Wir haben aus Hamburg gelernt- Grüne Bildungspolitik im Fokus - Sven Lehmann im Gespräch (3)

Freiheitsliebe: In NRW sind die Grünen zu einer „sehr demokratische Lösung“ gelangt: Eine Rot-Grüne Minderheitsregierung. Eines der wichtigsten Themen für die nächste Legislaturperiode wird die Bildungspolitik sein. Darauf würden wir gerne als nächstes eingehen: Schülerinnen und Schüler haben weiterhin ihre Bedenken, was die anstehenden Reformen der Rot-Grünen Koalition angeht. Vor den Wahlen sprachen wir von dem Konzept „Eine Schule für Alle“ und dies wird nach den Wahlen den Kommunen und Eltern überlassen, ob sie solch eine Schulform annehmen möchten. Abitur in 8 und 9 Jahren wird auch den Schulen frei zur Auswahl gestellt. Auf Grundlage dieser Reformen, frage ich mich, wann wir in Köln mit „einer Schule für Alle“ rechnen können, die zugleich sich auch nicht von der Wirtschaft beeinflussen lässt und das Turbo-Abitur in 8 Jahren den Schülerinnen und Schülern aufzwingt?
Sven: Erstens: Die Grünen wollen unbedingt eine Gemeinschaftsschule und das längerr gemeinsame Lernen fördern. Was nur dabei wichtig ist, ist der Weg. Wie kommen wir dahin?
Wir haben aus dem Volksentscheid in Hamburg gelernt, dass bereits minimale Veränderungen im Schulsystem, die von Oben verordnet werden, auf großen Widerstand stoßen. Das heißt, dass das Land anders vorgehen muss: Ein klares Ziel definieren und dafür werben, dass durch Schüler- und Elternwillen das längere gemeinsame Lernen sich durchsetzen wird.
Wir haben jetzt schon die ersten Anträge von Gemeinden in NRW, die die Schulformen zusammenlegen möchten.
Zu der Frage wie es in großen Städten sein wird, möchte ich darauf hinweisen, dass wir viele Initiativen haben, die längeres gemeinsames Lernen auch in ihrer Stadt haben möchten. Zum Beispiel haben wir Anträge aus Köln-Nippes und Bonn, die eine weitere Gesamtschule wollen.
Schulchaos?
Freiheitsliebe: Wie wertest du denn die These, dass es zu einem Schulchaos kommen wird? In Köln werden doch sicherlich nicht so leicht Gymnasien schließen!
Sven: Wir versprechen uns sukzessive Änderungen, die im Zuge der Schulreformen in gang kommen wird. Wir wissen zum Beispiel, dass wir miserable Anmeldezahlen für die Hauptschulen haben: Das Modell der Hauptschule wird sich mittelfristig erledigen, da die Eltern ihre Kinder nicht mehr dort anmelden. Wenn aber die Eltern die Möglichkeit haben, ihre Kinder an einer Schule anzumelden, wo es einen Hauptschul-, Realschul- und Gymnasialzweig gibt, werden die Eltern davon überzeugt sein, dass die Kinder voneinander lernen können und dass die Zukunft eines Kindes nicht im Alter von 9 Jahren entschieden werden kann.
Freiheitsliebe: Kurze und stachelige Frage: Schulchaos durch G8 und G9?
Sven: Die letzte Landesregierung hat einen völlig falschen Weg beschritten, indem sie in der Sekundarstufe I ein Jahr gestrichen haben und nicht wie wir es mal überlegt hatten, in der Oberstufe ein Jahr zu kürzen. Mit der Streichung in der Sekundarstufe I hat man die Schüler der Gymnasien noch mehr unter Druck gesetzt, gleichzeitig die Durchlässigkeit zwischen Gymnasien, Gesamtschulen, Realschulen und Hauptschulen quasi unmöglich gemacht. Das Problem ist nur, dass sich die Gymnasien sich jetzt auf G8 eingestellt haben: Lehrpläne wurden verändert, man hat neue Schulbücher entwickelt, usw. Würden wir das Rad jetzt pauschal wieder zurückdrehen, müsste man mit erneuten Kosten und Verwirrungen rechnen. Wir wollen den Schulen die Entscheidung lassen, ob sie diesen Weg gehen möchten oder ob sie zu G9 zurück möchten..
Rassistische Politik
Freiheitsliebe: Wir sehen in unserer Demokratie klare Defizite: EinwanderInnen, die eine andere Bildungspolitik möchten, dürfen aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit nicht wählen.
Wir kennen viele Jugendliche, die sich mit der deutschen Politik auseinandersetzen, jedoch aus der Demokratie ausgeschlossen werden! Ist das eigentlich akzeptabel?
Sven: Das ist ein Skandal! Für jeden Menschen, egal welcher Herkunft, gilt, dass er Entscheidungen mittreffen dürfen muss, die ihn betreffen!Bei jeder Volksentscheidung, bei jedem Bürgerbegehren, bei jedem Bürgerentscheid, die alle Menschen betreffen, sollten auch alle mitentscheiden dürfen. Punkt! Eine ganz einfache Grundregel. Dafür werden wir als Grüne auch weiterhin uns einsetzen und daran arbeiten.
Freiheitsliebe: Das demokratische Miteinander fehlt in gewissen Maßen auch an Schulen: Wir sehen ein Problem darin, wie die heutige Jugend miteinander umgeht! Rassistische und homophobe Aussagen sind längst im Alltagswortschatz verankert. Gibt es von der jetzigen Bildungsministerin klare Vorstellungen, um dieses Problem zu bekämpfen?
Sven: Zunächst möchte ich auf die Shell-Studie hinweisen: Beim ersten Lesen sieht man, dass die Jugend optimistischer in die Zukunft blickt, als vor vier Jahren. Jedoch die Zahl der Jugendlichen, die pessimistisch in die Zukunft blicken, ist auch angestiegen. Das ist erstmal ein alarmierendes Signal.
Was ich auch gelesen habe, dass fünfzehn Prozent aller befragten Jugendlichen nicht möchten, dass in ihrer Nachbarschaft entweder ein Jude, ein homosexuelles Paar, oder ein russischer Einwanderer wohnt. Schlimm!
Wir müssen in der Tat an Schulen ansetzen mit Projekten wie „Schlau NRW“ (Schwul-Lesbische Aufklärung NRW),. Diese Aufklärungsarbeit, wurde von der Schwarz-Gelben Regierung vernachlässigt, bzw. platt gemacht. Dieses Projekt wird jetzt wieder gestärkt und wir möchten auch diese Problematik stärker angehen, indem wir es flächendeckend an möglichst allen Schulen umsetzen.
Dies ist der dritte Teil der Interview-Serie "Sven Lehmann im Gespräch", der erste beschäftigte sich mit der Vegangenheit der Grünen, dem Unterschied zur SPD und den Linken und der Einordnung im Parteiensystem. Der zweite Teile beschäftigt sich mit Ungerechtigkeiten in der Politik und dem Arbeitsmark. Der vierte beschäftigt sich mit dem alltäglichen Rassismus und Sarrazin... -Die Freiheitsliebe-

wallpaper-1019588
Zusammenfassung der E3 2021: Mäßig, oder Hype?
wallpaper-1019588
Covid-19: Vierte Welle im Anmarsch?
wallpaper-1019588
Aldi Süd offeriert Motorola Moto G20 ab Juli
wallpaper-1019588
Wien mit Hund erleben