Winters Plagiate

Jemand musste Winter verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens angerufen.
Winter habe abgeschrieben, eine heftig-deftige Stimme bellt es in sein Ohr, ganze Bücherregale seiner Kopfbibliothek fegt der morgendliche Orkan in die hintersten Räume; kahle und dunkle Ecken des Hirns, die selbst Winter noch nie zuvor betreten hat, auch wenn er es sich vorgenommen hatte, aber stets hielt ihn etwas davon ab, sei es eine Ratte, ausgestattet mit dem Kopf der Medusa, oder aber ein Reh mit dem Antlitz eines Vampyrs aus den Zeiten des John Polidori. Diese Geschöpfe waren ihm Warnung, sich nicht noch weiter in die Tiefe des Kopfes zu wagen. Also beließ er es beim vorsichtigen Abstauben der vordersten Buchrücken, die sich ihm stöhnend entgegen reckten und ihn inständig baten, diese Wohltaten nicht enden zu lassen. Die Rücken flüsterten ihm Schmeicheleien zu: Oh, er verstehe sich mehr als gut auf das Handwerk der sanften Buchmassage. Ein großer Literaturliebhaber wohne da in ihm. Und wenn er es wünsche, dann könne er sich entkleiden, denn alles, was hier sich ereignen könnte, würde selbstredend unter ihnen bleiben.
Winter schüttelte nur den Kopf und ging mit hochroten Ohren.
Aber all dies Aussagen seiner Bücher, die ihm vielleicht Verteidigung wären, bringen Winter nun nichts, der sich der Anklage ausgesetzt sieht, einige seiner Romane bei den Großen der Literaturgeschichte beliehen zu haben.
Man konfrontierte ihn mit seinem Roman SABINE, der mit den Worten beginnt: „Sabine, Schicht meines Lebens, Ungeheuer meiner Lenden. Meine Angst, deine Zähne. Sa-bi-ne: die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei schmerzhaft gegen die Zähne. Sa. Bi. Ne!“ Er solle sich da ja mehr als dreist und unverschämt bei Nabokov bedient haben.
Winter bleibt ruhig und kalt und fragt den Anrufer: „Wer? Nabokov? Noch nie gehört? Wer soll das denn überhaupt sein?“
Er würde schon sehen, was jetzt passiere, denn von nun an würden die Anwälte das Wort führen, giftet der Anrufer und beendet mit einem „Idiot“ das Gespräch.
Winter starrt noch eine ganze Weile auf den Hörer und lässt die Titel seiner letzen Romane Revue passieren: Der Räuberberg, Doktor Faust jagt Doktor Mabuse, Härter – Die Leiden eines jungen Mannes in der BDSM-Szene, 2667.
Er kann da keinen Diebstahl entdecken. Um sicher zu gehen, sucht er seine Bibliothek ab, aber selbst nach zwei Wochen intensivster Suche ist ihm kein verdächtiger Fang ins Netz gegangen.
So kehrt Winter reinen Gewissens in sein Arbeitszimmer zurück. Er verfasst einen Brief an das gegen ihn ermittelnde Anwaltsbüro, darin er mitteilt, er sei sich keiner Schuld bewusst, wohl wolle er aber Sühne üben, wenn man ihn tatsächlich überführen würde. Da könne nur eine dunkle Hyde-Seite in ihm gewirkt haben, die sich in Momenten des scheinbaren Schlafs einen Weg an die Oberfläche gegraben habe. Krieg und Frieden seien für das Wohl des Menschen zwei maßgebliche Züge. Er sinne natürlich dem Frieden nach, er sei schon ein kleiner Herr Friedemann, und man möge ihn nun doch lieber in Ruhe lassen, damit er sich wieder auf sein Werk konzentrieren könne.
Winter schließt den Brief mit den Worten: So kehre ich denn eiligst wieder zurück in meine Welt als Wille und Vorstellung, darin der Weltgeist einfach keinen Platz hat.
Schreibt es und empfiehlt sich gleich für seinen nächsten Roman mit dem Titel „Die Verwesung der Welt“. Ein kühnes Buch über Kant und seinen Diener Lampe. Man würde schon sehen, da würde sich ein Welterfolg als Silberstreif am Buchpreishimmel abzeichnen.
Winter überliest sich rasch. Dann sendet er sein elektronisches Briefchen ab und arbeitet mit gerunzelter Stirn an seinem Gedicht „Die Glocken“ weiter. Es soll heute noch an ein Magazin gesendet werden. Es eilt also. Winter lässt sein Genie überkochen. Er schwitzt in seinem Wörtersaft. Nur manchmal, da blickt er rasch zur Seite, man kann nicht recht erblicken wohin, aber schon im nächsten Augenblick schreibt er weiter.