richtig war. diese gedanken, die ab und zu aufkommen, sind nur produkte meines schlechten gewissens den menschen gegenüber, die ich in diesem beispiel enttäuscht habe. aber: ich habe entschieden, dass es das beste für mich ist und somit aus selbstliebe gehandelt. 

doch zurück zum eigentlichen thema: ich habe mich auch gefragt, weshalb ich meine beziehungen immer wieder gegen die wand fahre. warum ziehe ich mich irgendwann zurück und baue eine dicke mauer auf? ich war mal in einer beziehung mit jemandem, der nahezu perfekt war und mich auf händen trug, doch irgendwas störte mich. es war mir „zu nahe“ und ich konnte nicht damit umgehen, so bedinungslos geliebt zu werden, weil ich einfach nicht verstehen konnte, weshalb ausgerechnet ich! warum hat diese person entschieden, ausgerechnet mir die welt zu füssen zu legen? ich bin es doch gar nicht wert. irgendwas in mir flüstert: „das hast du alles gar nicht verdient!“

und genau diese „ich bin es nicht wert“- und „das hast du alles gar nicht verdient!“-gedanken sind gift für das seelenleben. diese gedanken sind dafür verantwortlich, dass man sich selbst manipuliert und unnötig steine in den weg legt. es ist fast so, als würde man dabei zusehen, wie man absichtlich ein glas fallen lässt und dann sagt: „so, und jetzt setzte ich es wieder zusammen!“ (oder als würde man extra den bus verpassen, obwohl er vor einem steht und wartet.)

alleine schon die erkenntnis, dass ich es nicht immer gut mit mir meine und viel zu streng mit mir bin, hat mir extrem geholfen. ich habe endlich erkannt, dass ich ein problem habe, das ich lösen möchte und der erste schritt ist: ich muss endlich wieder lernen, mich selbst zu lieben. ich muss aufhören, für jede kleinigkeit, die in meinem leben schief gelaufen ist, eine rechtfertigung zu finden. das leben fragt nunmal nicht nach sonderwünschen.

an dieser stelle möchte ich gerne veit lindau (autor des buches „seelengevögelt„) zitieren:

„wir fühlen uns schuldig, wenn wir meinen, einen fehler begangen zu haben. dahinter steht der gedanke: „ich hätte anders, besser handeln müssen.“ hier sei als erstes gefragt, ob dies wahr ist. hättest du wirklich besser agieren können? oder war damals einfach nicht mehr drin? weil du nicht mehr wusstest, nicht mehr konntest? (…)“

ich weiss noch, wie erleichtert ich nach diesen zeilen war. sie beschreiben genau das, was ich hier seit einigen abschnitten versuche zu erklären: hätte ich wirklich besser agieren können? ja, ich hätte auf meine familie hören, mein studium durchziehen und danach komplett am ende sein können. aber: damals war einfach nicht mehr drin. weil ich nicht mehr wusste, weil ich nicht mehr konnte. ganz einfach. mittlerweile habe ich erkannt, dass ich kein verlierer bin, nur weil ich auf mich gehört und mein studium abgebrochen habe. ich habe in diesem moment meine bedürfnisse über die enttäuschung und die bedürfnisse meiner familie gestellt und für mich entschieden, dass zu diesem zeitpunkt nur eines wichtig ist: das, was ich will. 

in den vergangenen tagen der krankheit und selbstfindung ist mir ausserdem aufgefallen, dass ich einen ungesunden hang zum perfektionsmus entwickelt habe: ich möchte, dass das, was ich mache, perfekt ist. wenn es das nicht ist, bin ich unzufrieden. und ich rede hier nicht von normalem ehrgeiz, ich weiss natürlich, dass jeder von uns das bedürfnis hat, sein bestes zu geben. nein, ich rede von dieser art perfektionismus, die mich blockiert. die art von perfektionismus, die dafür sorgt, dass ich anfange etwas zu schreiben, es für nicht „gut genug“ empfinde und fast einen heulkrampf kriege. so war es auch, als ich angefangen habe, diese zeilen hier zu schreiben. ich habe unzählige anläufe gebraucht, den laptop immer wieder zugeklappt und die datei gelöscht. doch ich komme nicht weiter, wenn ich jetzt einfach aufgebe. den kopf in den sand stecken, das kann ich am besten. dieses thema liegt mir schon sehr lange auf dem herzen und ich glaube, dieser kalte, sonnige sonntag heute war genau der richtige, um endlich alles auf papier zu bringen.

es ist mir egal, wer das hier liest und ob es „gut genug“ ist. es ist von mir, für mich. und von mir, für euch, ist folgendes: lernt dringend wieder, euch selbst zu lieben.

namasté. 

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